Keine Bebauung des Wolfertstals!
Bebauung des Wolfertstals ist unsinnig!
Als ehemaliger Oberkochener Bürger und Vizevorsitzender einer der gerne hoch geschätzten „jungen Akademiker-Familien“ muss man sich doch reichlich wundern, wenn man aus der Ferne die Diskussion um die Bebauung des Wolfertstals verfolgt. Hier wabern doch zahlreiche wenig fruchtbare, kenntnisarme, aber dafür reichlich ideologie-geschwängerte Ergüsse durch den Äther der Argumente. Um es gleich vorneweg unmissverständlich und aus wissenschaftlicher Sicht klarzustellen: Beim Wolfertstal handelt es sich um ein unersetzliches geoökologisches Kleinod innerhalb eines regionalen Grünzuges, das gleichzeitig als einzige nordwärtige Frischluftschneise zum Stadtgebiet Oberkochen dient. Außerdem hat es aufgrund der in Deutschland wohl höchsten Dichte an extrem sauberen und hochwertigen Hungerquellen eine herausragende hydrologische Bedeutung. Wer dies nicht glauben mag, dem empfehle ich die Lektüre von S. 52 meines erstmals 2005 erschienenen Lehrbuchs „Landschaftsformen der Erde“. Dort ist explizit das Wolfertstal mit Abbildungen beschrieben. Jedweder Eingriff ist daher aus naturschützerischer Sicht vollkommen inakzeptabel und kann ohnehin nur unter sehr hohen Auflagen nach erfolgter Umweltverträglichkeitsprüfung diskutiert werden. Es handelt sich um eine Landschaft, über die man nicht in kirchtümelnder Art und Weise auf Basis von irgendwelchen Feld-Wald-und-Wiesen-Gremienbeschlüssen mit beliebigen Federstrichen hinweggehen kann. Eine Bebauung halte ich daher für vollkommen unsinnig und daher ausgeschlossen.
Was den angeblichem Bedarf an Bauland betrifft, so kann man auch hier nur den Kopf schütteln, zumal derzeit offensichtlich keinerlei unter fachlich-wissenschaftlichen Kriterien erhobenen Datengrundlagen erarbeitete Bedarfsanalyse besteht. Ein Blick in die einschlägigen Immobilien-Seiten genügt, um einen Markt von Dutzenden zur Verfügung stehenden Wohneinheiten – darunter zahlreiche Häuser – auszumachen. Ein Gang durch den Ort offenbart zahllose Baulücken und vor allem ein mangelndes städtebauliches Gesamtkonzept. Hier wären vor jeder Baulandausweisung noch etliche Hausaufgaben zu erledigen. Jedem, der die demographischen Fakten aus Oberkochen auch nur ansatzweise kennt, dürfte zudem mehr als klar sein, dass in den nächsten 10-15 Jahren rund 20-25% aller Wohneinheiten frei werden, ob man das nun will, oder nicht. Dazu bedarf es keiner Hellseherei.
Anhand zahlloser Beispiele ist die These, dass sich Gemeinden durch die Ausweitung von Wohngebieten erneuern, längst widerlegt. Die tatsächlichen Fakten sprechen für sich: noch nie in seiner Geschichte gab es in Oberkochen mehr Wohnbebauung, als derzeit. Trotz viermal mehr Wohnbaufläche liegt der Bevölkerungsstand mit sinkender Tendenz in etwa auf dem Stand der frühen 60er Jahre. Auch die komplette Bebauung des Spitztals unter Verwendung der genau gleichen Argumente hat diese Tendenz auch nur ansatzweise abschwächen können. Der tatsächliche Grund daran liegt in dem Faktum, dass dieser Trend bundesweit gilt. Kinder die nie geboren wurden, gründen auch 25-30 Jahre später keine jungen Familien, werden keine Gutverdiener und bauen nun mal keine Häuser – nicht in Oberkochen und nicht Anderswo. Gleichzeitig steigen unsichere Arbeitsverhältnisse, Scheidungsraten, Mobilität und Flexibilisierung. Seit der so genannten „geistig-moralischen Wende“ und der damit einhergehenden Propagierung von exzessivem Egozentrismus und maximaler Selbstbereicherung ist bekanntlich das Zerbrechen junger Familien in dramatische Regionen angestiegen, auch und gerade unter den ach so hoffnungsfrohen Karrieristen, die man so gerne als Arbeitnehmer in jedem noch so kleinen Dorf hätte, um von ihnen zu profitieren. Da hilft kein Wohngebiet, keine neue Industrie – und schon gar nicht in den hochgradig schützenswerten Ländereien. Zu verantworten hat dies im Prinzip die gleiche politische Klientel, die nur zu gerne ihre alten Äckerchen versilbern möchte und wenn man die Eigentumsverhältnisse in Oberkochen genauer betrachtet, dann wird auch schnell klar, warum dort nun gebaut werden soll – cui bono.
Jedem, der nur von der Tapete bis zur Wand denken kann, muss doch klar sein, dass nicht nur die unsichere hydrogeologische Baugrundsituation und die ökologische Wertigkeit dieses Baugebiet ad absurdum führt, sondern dass vom Wolfertstal aus für keine junge Familie ein Arbeitsplatz, ein Kindergarten oder eine Schule des Ortes zu Fuß erreichbar sein wird. Man will also Wohnraum für Pendler schaffen und der Pendler wird sich die Frage stellen, warum er dazu ausgerechnet nach Oberkochen ziehen soll – einen Ort, der damit wirbt, eine „Stadt im Grünen“ sein zu wollen, bei genauerem Hinsehen aber nur als „Dorf im Grauen“ auftritt.
Daher ist im Talweg des Wolfertstals mit den bestehenden, teilweise leerstehenden Hochhäusern ein sinnvoller städtebaulicher Abschluss geschaffen worden. Man kann allerdings die Diskussion nicht beenden, ohne nicht auf das doch ziemlich schändliche Verhalten des Aalener Gemeinderats und des Unterkochener Ortsvorstands zu kommen. Wenn man sich in Oberkochen – auch gegen die Erkenntnisse der Demographie dennoch entschließt, Wohngebiete neu auszuweisen, dann macht nur eine Heide-Erweiterung Sinn, also dort wo schon Einrichtungen, Infrastruktur und Verkehrsanbindung für junge Familien besteht. Eine Blockade dieser Bestrebungen aus reinem Eigennutz, Gier, oder Unverstand über alle sinnvollen Regionalplanungen hinweg, läßt einen hier sprachlos zurück. Das ist wahrlich der Gipfel von Kirchturmpolitik und eines funktionierenden Gemeinwesens zutiefst unwürdig.
Dr. Jürgen Kempf, Würzburg

















