Cooles Design in den Bergen

Südtirol Der Tourismus bewahrte das Tal einst vor der Abwanderung. Heute ist Obereggen ein ideales Skigebiet für Genießer. Und kann selbst notorische Skeptiker zu Kunstschnee bekehren.
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    Foto: Ulrike Wiebrecht

Goldmedaille für die bestpräparierten Skipisten des Alpenraums“, „Top für Fortgeschrittene“, „Top für Snowboarder“, „eins der zehn schönsten Familienskigebiete“: Jahr für Jahr glänzt das Südtiroler Obereggen mit Auszeichnungen. Gerade hat es beim weltgrößten Testportal für Skigebiete skiresort.com in 17 Bereichen abgeräumt und ist als „führendes Skigebiet bis 60 Kilometer Pisten“ in die Saison gestartet. Was ist das für ein Ort, der mit Qualitäts-Prädikaten überhäuft wird und dennoch fast nur Eingeweihten bekannt ist?

Die Eckdaten sind schnell aufgezählt: 900 Einwohner auf 1550 Meter Höhe, eine gute Handvoll gediegener Hotelbetriebe, 16 Hütten, 18 Liftanlagen und 48 Kilometer Pisten. 67 Prozent davon rot, 14 schwarz, 19 blau. Das klingt nicht gerade so, als müssten passionierte Wintersportler sofort die Koffer packen. Und doch kommen die, die einmal hier waren, gern wieder. „Sechzig bis siebzig Prozent sind Stammgäste“, hat Erich Thaler, Präsident des Tourismusverbands, ermittelt.

Und tatsächlich sind Wiederholungstäter schnell gefunden. „Wir sind schon zum fünften Mal hier“, bekennt ein Gast mittleren Alters aus Ostbayern, der mit seiner Frau in Obereggen weilt. „Die Pisten sind super und das Skigebiet hat genau die richtige Größe, sodass man eine Woche lang genügend Auslauf hat.“

Wovon sie besonders schwärmen, sind die gemütlichen Hütten und das gute Südtiroler Essen, wo die alpenländische und mediterrane Küche treffen, es neben Knödel und Scampi auch Spezialitäten wie Latschenkiefer-Risotto oder Rotwein-Spaghetti gibt. Das alles vor der imposanten Kulisse des Latemar-Massivs mit seinen ausgefransten Kalkstein-Zacken, die sich mal wie versteinerte Mikado-Stäbchen aneinanderlehnen, mal wie drohende Zeigefinger erheben und nicht zufällig zum Welterbe der UNESCO gehören.

Obereggen scheint genau die Mischung anzubieten, die die Genießer unter den Wintersportlern zu schätzen wissen. Wer hierher kommt, will in der Regel weder freeriden, noch ambitionierte Skitouren gehen oder snowbiken. Mag sein, dass sich der eine oder andere mal auf die Loipen bei Deutschnofen verirrt, im Snowpark mit Halfpipe austobt oder mit dem Schlitten die bis zu 2,5 Kilometer langen Rodelbahnen hinunter saust. Auch die Europa Cup-Piste, auf der sich in jedem Dezember die Elite des weißen Sports tummelt und Oberegen den Titel eines „Kitzbühel des Europa Cups“ eingebracht hat, kann einiges an Adrenalin freisetzen.

Aber auf Harakiri-Abfahrten der Superlative können die meisten ebenso verzichten wie auf ausschweifendes Party-Ambiente. Was stattdessen zählt, sind die südliche Sonne, die Dolomiten, schnelle Lifte ohne Wartezeiten und die Hüttenkultur. Drei oder vier Stunden Skifahren, hier und da ein Einkehrschwung mit einem Gläschen Sauvignon oder rotem Lagrein. Danach geht es in den Spa und anschließend zum gepflegten Dinner.

Perfekt präparierte Pisten

Nachdem der Preis für Holz verfiel, gingen die Menschen weg. Eggen war ein sterbendes Dorf.

Georg Weißensteiner

Voraussetzung für die Zufriedenheit der Gäste sind allerdings die gut präparierten Pisten. Und die garantiert Obereggen von Ende November bis April. Unzählige Schneekanonen sind im Einsatz, damit die weiße Pracht gleichbleibend perfekt ist. Ohne Buckel, vereiste Stellen oder störende Klumpen. Wenn es ein Skigebiet gibt, das selbst notorische Skeptiker von Kunstschnee überzeugen kann, dann ist es dies. „Der technisch erzeugte Schnee ist einfach kompakter und widerstandsfähiger, sodass er auch Föhnwetter und Regen besser übersteht als natürlicher Schnee“, erklärt ein Mitarbeiter der Liftanlagen. Das gefrorene Wasser aus der Schneekanone habe eine andere Verdichtung, weil die Körner mit ihrer runden Form schneller zusammenfrieren. Und was die Umweltaspekte betrifft, sorge die permanente Kunstschneedecke dafür, dass die Feuchtigkeit im Boden erhalten bleibt und sich die Grasnarbe schneller erholt. „So ist im Frühjahr bald wieder alles grün“, sagt der Experte. Im Übrigen komme hier natürlich kein Quellwasser zum Einsatz. Stattdessen H2O aus drei Speichern, die sich im Spätsommer und Herbst mit Wasser füllen.

