Das Labyrinth der seltenen Tiere

Naturschutz An der Grenze zwischen Indien und Bangladesch liegt der größte Mangrovenwald der Erde. Hier hat es eine enorme Artenvielfalt in einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde.
  • Foto: André Gilden

Tanjilur Rahman sagt: „Die Fährte stammt von letzter Nacht“, und legt seine Hand neben den Pfotenabdruck im trockenen Uferschlamm. Deutlich zeichnen sich die Pranken eines Tigers ab. Eine Schleifspur ins Gebüsch lässt erahnen, was sich wohl erst vor Kurzem abgespielt hat. Die Raubkatze muss einen Axishirsch überrascht und in die Mangroven gezerrt haben. „Die Hirsche sind seine Hauptbeute“, erklärt der Tierfilmer.

Es ist noch früh am Morgen und der Wald schweigt. Aus einiger Entfernung sieht ein Silberreiher zu, wie der kleine Mann mit dem ergrauten Rauschebart entlang eines bei Ebbe freigelegten Uferstreifens wandert. Wie weit ist der Tiger?

Monate für brauchbare Szenen

„Er kann uns vielleicht gerade sehen, aber wir bekommen ihn höchstwahrscheinlich selbst nicht zu Gesicht“, sagt Rahman. Der Bangladescher Naturschützer filmte unter anderem für die BBC und den Discovery Channel die äußerst seltenen Raubkatzen. Jahrelang begleitete er sie durch einen für Menschen kaum zugänglichen Lebensraum. „Einige Kameramänner gaben schon nach den ersten Metern im Schlamm auf“, erzählt er. „Ich selbst war manchmal einen ganzen Monat lang unterwegs, um brauchbare Szenen einzufangen.“ Mehr als 400 Königstiger sollen in den Sundarbans leben, die größte zusammenhängende Population überhaupt.

Naturschützer wie Rahman bezweifeln die offiziellen Zahlen. Sie glauben, dass heute nur noch weniger als die Hälfte durch das Labyrinth aus Dschungel und Meer streifen. „Die Wilderei nimmt in den letzten Jahren überhand“, sagt Rahman. „Wenn nicht etwas Drastisches passiert, werden wir hier in 30 Jahren keine Tiger mehr haben.“

Der größte Mangrovenwald

Die Sundarbans an der südlichen Grenze zwischen Indien und Bangladesch bilden den größten Mangrovenwald der Erde im Mündungsgebiet des Ganges und Brahmaputra. Sein Name wird von den nur hier vorkommenden Sundaribäumen abgeleitet und bedeutet auf Bengalisch „Schöner Wald“. Mehr als 10 000 Quadratkilometer umfassen die Mangroven des Deltas. Etwa 60 Prozent des Unesco-Welterbes gehören zu Bangladesch. Es ist eine unzugängliche Welt, die allein den Gesetzen der Gezeiten, des Monsuns und den Hochwassern der großen Ströme gehorcht.

Bangladesch ist ein Land mit bitterer Armut, übervölkerten Städten und unvorstellbarer Umweltverschmutzung. Aufgrund der extremen Lebensbedingungen haben sich die Sundarbans jedoch als ein Biotop mit einer enormen Artenvielfalt inmitten einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde erhalten. Gemeinsam mit Korallenriffen und Regenwäldern zählen Mangroven zu den wertvollsten Ökosystemen der Welt. Sie stabilisieren die Küsten, bilden einen Schutzwall vor Zyklonen und Tsunamis und beugen Überschwemmungen vor.

Wenn Rahman mit dem Motorboot immer tiefer in die verästelten Arme des Mangrovendschungels vordringt, glaubt man, in eine vom Menschen unangetastete Wildnis aus Wasser und Wald einzutauchen. Aus Millionen kleiner Löcher lugen Krabben. „Ihre unterirdischen Gänge sind wie Sauerstoffadern für die Mangroven“, sagt Rahman. Wer die Tiger retten will, darf die Krabben nicht vergessen. „Alles hängt hier miteinander zusammen.“

Durch das enorme Bevölkerungswachstum rund um das Schutzgebiet sind die Sundarbans zunehmend bedroht. Immer mehr Wilderer dringen in das Schutzgebiet ein und jagen Hirsche und Tiger. „Nur etwa 150 Wildhüter sollen hier ohne moderne Ausrüstung ein Gebiet von 6000 Quadratkilometern überwachen“, sagt Rahman. „Wie soll das funktionieren?“ Gleichzeitig bedrohen illegaler Holzschlag und die industrielle Garnelenzucht das Ökosystem. Noch folgenreicher für die Sundarbans dürften der Anstieg des Meeresspiegels und die zunehmende Versalzung weiter Brackwassergebiete sein. Von der Gabelung eines Wasserwegs tönt ein aufgeregtes Quieken. Eine Gruppe Fischer hat auf ihrem Holzkahn einen Käfig aus Bambusstäben geladen. An zwei Angeln haben sie Fischotter angeleint. Einige weitere Tiere schwimmen frei umher. Spielerisch jagen sie durch das trübe Wasser.

