Grenzenlose Möglichkeiten für Skifahrer

ZweiLänderSkiarena Es ist kein Jahrhundert her, dass am Reschenpass scharf geschossen wurde, und kein halbes, dass eine Grenze Österreich und Italien trennte. Heute vereint das Skifahren.
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Schneepuder staubt über der frisch geribbelten Piste auf. Die Sonne spitzt gerade so über die Gipfel der Ortlergruppe. Es ist Januar. Eigentlich beste Skisaison, doch auf den Pisten verlieren sich die Skifahrer. Es gibt keine Schlangen am Lift, kein Gedränge auf dem Hang, kein endloses Warten bei der Einkehr. Ein ähnliches Bild liefern die Wintersportorte Trafoi, Schöneben oder Nauders am Reschenpass. In herrlicher Ruhe kann man das Skifahren genießen.

Mehr Gäste erwünscht

Das ist schön, wenn man derjenige ist, der die ganze Pracht fast für sich allein hat. Die Tourismusverantwortlichen in der Gegend jedoch wünschen sich mehr Gäste. Also tat man sich zusammen, grübelte und kreierte in schönstem Marketingdeutsch ein neues Produkt – die ZweiLänderSkiarena. Das klingt nach dem Gigantismus, mit dem überall in den Alpen neue Verbindungen zwischen Skigebieten geschaffen werden und Rekordzahlen bei Pistenkilometern, Liftanlagen und leider meist auch bei Skipasspreisen und Übernachtungskosten herauskommen.

Gemeinsamer Skipass

Ist es aber nicht. Skigebiete werden zwar auch hier verbunden. Das geschieht aber nicht mit Liften, sondern lediglich mit einem gemeinsamen Skipass. Der gilt von Nauders am Reschenpass in Österreich bis Sulden am Ortler in Italien. Dazwischen liegen vier weitere Skigebiete. Eines präsentiert sich netter und überschaubarer als das nächste. Mit 211 Pistenkilometern und 46 Liftanlagen kann es die ZweiLänderSkiarena mit keinem der „großen“ Gebiete aufnehmen. Dafür glänzt sie mit ausgeprägter Charakterstärke: viel Naturschnee, familienfreundliche Gebiete mit leichter Orientierung, abwechslungsreiche Abfahrten durch vielfach unverschandelte Landschaft ohne hässliche Schneisen im Wald und platt gewalzte Almwiesen. Skifahren ist noch ohne schlechtes Gewissen möglich.

Tagesausflug einplanen

Noch ist das, was sich Kurt Sagmeister und Michael Stecher von den Tourismusverbänden Vinschgau und Nauders vorstellen, ein Angebot und nicht Realität: Niemand pendelt von Nauders über eine Autostunde lang zum anderen Ende der Skiarena nach Sulden, zumal eine durchgehende Skibusverbindung (noch) nicht existiert. Aber man könnte und sollte es tun – vielleicht mal für einen Tag.

Urgestein besuchen

Zum Beispiel, um Gustav Thöni zu treffen, mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger im Slalom in den 70er Jahren und späterer Nationaltrainer. Der 66Jährige ist in seiner Heimat Trafoi und den umliegenden Bergen noch immer auf Skiern unterwegs mit seinen zahlreichen Enkeln und mit den Gästen des familieneigenen Hotels. „Ich helf’ da noch ein bisschen mit“, sagt er bescheiden. Kenner des Hauses beschreiben ihn dagegen als unermüdlichen Schaffer an allen Ecken.

Auch auf der Piste ist er flott dabei. „Gemütlich Ski fahren“ nennt er seine flotte Führung durch die weiße Bergwelt und freut sich, dass er jederzeit Ski fahren kann, wenn er möchte, aber nicht muss, bei scheußlichem Wetter oder miesem Schnee.

Geschichte hautnah erleben

Auch jenseits der Pisten lohnt Innehalten. Der Blick auf den zugefrorenen Reschensee, aus dem einsam ein Kirchturm ragt, schreit förmlich nach Fotostopp und nach Antworten.

Manchmal fühlt man sich ein bisschen wie im Freilichtmuseum.

Julia Hensel
Bewohnerin von Glurns

Es ist eine traurige Geschichte, die Busfahrer Hans Schmid erzählt: Noch unter den Faschisten wurde einem internationalen Konzern der Bau eines Stausees genehmigt. Die Hoffnung, dass sich mit dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die Faschisten, sondern auch das Projekt erledigt hätten, war leider bis zuletzt vergeblich.

Weder halfen Appelle an die Politik noch Demonstrationen und eine Fürbitte beim Papst persönlich. 1950 begann man den See anzustauen, bis er das gesamte Dorf Graun sowie Höfe und Häuser in Reschen und St. Valentin verschlungen hatte.

Standhaftes Mahnmal

Dazu wurde kräftig gesprengt, auch die Kirche mit ihrem 1357 erbauten Turm. Der freilich fiel weder beim ersten noch beim zweiten Sprengversuch. „Einen dritten Versuch verweigerte der Sprengtrupp, denn unter ihnen waren gottesfürchtige Männer“, erzählt Hans Schmid. So steht der Turm heute als Mahnmal mitten im See.

Mittelalterlicher Charme

Ebenfalls sehr alt, aber fast uneinnehmbar ist Glurns, die kleinste Stadt in den Alpen. Innerhalb der komplett erhaltenen Stadtmauer ringsum leben rund 800 Einwohner. „Manchmal fühlt man sich ein bisschen wie im Freilichtmuseum“, findet Bewohnerin Julia Hensel. Aber das Flair im denkmalgeschützten und großteils im Original erhaltenen Mittelalterstädtchen sei unvergleichlich, das Wir-Gefühl großartig.

Reiche Kulturgeschichte

Überhaupt – was der Gegend an Superlativen im Bereich Skisport fehlt, macht sie vielfach wett durch ihre reiche Kulturgeschichte. „Einstige Schmugglerpfade sind heute länderübergreifend ausgeschilderte Wanderwege“, erzählt Skilehrer Arnold Christandel und weist nebenbei auf die Panzersperren am Reschenpass hin. Mussolini ließ sie gegen die Deutschen anbringen, heute sind sie nur mehr Mahnung für die einen, gruseliges Fotomotiv für die anderen.

Kulinarische Highlights

Auch die Küche präsentiert sich für Gourmets und Schleckermäuler mit einem reichen Angebot. Denn hier stehen Österreicher und Italiener im Wettstreit. Und der Gast schmilzt dahin zwischen Pizza und Pasta vom Feinsten. Oder auch deftigen Speckknödeln und kaiserlichem Beerenschmarrn.

Doch die Leckereien halten sich nicht lange auf den Hüften, wenn man zwischendurch immer wieder von Skigebiet zu Skigebiet wechselt, um die wunderschöne Atmosphäre zu genießen und sich sportlich die Hänge hinunter zu stürzen. Ein Ausflug, der sich in vieler Hinsicht lohnt.

© Schwäbische Post 02.03.2018 15:53
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