Das Tal lebt vom Tourismus

Zugegeben, es ist nicht gerade romantisch, durch eine Berglandschaft zu carven, wenn es rechts und links der Piste braun ist. Es sieht aus, als wenn Frau Holle, statt die Betten auszuschütteln, eine Kanne Milch verkippt hätte, die sich nun über die Hügel ergießt und die Landschaft mit weißen Streifen überzieht. Man kann es auch pervers oder dekadent finden, wenn des Nachts um die 200 Schneekanonen arbeiten und viel Energie darauf verwendet wird, dass die Skifahrer am nächsten Morgen wieder beste Bedingungen zum Schwingen vorfinden. „Aber das ist eben das Wirtschaftsmodell“, meint Erich Thaler von Eggental Tourismus. Das Tal lebe nun mal vom Tourismus. „Früher gab es hier eine florierende Holzwirtschaft“, erinnert sich Georg Weißensteiner, einer der Pioniere des noch relativ jungen Skigebiets. „Aber nachdem der Preis für das Holz verfiel, hatten die Menschen kein Auskommen mehr und gingen weg. Eggen war ein sterbendes Dorf.“ Für ihn lag damals die Lösung im Tourismus. Vorbild waren andere Gemeinden in Österreich. Serfaus, das Stubai- und das Zillertal, die ursprünglich auch alle arm waren und durch den Wintersport einen Aufschwung erlebt hatten. Zusammen mit zehn Mitstreitern überlegte Weißensteiner 1970, ob man so etwas auch im Eggental machen könnte.

Man könnte, da waren sich die Fachleute einig. Doch fehlte es an Straßen, Unterkünften und Geld. Während der Landesrat für Tourismus bald darauf eine Zufahrt baute, zogen die mutigen jungen Männer von Haus zu Haus, versuchten die skeptische Bevölkerung zu überzeugen und sammelten kleinere und größere Beträge ein, um eine Aktiengesellschaft zu gründen. Im Winter 1972/73 nahmen sie die ersten Liftanlagen in Betrieb. Kontinuierlich wurde an der Infrastruktur gefeilt, Obereggen nach und nach zusammen mit Pampeago und Predazzo zum Ski Center Latemar ausgebaut. Gleichzeitig halfen neue Hotelbetriebe dem Bettenengpass ab.

Heute, 46 Jahre später, kann Weißensteiner auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte zurückblicken: „Wir zählen hier um die 370.000 Übernachtungen im Jahr, mit 210 oder 220 Tagen Vollbelegung. Wo gibt es das sonst schon?“, fragt er stolz. Und es rechnet sich. Kein Wunder, dass sich die Gemeinde nicht nur die neue Oberholz-Hütte leisten konnte, die sich diskret an den Hang der Bergstation schmiegt und innen mit ihrem kunstvollem Holzgewölbe einer dreischiffigen Kathedrale gleicht. Auch für Nachhaltigkeit sind genügend Mittel da.

Seit 2007 erwärmt ein umweltfreundliches Biomasse-Heizkraftwerk sämtliche Hotelbetriebe, sodass 500.000 Liter Heizöl eingespart werden. Und der Strom für die Lift- und Beschneiungsanlagen stammt ausschließlich aus erneuerbaren Energieträgern. Das mag sensiblen Skifahrern ein wenig über ihr schlechtes Gewissen hinweghelfen, wenn sie die bestens präparierten Pisten aus Kunstschnee hinunterflitzen!

Skiurlaub in Südtirol

Anreise
Mit der Bahn über München nach Bozen, von dort in 20 Minuten weiter mit Linienbus oder Taxi. Viele Hotels bieten auch einen Abholservice an. Mit dem Auto über die Brennerautobahn A 22 bis zur Ausfahrt Bozen, dann folgt man der Beschilderung ins Eggental.

Essen und Trinken
Besonders empfehlenswert von den 16 Hütten im Skigebiet Eggental sind die Mayrl-Alm sowie die neue Oberholz-Hütte mit fantastischem Panorama

Skigebiet
Obereggen liegt auf 1550 Metern Höhe oberhalb von Bozen. Neben dem Skigebiet von Obereggen gehört zum Ski Center Latemar auch das Familienskigebiet Carezza, zu dem ein kostenloser Ski-Shuttle fährt. Alle Informationen unter www.obereggen.com.

Unterkunft
Im Ort Eggental gibt es sieben Vier-Sterne-Hotels mit direktem Anschluss an die Skipisten. Das Hotel Cristal besticht mit neuem, großzügigem Wellnessbereich samt Innen- und Außenschwimmbad und sehr guter Küche (Halbpension ab 108 Euro pro Person, Wochenpauschalen mit Skipass ab 1071 Euro, www.hotelcristal.com).
In den Nachbarorten Eggen, Deutschnofen und Petersberg gibt es Ferienwohnungen sowie preiswertere Pensionen.

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© Schwäbische Post 17.02.2017 17:44
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