Hier schreiben die Reservisten Ostwürttemberg

Wintervortag in der Reinhardt-Kaserne Ellwangen Generalleutnant a.D. Kersten Lahl über "Mythen und Herausforderungen deutscher Sicherheitspolitik"

  • Generalleutnant a.D. Kersten Lahl im Gespräch mit Oberstleutnant Ralf Röttger
  • Generalleutnant a.D. Kersten Lahl bei der gemeinsamen sicherheitspolitischen Abendveranstaltung (von links): Regierungsdirektor Wolfgang Banek, Generalleutnant a.D. Kersten Lahl, GSP Sektionsleiter Ostwürttemberg Gerhard Ziegelbauer, Standortältester Oberstleutnant Ralf Röttger.
  • Im Anschluss an den Vortrag fand im Casino der Unteroffiziersheimgesellschaft ein kleiner Umtrunk statt.

ELLWANGEN - Lange Zeit waren die Wintervorträge bei der Bundeswehr in der Reinhardt-Kaserne ein fester Bestandteil in der Sicherheitspolitischen Jahresplanung der Garnisonsstadt. Am vergangenen Montag wurde die Tradition wiederbelebt. Es referierte Generalleutnat a.D. Kersten Lahl über "Mythen und Herausforderungen deutscher Sicherheitspolitik" in der Reinhardt-Kaserne Ellwangen.

Der Leiter des Sprachenzentrum Süd/Ellwangen Regierungsdirektor Wolfgang Banek begrüßte die 80 Zuhörer im Olga-Saal zum ersten gemeinsamen Wintervortag der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und des Reservistenverbandes. Auch nach Reduzierung der Soldaten am Standort Ellwangen, von ehemals 1200 Soldaten, auf Zugstärke von 30 Mann, möchte die Kaserne nach wie vor an der Wintervortagsreihe festhalten. Banek bedankte sich ausdrücklich auch im Namen des Standortältesten Oberstleutnat Ralf Röttger für die Wiederbelebung und Erhaltung dieser Vortragsreihe.

Der Sektionsleiter der GSP Ostwürttemberg Gerhard Ziegelbauer stellte in einer Zusammenfassung die Laufbahn des Referenten vor. Generalleutnant a.D. Kersten Lahl wurde 1948 in Bielatal geboren. Er trat 1967 in die Bundeswehr ein und absolvierte die Offiziersausbildung in München. 1978 schloss er das Studium der Betriebswirtschaftslehre als Diplom-Kaufmann ab. Die Generalstabsausbildung absolvierte Lahl an der Führungsakademie der Bundeswehr von 1981 bis 1983, die US-Generalstabsausbildung von 1985 bis 1986 in Ft. Leavenworth in Kansas. Mehrere Verwendungen führten ihn ins Bundesministerium der Verteidigung, so als Referent im Führungsstab der Streitkräfte und als Unterabteilungsleiter in der Abteilung Personal Offiziere Heer sowie in der Abteilung Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten für den Bereich Personalführung. Einen besonderen Dienstposten hatte Lahl als Militärischer Adjutant des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker von 1991 bis 1994 inne. Als Befehlshaber des Streitkräfteunterstützungskommandos in Köln-Wahn wurde Lahl 2008 in den Ruhestand verabschiedet. Seit dem 01. April 2008 war Generalleutnant a.D. Kersten Lahl Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS). Seit Anfang 2012 leitet Lahl das Forum München der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Des Weiteren ist er Vizepräsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik.

Lahl führte in seiner umfassenden sicherheitspolitischen Betrachtung die Bedrohungen der Bundesrepublik auf. Mit Sorge betrachtete er in diesem Rundumschlag die Krisenherde in Afrika, Nahost und der Ukraine. Im Osten die Ereignisse in der Ukraine durch eine offenbar auf Aggression und Konfrontation ausgerichtete russische Außenpolitik. Im Süden der arabische Raum mit seinem so dramatischen wie komplizierten Turbulenzen, insbesondere den unvorstellbaren brutalen Vormarsch der extremen Islamisten. Im Westen sind wir in Europa von Freunden umgeben und Leben in einer globalen Welt. Wobei zwischen USA und Europa immer mehr Misstöne zu hören seien.

