Zu Fuß über die Alpen

Alpenüberquerung Auch Untrainierte können sich den Traum einer Alpenüberquerung erfüllen. Vom Tegernsee aus geht es nach Südtirol... Von Wolfgang Albers
  • 7b14a51a-7d12-4505-a72a-0d1eeed8a45c.jpg
    Foto: Wolfgang Albers
Hannibal hätte besser vorher einmal bei Georg Pawlata nachgefragt. Die Alpenüberquerung des Karthagers war dramatisch, Zeichner haben sie später genüsslich ausgemalt: schwindelerregende Pfade, auf denen die karthagischen Krieger mühevoll heraufkraxeln und von denen die Kriegselefanten spektakulär herunterpurzeln. Muss alles nicht sein, sagt Georg Pawlata. Ein Innsbrucker, der für die Arbeitsgemeinschaft Weitwanderwege arbeitet und sich vor allem mit einem besonders beliebten Teil der Mehrtage-Trecks auskennt: der Alpenüberquerung.
Schwierig? Am Schlegeisspeicher hat Georg Pawlata eine kleine Gruppe um sich versammelt. Das ist ein Stausee auf 1800 Meter Höhe in den Zillertaler Alpen. Ringsum bauen sich gletschergekrönte Dreitausender auf, von allen Seiten rauscht ihr Schmelzwasser in den See. Die Blicke haben Auslauf, die Baumgrenze ist erreicht. Zirben, niedrig und locker verteilt, setzen die letzten Tupfer Grün in dieser Felsarena. Eine hochalpine Landschaft, eigentlich etwas für erfahrene Bergsteiger.
Georg Pawlata aber führt die Gruppe über einen breiten Plattenweg. Eher eine Spazierpromenade und mit der Absturzhöhe Null. Aber man kennt das ja: Plötzlich wird so ein Pfad schmal, tun sich Abgründe auf, werden die Knie weich und die Sinne schwindelig. Aber: Alles bleibt ganz entspannt, auch, als der Weg in diesem Hochtal, dem Zamser Grund, so langsam an Höhe gewinnt. Hier kann man straflos in die Gegend gucken: Auf die Felsblöcke, die dem Talgrund ein bisschen die Aura eines Skulpturenparks geben, auf die Wasserfälle, die die Bergflanken heruntertosen, auf die Felszacken an der Himmelslinie. Hier spielen die so oft übererschlossenen Alpen einmal norwegische Einsamkeit.
Ein Gletscher hat der Gruppe den Weg planiert, erklärt Georg Pawlata. Schon eine Weile her. Ein breites Monster war es, in der letzten Eiszeit, das das ganze Tal ausgehobelt hat. Nur die Bergspitzen, die anders als die runden Talflanken noch spitz und zerfurcht sind, hat der Gletscher nicht erreicht. Der Gruppe soll es recht sein. Der Weg bleibt bequem – und erreicht gut 400 Höhenmeter später eine Anhöhe mit Grenzsteinen und -schildern, einen offenen Schlagbaum und leere Zollhäuschen. Das Pfitscher Joch. Weit geht der Blick hinunter nach Süden. Südtirol liegt zu Füßen der Wanderer, die Alpen sind überwunden. So einfach kann das also sein.
Ein Gletscher hat der Gruppe den Weg gebahnt.
Alpenüberquerungen stehen auf der Hitliste der Weitwanderer ganz oben. Allerdings bleibt es manchmal beim Wunsch. Routen wie der Fernwanderweg E 5 von Oberstdorf nach Meran haben einige knackige Etappen, die Kondition und alpines Können erfordern. Das traut sich dann doch nicht jeder, wie die Arbeitsgemeinschaft Weitwanderwege weiß. Deshalb hat sich Georg Pawlata vor einigen Jahren auf den Weg gemacht und so lange herumgesucht und gepuzzelt, bis seine Alpenüberquerung beisammen war und mit den Tourismusorganisationen vor Ort auch praktisch umgesetzt wurde.
Wichtigstes Kriterium der neuen Route: Sie muss ungefährlich und wandertechnisch einfach sein, also auch nicht so Trainierten ihren Traum möglich machen. Das zielt gerade auch auf eine ältere Klientel. Und deshalb ist die Route nicht auf Schinderei angelegt, sondern auf Genuss. Schon das Motto spricht für sich: „Vom Bier zum Wein“.
Start ist am Tegernsee, eher eine Spielwiese der Schönen und Reichen als alpine Arena. Auf der ersten Etappe kann man so klassische bayerische Wirtschaften und Biergärten passieren (und eine Dependance der Sylter Kultkneipe Sansibar), Nobelautos vor Fünf-Sterne-Hotels begucken oder sogar ein Stück über Sandstrand laufen. Und sich schließlich mit einer Ruderfähre über eine Bucht schippern lassen.
Gut, es wird schon noch alpiner. Aber erst mal gemächlich. Schon am Achensee läuft man wieder neben den Segelbooten her und kann eine Badepause einlegen. Dann droht es aber ungemütlicher zu werden. Eigentlich wartet ein langer Abstieg ins und ein Hatscher über das Autobahn-dominierte Inntal. Aber es geht auch stilvoller und entspannter. Hinunter bringt einen die Achensee-Dampf-Zahnradbahn, hinüber nach Fügen die Zillertalbahn – und hinauf aufs Spieljoch die Seilbahn. Dort oben startet eine Panoramastrecke über dem Zillertal. Busse fahren den Wanderer wieder hinunter ins Tal und weiter zum Schlegeisspeicher. Natürlich kann man auch die gesamte Strecke laufen. Dann hätte man rund 260 Kilometer zu machen. Durch den Einbau von Bus und Bahn reduziert sich das auf 110 Kilometer und 3500 Höhenmeter. Das kostet nicht so viel Kraft und Zeit – und erlaubt auch Übernachtungen in Hotels und Gasthöfen.
Georg Pawlata
Also noch ein Pluspunkt für die, die nicht im Hütten-Massenlager (wo sie auch erst mal einen Platz kriegen müssen) gegen ein Schnarchkonzert um Schlaf ringen wollen. Ein Konzept übrigens, das von Anfang an viele auf die Strecke gelockt hat.
Auch wenn sich die Etappen nach einer Alpen-light-Version anhören – sie bieten das volle Programm der Landschaftsbilder und Kulturzonen. Hinauf und auch hinab. Vom Pfitscher Joch schlängelt sich ein Pfad in das Pfitschtal. Ein noch sehr stilles Südtiroler Seitental mit großen Höfen in weiten Wiesen, immer wieder von kleinen Kapellen akzentuiert. Über den waldbedeckten Hängen ragen mächtige Felsmauern auf.
Das Schöne ist: Dieses Talidyll bleibt bis zu den letzten Metern und dann steht man plötzlich über Sterzing. Die Stadt, die man nur vom Vorbeifahren kennt. Nun erlebt man einen Mix aus mittelalterlicher Stadtarchitektur und südlichem Straßenleben. Und kann durch Altstadtgassen schlendern, in Kirchen mit Kunstschätzen hineinsehen, schließlich in eine der vielen Gaststätten der Südtiroler Stadt einkehren.
zurück
© Schwäbische Post 05.08.2016 17:17
Ist dieser Artikel lesenswert?
2443 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.