Hier schreibt das Deutsches Rotes Kreuz Kreisverband Aalen

Chronologie einer Katastrophe - Ein Alpental als Übungsplatz

Das Theaterblut klebt in den Gesichtern der Mimen. Geschminkte Verletztendarsteller sehen aus wie das Ensemble von „Tanz der Vampire“. Die Motoren der „Unfallfahrzeuge“ laufen – sie sollen die Übung des DRK Kreisverbandes so realistisch wie möglich aussehen lassen. Zuschauer werden so platziert, dass sie die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindern. Kein Problem, denn das „Gaffen“ übernehmen interessierte Kollegen des Weißen und Roten Kreuzes. Alles Experten, die kein Detail der Bevölkerungsschutz-Übung verpassen wollen.

13:22 Uhr: In dem bisher ruhigen Alpental beginnt durch den Notruf an die im DRK-Lager installierte mobile Leitstelle der zweite Teil der heutigen Großübung. Gemeldet wird ein Verkehrsunfall mit zwei Schulbussen. In und um die Busse befindet sich eine Vielzahl von Verletzten. Eine erste Beurteilung der Lage ist nicht möglich.

13:24 Uhr: Peter Müller, Zugführer, setzt per Funkspruch zwei Rettungswagen in Bewegung – ein Fahrzeug des Weißen Kreuzes Südtirols und ein Fahrzeug des Roten Kreuzes. Ziel der Übung ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Hilfskräfte.

13:25 Uhr: Aufgrund der Lagemeldung werden der Leitende Notarzt, der Organisatorische Leiter Rettungsdienst und fünf weitere Fahrzeuge des Rettungsdienstes und Bevölkerungsschutzes alarmiert.
Das Martelltal wird durch Blaulicht und Martinshorn in einen Übungsplatz verwandelt.

13:27 Uhr: Eintreffen der ersten Rettungskräfte am Unfallort. Das ersteintreffende Rettungsteam übernimmt die Sichtung der Verletzten nach internationalen Standards.
Traumatisierte Unfallteilnehmer behindern, neben den zahlreichen Schaulustigen, die Rettungskräfte. Die Mimen geben sich alle Mühe durch Schreien und Jammern die Priorität der Behandlung zu beeinflussen. Kein Problem für die Helfer. In aller Ruhe werden die obligatorischen Verletztenanhängekarten verteilt. Sie zeigen, in vier Kategorien, die Schwere der vermeintlichen Verletzung und regeln die Reihenfolge der Behandlung.

13:28 Uhr: Alle Fahrzeuge sind ausgerückt und treffen am Unfallort ein.

13:30 Uhr: In der Zeltstadt wird der Behandlungsplatz eingerichtet. Ein hochmodernes Bevölkerungsschutzfahrzeug, der „GW SAN“, ist in Stellung gebracht. Jetzt können am Behandlungsplatz bis zu zehn Schwerverletzte pro Stunde versorgt werden.
Parallel wird am Unfallort mit der Erstversorgung begonnen.

13:35 Uhr: Ein improvisierter Verbandsplatz am Unfallort füllt sich mit Erstversorgten. Die Rettungskräfte ziehen Unfallopfer aus den Bussen. Das Chaos der ersten Minuten ist vorbei. Jeder eintreffende Helfer erhält genaue Anweisungen über seine Aufgabe.

13:40 Uhr: Es beginnt zu regnen.

13:47 Uhr: Der Suchdienst (Kreisauskunftsbüro) wird alarmiert.

13:50 Uhr: Der erste Verletzte wird am Behandlungsplatz empfangen. Dank der Verletztenanhängekarte weiß die Einsatzeinheit aus Helfern verschiedenen Ortsvereinen direkt, welche Maßnahmen zu veranlassen sind. Ab jetzt werden im Minutentakt Verletzte in die Obhut der „Dritten Einsatzeinheit Ostalbkreis“ übergeben.

13:52 Uhr: Der Verletzte, er hat ein Beckentrauma, wird stabilisiert. Ein Arzt bestätigt die Erstdiagnose vom Unfallort. Er kommt ins Zelt der Kategorie T1. Dies bedeutet oberste Behandlungspriorität – es besteht Lebensgefahr.

13:53 Uhr: Eine besorgte Mutter meldet sich bei der Einsatzleitung und wird an den Suchdienst verwiesen.

14:00 Uhr: Der Suchdienst meldet sich einsatzbereit. Hinter den Laptops sitzen fünf Kameradinnen und Kameraden und erfassen zuerst die Personalien der Einsatzkräfte. Später folgt die Erfassung der Verletztendaten und die Beantwortung der Suchanfragen.

14:03 Uhr: Der rege Funkverkehr verlangt hohe Aufmerksamkeit der Einsatzleitung. Insgesamt sind sechszehn Funkteilnehmer zu koordinieren. Funksprüche werden kontinuierlich dokumentiert.

14:07 Uhr: Sieben Leichtverletzte treffen ein. Am Behandlungsplatz wird es hektischer. Im Ernstfall kann jede falsche Entscheidung gesundheitliche Schäden oder Gefahr für das Leben nach sich ziehen. Dies ist den Rotkreuzlern bewusst. Mit höchster Konzentration und Einsatz wird jeder Patient begutachtet und eingeteilt. Leichtverletzte kommen in die Kategorie T 3. Ein erstes Urteil des Notarztes wird revidiert, da sich der Zustand einer Patientin während des Transportes signifikant verschlechter hat.

14:15 Uhr: Der Suchdienst bearbeitet den ersten Suchantrag. Der Vermisste ist schnell gefunden - eine wichtige Aufgabe um Angehörige vom Aufsuchen des Unfallortes abzuhalten. Bei einem Massenanfall von Verletzten ist dies sicherlich nicht so schnell möglich.
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, arbeitet das DRK mit modernster Software und Datenbanken.

14:24 Uhr: Zweiter Transport erreicht mit einem Schwerverletzten (Schädel-Hirn-Trauma) den Behandlungsplatz. Schonender Transport ist notwendig. Ein Hubschrauber wird durch die Einsatzleitung, Holger Miehlich, per Funk angefordert. Ein Krankenhaus bereit sich auf die OP vor.

14:27 Uhr: Die Notfallseelsorge beginnt den Einsatz am Unfallort. Ein traumatisierter Unfallbeobachter wird vom Unfallgeschehen separiert und erfolgreich beruhigt.

14:35 Uhr. Josef Neukamm, der Abschnittsleiter des Behandlungsplatzes, hat alle Helfer im Einsatz. Die vier Behandlungszelte sind mit den Opfern gefüllt. Der Regen prasselt auf die Zeltdächer. Zwischen den Zelten pendeln Trägertrupps und verlegen die Verletzten.

14:48 Uhr: Alle Verletzten haben den Unfallort verlassen. Die Helfer des Weißen und Roten Kreuzes beginnen mit den Aufräumarbeiten: Einsammeln von Material, Beseitigung von Abfall und den Rückbau des Verbandsplatzes.

15:03 Uhr: Klaus-Dieter Sterzik, Rettungsdienstleiter, beendet per Funkspruch die Übung.
Im Martelltal schüttet es wie aus Eimern. Helfer, Mimen, Zuschauer retten sich in die Zelte.

15:34 Uhr: Die Sonne scheint. Verstehe ein Mensch das Südtiroler Wetter.

17:30 Uhr: In der Nachbesprechung wird der Einsatz analysiert und Verbesserungspotentiale aufgezeigt.
Die Mimen versuchen zeitgleich erfolglos die rote Farbe abzuduschen.

 

© Schwäbische Post 09.06.2012 zurück
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