Lesermeinung

Zum Flächenverbrauch im Industriegebiet Gügling:

„Mitte der 90er-Jahre gab es (noch) einen Infoabend in Unterbettringen. Der damalige Oberbürgermeister Rembold lud ein, Thema war die Ansiedlung von Polynorm Grau im Gügling, heute Voestalpine. Von einer grünen Bebauung war damals die Rede. Selbstverständlich würden die Dachflächen begrünt. Vom Himmelreich aus betrachtet, werde das Werk kaum gesehen, eigentlich werde damit eine grüne Oase geschaffen. Das war der Startschuss für den weiteren Flächenfraß.

Gesagt wurde daraufhin, keine Speditionsunternehmen anzusiedeln, da sie ein enormes Verkehrsaufkommen bewirken und im Verhältnis zum Flächenverbrauch wenige Arbeitsplätze anbieten. Dann war die Rede vom Industriepark, der damalige Baubürgermeister Frieser sprach vom Naherholungsgebiet für die Bettringer. Es war und ist die großprovinzstädtische Vorstellung von Technokraten: ausgedehnte, in die Fläche gebaute Industrie, dann ein asphaltierter Weg mit großklotzigen Bruchsteinen garniert mit grandiosem Blick auf unansehnliche Kuben. Der Industriepark als Wortverschönerung täuscht dabei über die Wirklichkeit hinweg. Weitere Ansiedlungen, ein Logistikunternehmen für Bosch, die Logistikzentrale der Firma Schleich beispielsweise, induzieren weiteren Schwerlastverkehr. Der Blick vom Himmelreich heute zeigt eine gigantische Ausbreitung der Unternehmen, wobei Gügling Nord verborgen bleibt, man sieht vor allem die Ost-West-Ausdehnung.

Jetzt geht es an den weiteren Abschnitt, auch das war Ende der 90er-Jahre Tabubereich (...). Der Flächenverbrauch geht weiter, die Unternehmen sehen keine Notwendigkeit, ökologischer zu bauen, also in die Höhe, der Bodenpreis ist niedrig. Transport- und Logistikunternehmen müssen sich in Gmünd nicht in der Tallage ansiedeln, die Buchauffahrt genügt. Wenn dann noch ein Kreisverkehr in der Einmündung Heidenheimer Straße vorgeschlagen wird, wird das Verkehrsaufkommen noch ‘flüssiger’. Man möge sich erinnern: Aldi wollte ein Logistikunternehmen südlich vom Gügling bauen. Geschätzte 360 Lkw-Fahrten pro Tag wurden prognostiziert. Der damalige Ortschaftsratsvorsitzende von Bargau wischte Naherholungsargumente beiseite, die mit einer solchen Ansiedlung vernichtet worden wären: Die Naherholung Bargaus finde anderswo statt. Eine solche Denkhaltung ist das Problem. Man hat jetzt ‘Himmel und Erde’. Ausgleichsmaßnahmen für diesen Flächenverbrauch sind Augenwischerei, landwirtschaftliche Flächen sind unwiederbringlich verloren, ein begrünter Kreisverkehr ist kein Ersatz. Absurd wird es, die groteske Situation im Zusammenhang mit dem Mühlbach in Zimmern, als künftige Ausgleichsmaßnahmen zu verwenden. Der Mühlbach für Gügling Nord III? Der Ortschaftsrat Bettringen ist ein auf dem Rücken liegender Käfer, dessen einziger Aktionsradius ist, mit den Beinen zu wedeln. Das ist keine neue Erkenntnis. Eine Abwertung ist es auch nicht. Die Entscheidungen werden in der Gmünder Stadtverwaltung getroffen, flankiert von den Stadträten. Im Hintergrund halten sich die Puppenspieler auf.“

© Schwäbische Post 07.03.2018 19:16
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Kommentare

In my humble opinion

Bei allem Verständnis für Natur- und Umweltschutz und für eine 'schöne' Aussicht, aber wir leben nicht nur vom 'Erholen', vom 'Bewundern' oder vom Schutz von Kröten und anderem Getier, wir leben auch nicht nur von 'Service', obwohl viele 'Dienstleister' das Wort immer noch nicht richtig verstanden haben, wir leben davon, dass wir Dinge herstellen, die wir gewinnbringend in aller Welt verkaufen können - und dafür brauchen wir Industrie und die braucht Flächen, auf denen die Produktionshallen stehen. Und diese Industrie zieht natürlich auch Verkehr mit sich - und da ist die Politik und die Verwaltung gefordert, schnellstmöglich ( oder vielleicht sogar besser schon im Voraus ) die 'richtigen' Verkehrsanbindungen zu planen, zu genehmigen und bauen zu lassen. Ich sehe das Hauptproblem nicht in der Industrieansiedlung, sondern in der Lahmarschigkeit von Politik, Behörden und Verwaltungen, nicht nur die Kröten, sondern auch die Bürger vor den Aus- und Einwirkungen zu schützen.