Weitere Bedrohungen sieht Lahl auch durch den Zerfall von fragilen Staaten und die damit ausgelöste Migrationswelle. Auch bringt der technologisch Wandel durch den Rüstungswettlauf einen Zuwachs von Atomwaffen und dadurch Risiken und Gefährdung im Cyber-Raum.

Der General a.D. führte aus, dass "wir mitten in einer Zeitenwende stehen. Ein "Weiter so" reicht nicht aus". Mit der seitherigen Tagespolitik wird nur reagiert aber nicht agiert. Der Blick muss nach vorne gerichtet werden. Deshalb wurde nach dieser Betrachtung klar, dass Europa nicht nur von Freunden umzingelt ist. Diese Bedrohungen und Entwicklungen sind allein militärisch nicht beherrschbar. Ihnen kann nur mit einer Bündelung aller Kräfte und mit gemeinsamen und langfristigen angelegten Lösungsansätzen, begegnet werden. Die Landes- und Bündnisverteidigung ist stärker zu gewichten, defensiv aber konsequent. "Abschreckung ohne Verteidigungswillen ist unwirksam". In dem Zusammenhang kritisierte Lahl auch das Fehlen einer EU-weiten Sicherheitsstrategie.

Im zweiten Teile seines Vortrags ging Lahl auf die Mythen der deutschen bzw. europäischen Sicherheitspolitik ein. Ein Mythos ist die militärische Zurückhaltung. Um gestalten zu können muss man sich aktiv in der Bündnispolitik einbringen. Auch verfolgen einzelnen EU Staaten unterschiedliche Ziele. Des Weiteren gibt es keine gemeinsame Streitkräfteplanung. Diese sollte ebenso wie die Rüstungsexportpolitik besser aufeinander abgestimmt werden. Von einer vernetzten Sicherheitspolitik und fester Zusammenarbeit sind wir noch weit entfernt. Die Sicherheitspolitik, in Deutschland und in der EU, sei von einer "strategischen Armut" gezeichnet. Ein kurzatmiges durchlavieren", anstatt einer echten Strategie, sei bei allen außenpolitischen Bedrohungen zu beobachten. Ob Ukraine, Afrika, IS oder Gefahren im pazifischen Raum. Ob Fragen wie Flüchtlingsprävention, Energieversorgung oder eine Einbindung Russlands, die Arbeit an Konzepten beginne meist erst unter dem Druck sich überstürzender Ereignisse. Zusammenfassend stellte Lahl fest, dass ein weiter so nicht mehr reicht. Wir müssen Verantwortung in Wort und Tat übernehmen, damit wir den Ereignissen nicht hinterherlaufen.

Gerhard Ziegelbauer bedankte sich beim Referenten für die Ausführungen. Ziegelbauer wies darauf hin, dass bereits weitere Veranstaltungen bis 2016 geplant sind. Als Referenten konnten unter anderem Dr. Kinan Jäger von der Universität Bonn mit dem Thema "Chaos in Nahost" und der ehemalige Brigadegeneral a.D. Hans-Christoph Ammon gewonnen werden. Ammon wird über seine Tätigkeit in Indien sprechen.

Wer eine Einladung zu den Veranstaltungen erhalten möchte kann sich in den Verteiler bei der Geschäftsstelle des Reservistenverbandes aufnehmen lassen. Die E-Mailadresse dazu lautet: ellwangen@reservistenverband.de.

Im Anschluss an den Vortrag fand im Casino der Unteroffiziersheimgesellschaft ein kleiner Umtrunk statt. Dort bestand noch die Möglichkeit sich mit dem Referenten und Teilnehmern des Vortrags auszutauschen.

© Reservisten Ostwürttemberg 08.02.2015 16:29
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