Die Wilderei nimmt in den letzten Jahren überhand.

Tanjilur Rahman
Naturschützer

Fischjagd mit Ottern

Jahrhundertelang wurden in Südasien Otter zur Fischerei eingesetzt. Heute ist diese traditionelle Art der Jagd nur noch in den Sundarbans lebendig. Die Otter jagen Fische in ein ausgespanntes Netz, das blitzschnell ins Boot gezogen wird. Nur die großen Fische werden eingesammelt. Beifänge verfüttern sie als Lohn an ihre Tiere. So gilt das Jagen mit Ottern - im Gegensatz zur industriellen Fischerei - als nachhaltig. „Es sind nur noch wenige Familien, die Otter halten“, sagt einer der Fischer im grünen Lungi, dem traditionellen bengalischen Wickelrock. „Es ist harte Arbeit und viele aus unserem Dorf sind auf moderne Netze umgestiegen.“ Wie viele Bewohner der Sundarbans klagt er über die Wasserverschmutzung.

Am südlichen Rand der Sundarbans steuert am nächsten Morgen Malcolm Turner ein Zodiac-Schlauchboot in einen Seitenarm des Deltas. An Bord hat der australische Biologe eine Gruppe Touristen aus aller Welt. Sie sind mit einem Expeditionsschiff über Sri Lanka und die Andamanen nach Bangladesch gekommen. Die „Silver Discoverer“ ist das erste Kreuzfahrtschiff überhaupt, das die Sundarbans ansteuert. Vorn im Boot sitzt ein einheimischer Wildhüter mit buschigem Bart und einem Holzgewehr im Anschlag - der Tiger wegen. Man weiß nie.

Noch liegt Dunst über dem Mangrovenwald. Nur langsam kriecht die milchgelbe Sonne aus den Wipfeln der Sundarbäume. Aus dem Ufergestrüpp tönt ein heiseres Krähen. „Nein, kein

naher Hühnerhof“, scherzt Turner, „wilde Bankivahähne, die Ahnen unserer Haushühner.“ Als versierter Ornithologe hält er mit dem Fernglas Ausschau nach seltenen Vögeln. Mehr als 270 Arten kommen in den Sundarbans vor.

An Bord der „Silver Discoverer“ hielt Turner vor der Ankunft in den Sundarbans einen Vortrag über das bedrohte Welterbe. An die Wand warf er apokalyptische Bilder von verendeten Wasservögeln und Delfinen nach einer verheerenden Ölkatastrophe in dem Schutzgebiet. Ein Tanker war im Dezember 2014 mit einem anderen Schiff zusammengestoßen.

Bonbibi meint es gut

Plötzlich taucht vor dem Zodiac-Boot die Rückenflosse eines Delfins auf. Turner schaltet den Motor aus. „Es ist ein Gangesdelfin!“, ruft er begeistert aus. Er gehört zu den letzten seiner Art. Wahrscheinlich gibt es nur noch wenige Hundert der Delfine in Südasien, die meisten davon wohl in den Sundarbans. Bonbibi, die Schutzgöttin der Sundarbans, meint es an diesem Morgen besonders gut mit dem Biologen.

Bei der Rückkehr zur „Silver Discoverer“ kreuzt auch noch eine Gruppe Irawadidelfine vor dem Boot auf. Wegen ihrer gedrungenen Körperform und den runden Köpfen werden diese Tiere auch manchmal als sogenannte Flussschweine bezeichnet. Auch diese Tierart gilt inzwischen als vom Aussterben bedroht. „Ich kann unser Glück kaum fassen“, jubelt Turner. „Wir hatten gleich zwei der seltensten Delfinarten der Welt im Fahrwasser! Was macht es da schon aus, dass sich die Tiger nicht blicken lassen wollten.“

© Schwäbische Post 26.01.2018 16:23
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