Die ersten Stunden nach der Geburt: Bonding wird immer wichtiger für Eltern
Der erste Schrei eines Neugeborenen tönt durch den Kreissaal. Etwas Ergreifendes liegt in der Luft: Man spürt, dass hier neues Leben pulsiert. Es ist jedoch nicht nur ein neues Wesen, sondern auch eine komplett neue Familie geboren, die nun ihren ersten intimen Moment erlebt. Dieses erste, wichtige Miteinander der neuen Familie, das sogenannte Bonding, fördert neuen Studien zufolge die soziale Bindung des Kindes und rückt deshalb auch für Krankenhäuser verstärkt in den Mittelpunkt.
Bonding im Kreißsaal
„Die intensive Nähe und Berührung zwischen Mutter und Kind stabilisiert sämtliche Umstellungsprozesse des Neugeborenen besser als viele medizinische Maßnahmen“, so Dr. med. Bernhard Martin, Chefarzt an der Frauenklinik am Klinikum Landkreis Tuttlingen. „Deshalb achten wir bereits im Kreißsaal darauf, dass der Hautkontakt so früh und ungestört wie möglich hergestellt wird.“ Dabei liegt das Baby direkt nach der Geburt mit einem warmen Tuch bedeckt in den Armen der Mutter. Durch die erste Begegnung und die körperliche Nähe und die Wärme entsteht ein sehr inniger Moment für beide Seiten. „Wir sind überzeugt, dass dieser Moment ein wichtiger Grundstein der Eltern-Kind-Beziehung ist “, erklärt Dr. Martin.
Hormoncocktail nach der Geburt - auch für Väter
Oft wird eine Geburt nur aus dem Blickwinkel der Mutter gesehen, dabei ist sie für den Vater nicht minder aufregend. Tatsächlich fließt das Hormon Oxytocin, das uns Zuneigung und Nähe zu anderen empfinden lässt, nicht nur bei Müttern sondern auch bei Vätern. Faszinierende Experimente der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass dieses Hormon die Beziehungsfähigkeit stabilisiert.
„Väter-Bonding wird im allgemeinen Bewusstsein noch nicht so stark wahrgenommen. Doch auch Väter spielen eine wichtige Rolle und genießen intensiven Hautkontakt mit ihrem Kind,“ so Karin Berzbach, Leitende Hebamme am Klinikum Landkreis Tuttlingen. Gerade bei Müttern, die z.B. wegen eines Kaiserschnitts in wenigen Fällen nicht sofort im OP bonden können, kann der Vater diese Rolle genauso übernehmen. In diesem Fall wird den Vätern ihr Kind nackt auf die Brust gelegt. So können die beiden dann gemeinsam auf die Mutter warten“, erklärt Karin Berzbach.
Vertrauen aufbauen, um die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken
Im Wissen um die Wichtigkeit der ersten Lebensphase ist den Hebammen eine geborgene Atmosphäre für die ganze Familie sehr wichtig. Alle Arbeitsabläufe wurden im Rahmen der Zertifizierung zum “Babyfreundlichen Krankenhaus“ so organisiert und umstrukturiert, dass die Bedürfnisse der neugeborenen Kinder größte Beachtung finden.
“Im Kreißsaal halten wir uns mit Routinemaßnahmen wie Messen, Waschen und Wiegen zurück. Ein erster Gesundheitscheck kann auch auf dem Bauch der Mutter erfolgen. Im Kreißsaal soll alles bewusst und möglichst in Ruhe geschehen, um der jungen Familie nach der anstrengenden Geburt Ruhe und Intimität zu gönnen,“ so Karin Berzbach.
Dieses Konzept der Vertrautheit wird auf der Mutter-Kind-Station gefestigt und fortgesetzt. Bei dem sogenannten Rooming-In werden Mutter und Kind während des gesamten Aufenthaltes nur in Ausnahmefällen oder auf Wunsch der Mutter getrennt. Es wird der Mutter ermöglicht, ihr Kind nach der Geburt 24 Stunden am Tag bei sich zu haben, wovon beide profitieren. Die Mutter lernt ihr Kind kennen und erlangt Sicherheit, das Neugeborene fühlt sich behütet und geborgen. „Wenn die Eltern doch mal allein sein möchten, kümmert sich erfahrenes Fachpersonal um das Baby. Das ist auch immer zur Stelle, wenn es Probleme beim Stillen gibt oder die Eltern anderweitig Hilfe brauchen.“ erläutert Dr. Martin.
















