Bald blüht uns wieder was

Botanik Erste Blüten und Knospen künden vom baldigen Frühling. Die verschiedenen Samen brauchen ganz spezielle Keimbedingungen.

Was wäre das für ein Konzert, könnte das Ohr wahrnehmen, wie die Natur im Frühling erwacht. Ein Knistern und Knacken, Rascheln und Rauschen, ein Ploppen und Platzen allerorten. Jedes Jahr aufs Neue vollbringen Knospen, Blüten und Samen das grüne Wunder des Wachsens und Blühens. Da schieben sich plötzlich zarte Schneeglöckchentriebe aus dem noch kalten Boden, Frühblüher wie Haselnuss oder Kornelkirsche setzen erste Farbtupfer, und im Boden beginnen unter den ersten Sonnenstrahlen viele Samen zu keimen.

Unterschiedliche Ansprüche

Millionen von Samen beherbergt beispielsweise der Waldboden. Manchmal schlummert die Saat jahrelang vor sich hin, bis eines Tages alle Bedingungen stimmen, um zu keimen. Dabei sind die Ansprüche der Samen durchaus unterschiedlich: Manche wollen Licht, andere Dunkelheit, viele brauchen Wärme, einige aber auch Kälte. So wird auch bei den Gartenpflanzen in Licht-, Dunkel- und Frostkeimer unterschieden.

Sät man Pflanzen auf der Fensterbank oder im Freiland aus, ist es nützlich zu wissen, was die Samen wünschen. So genannte Lichtkeimer haben oft sehr feine Samenkörnchen, die in freier Natur vom Wind verbreitet werden. Sie keimen am besten ohne bedeckende Erdschicht. Unter den Gartenpflanzen zählen zum Beispiel Akelei, Fleißiges Lieschen, Lobelien, Basilikum, Dill, Kopfsalat und Kresse zu den Lichtkeimern. Dunkelkeimer, zu denen die Mehrzahl der Nutzpflanzen gehört, keimen am besten unter einer dünnen Erddecke.

Auch Kälte kann Startreiz sein

Die meisten Samen brauchen eine gewisse Wärme, um zum Leben zu erwachen. Frost- oder Kaltkeimer dagegen kitzelt erst ein Kältereiz mit niedrigen Temperaturen um den Gefrierpunkt aus der Reserve. Gehölze wie Weißdorn, Apfel und Haselnuss zählen dazu, aber auch viele mehrjährige Stauden wie Christ- und Pfingstrose, Glockenblumen und Alpenveilchen. Ganz ähnlich funktioniert der Rhythmus der frühlingsblühenden Zwiebelblumen. Erst der frostige Kuss des Winters mit anschließendem Wärmehauch erweckt Winterlinge, Krokusse und Tulpen aus ihrem Dornröschenschlaf. Damit erschließt sich auch, warum Blumenzwiebeln, die im Frühling blühen sollen, im Herbst zuvor gepflanzt werden. Die Natur verhindert mit diesem raffinierten Mechanismus ein vorzeitiges Keimen der frühblühenden Pflanzen. Kälteeinbrüche könnten zarte Sämlinge schnell dahinraffen, und die Blütenpflanzen haben bessere Chancen auf Bestäubung, wenn Bienen und Hummeln aus der Winterruhe zurück sind.

Auch die Knospen unserer heimischen Bäume registrieren das Winterende mit feinen Antennen. Noch während das bunte Herbstlaub im Geäst baumelt, wird schon der Neuaustrieb fürs Folgejahr angelegt. Kunstvoll zusammengefaltet beherbergen die Knospen alle künftigen Blüten und Blätter des Baumes. Es gibt Knospen, aus denen nur Blätter entspringen, reine Blütenknospen und solche, die Blatt- und Blütenanlagen gemeinsam beinhalten.

Solche „all inclusive“-Knospen sind meist besonders prall, wie zum Beispiel die der Rosskastanie. Gegen winterliche Unbill schützt Mutter Natur ihre wertvollen Knospen mit einem Mäntelchen aus Schuppen, einem feinen Pelz oder klebrigem Harz. Wie den Kaltkeimern gibt auch den Knospen vieler Bäume die Kälte das Startsignal zum Aufbrechen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, konstant über drei bis vier Wochen hinweg, werden keimhemmende Stoffe in den Knospen abgebaut. Wärmende Frühlingssonne und genügend Feuchtigkeit lassen die Knospen immer dicker anschwellen und schließlich platzen.

Der Waldboden ist im zeitigen Frühjahr das Revier der Schnellstarter. Sobald genügend Feuchtigkeit an ihre Wurzeln sickert und der Boden sich erwärmt, fangen niedrige Stauden an zu blühen. Buschwindröschen, Leberblümchen, Veilchen und Lungenkraut haben ihren Auftritt, so lange Sträucher und Bäume noch kahl dastehen. Die Frühaufsteher sind zackiges Tempo gewohnt, denn Blühen, Bestäubung und Samenbildung müssen abgearbeitet sein, bevor sich das lichtschluckende Blätterdach über ihnen ausbreitet.

Fliegende Helfer

Lebenswichtig für die Frühblüher sind deshalb die ersten pollensuchenden Bienen, die in den einfachen Schalen- oder Glöckchenblüten schnell an das begehrte Futter kommen. Manche Blüten kleiden sich zudem in die Signalfarbe Gelb, um die Aufmerksamkeit möglicher Bestäuber zu erregen. So werden Winterling, Scharbockskraut und Huflattich von hungrigen Insekten besonders eifrig angesteuert. Auch der wintermüde Mensch greift gerne zu strahlend gelben Frühlingsblumen, um das Grau zu vertreiben. Sonnengelbe Tulpen und Narzissen, goldgelbe Primeln und zitronengelbe Forsythienzweige streicheln die Seele und bringen im Nu Frühlingsstimmung ins Haus.

Geheimnisvolle Gesetzmäßigkeiten

Woher wissen die Pflanzen eigentlich so genau, dass die Winterruhe vorüber und es Zeit zum Grünen ist? Schließlich könnten ja auch ein paar warme Herbsttage eine Magnolie zum Öffnen ihrer Knospen veranlassen. Zwar kommt es in milden Wintern hin und wieder vor, dass einzelne Pflanzen sich „irren“ und Blüten zur Unzeit bilden. Die Mehrzahl der Gewächse allerdings tickt nach geheimnisvollen Gesetzmäßigkeiten, die dafür sorgen, dass alles zur rechten Zeit geschieht. Tageslänge, Temperatur, Sauerstoff und Feuchtigkeit sind wichtige Indikatoren für das erwachende Grün.

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© Schwäbische Post 17.02.2017 17:44
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