Kulinarisches Disneyland auf italienisch

Feinschmeckerparadies Der neue Schlemmer-Freizeitpark Fico World Eataly in Bologna ist der größte Vergnügungstempel der Welt für Freunde des guten Geschmacks.
  • Fotos: Christian Schreiber

Von der Mailänder Salami zu den sizilianischen Leckereien dauert es knapp 15 Minuten. Vorausgesetzt man lässt sich nicht vom Weg abbringen und macht einen Abstecher nach Turin und Umbrien, wo es so fein nach Kaffee und Trüffeln duftet.

Wer Fico, den neuen, im November eröffneten Megamarkt für Lebensmittel besucht, begibt sich auf eine kulinarische Rundreise durch Italien. Der 14 Fußballfelder große Komplex ist Einkaufsparadies, Vergnügungstempel und Schlemmer-Freizeitpark in einem.

Fico ist aber auch der ultimative Ort, um zu lernen, warum es in Italien nichts Wichtigeres gibt als Essen und Trinken. Der Besucher erfährt italienische Geschichte(n) hautnah und bekommt Lust nicht nur auf Pasta und Prosciutto, sondern vor allem auf Land und Leute.

Perfekt abrunden lässt sich dieser Italien-Trip mit einem Abstecher in die nahe Altstadt Bolognas. Denn es ist kein Zufall, dass sich Fico ausgerechnet dort angesiedelt hat. Bologna gilt als neuer kulinarischer Hotspot Italiens, Touristen bevölkern die Restaurants und Märkte und stürmen die Kochkurse. Die Stadt erlebt einen Touristenboom, von dem andere Orte nur träumen können.

Wie ein italienisches Menü

Fico bezeichnet sich selbst als das größte kulinarische Disneyland der Welt. 14 Stunden am Tag können sich Besucher in Kursen, Workshops, Unterhaltungsshows, Ausstellungen, Shoppingstraßen und Restaurants vergnügen. Die Themenfelder sind aufgebaut wie ein italienisches Menü: Los geht’s mit Wurst und Schinken, es folgen Pasta und Fleisch. Die Metzger zerhacken nicht einfach Rinderrippen, sie treten im teatro della carne ins Rampenlicht und zelebrieren die Fleischteilung. Alles wird zur Bühne, das Essen ist der Star und die Besucher klatschen vor Glück. Wer nach diversen Probierstopps noch „baff“ sagen kann, füllt sich den Bauch in der Süßigkeiten-Abteilung.

Ganz am Schluss des Rundgangs können Besucher noch Töpfe und Pfannen shoppen und von der Paketstation hinter den Kassen zuverlässig und sicher in alle Welt schicken lassen.

Fico soll sechs Millionen Menschen pro Jahr anlocken. Damit gilt der Park zugleich als größtes Tourismus-Projekt Italiens der jüngeren Vergangenheit. Bei einem Kurzbesuch kann man den Kosmos kaum erkunden, man sollte mindestens einen Tag einplanen, um die Idee zu begreifen. Schließlich geht es nicht nur darum, Lebensmittel und Essen an den Mann zu bringen, sondern auch zu zeigen, was alles passiert, bis die Ware im Regal oder auf dem Teller landet. So wachsen auf dem Außengelände Olivenbäume, rosa Schweinchen suhlen sich im Dreck, Kühe liefern brav ihre Milch ab.

Selbst Hand anlegen

Kommt alle vorbei, Bologna ist fantastisch.

Gabriele Manzini
Chef der Caseificio Valsamoggia

Dazu passend gibt es jeden Tag Dutzende Workshops und Besichtigungen. Besucher können ihre eigene Salami herstellen, sie dürfen Pasta- und Pizzateig kneten, Kaffee rösten, Törtchen backen, Zitroneneis produzieren. Dabei erfährt der Besucher nicht nur den Herstellungsprozess, sondern auch die Geschichte zu den Produkten. Der Gelatiere berichtet ausführlich, wie der Adel im hitzigen Florenz nach gekühltem Gelato verlangte. Der Neapolitaner erzählt von seinen Vorfahren, die auf die Idee kamen, einen einfachen Teigfladen mit Resten zu belegen. Das macht nicht nur Hunger auf Pizza, sondern auch aufs Land. Und wer möchte nicht am liebsten sofort ins Piemont reisen, wenn er bei der Degustation hört, dass der eben geöffnete Barolo in jenem Weingut gekeltert wird, das einst der italienische König gegründet hat.

Tomate mit Geschichte

Die Italiener lieben solche Geschichten. Jede Tomate hat ihre eigene Story, wenn ihre Herkunftsbezeichnung verrät, dass sie aus dem Städtchen Rossano in Kalabrien stammt und von einem kleinen Biobauern namens Carlo gezüchtet wurde. Italiener sind verrückt danach, jedes Detail über ein Lebensmittel zu erfahren. Sie wollen Herstellungsprozesse kennenlernen, dem Restaurant-Koch in die Töpfe schauen und Workshops belegen, wie sie Gabriele Manzini, Chef der Caseificio Valsamoggia, anbietet. Er produziert Frischkäse unter dem Fico-Dach, rührt in der Milch und philosophiert minutenlang über die richtige Konsistenz von Squacquerone, einer Spezialität aus der Region. Zwar dürfen die Teilnehmer am Ende nur kurz den Käse in der Form wenden, aber das genügt ihnen für ihr Glück. Nach dem Kurs gibt es eine Kostprobe und einen emotionalen Vortrag von Gabriele, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt. Er schwärmt von der Landschaft rund um den Stammsitz der Käserei in den nahen Hügeln und zählt die Weingüter in der Nachbarschaft auf. „Kommt alle vorbei, Bologna ist fantastisch.“

Vom Anspruch her würde Fico eher nach Rom, Mailand oder Venedig gehören, aber bei genauer Betrachtung gibt es keinen besseren Ort für das Projekt als Bologna, das sich zur heimlichen kulinarischen Hauptstadt Italiens aufgeschwungen hat.

Der Bauch Italiens

Zwar trägt Bologna seit jeher den Beinamen „Bauch Italiens“ und „die Fette“. Es gibt sogar Sprichwörter wie „Am besten schmeckt es zu Hause und in Bologna.“ Aber Feinschmecker entdecken erst jetzt, wie hochwertig die bodenständige Küche der Region ist, in der Mortadella und Tortellini erfunden wurden. Das schlägt sich in Zahlen nieder: Bereits vor der Eröffnung von Fico verzeichnete die Stadt ein weiteres Besucherplus im soliden zweistelligen Prozentbereich und so soll es weitergehen.

Mittlerweile soll es in der 400.000-Einwohner-Stadt an die 1.000 Restaurants, Trattorien, Osterien und Lokale geben. Anders als in anderen italienischen Städten finden Touristen in den Schaufenstern der Altstadt (Quadrilatero) nicht Schmuck, Kleider oder Taschen, sondern Fleisch, Wurst, Fisch und Käse. Oder feines Gebäck und Pasta wie bei Atti. Inhaber Francesco Bonaga fürchtet keine Konkurrenz durch die Restaurants, Backstuben und Manufakturen bei Fico. „Das bringt uns neue Touristen. Alle profitieren davon.“ Hinter den Kulissen seines 150 Jahre alten Betriebes trifft man auf Edda, die seit Jahrzehnten mit ihren kräftigen Fingern feine Pasta formt. Zwischendurch muss sie den Nudelteig kneten. „Das ist pure Entspannung für mich.“

© Schwäbische Post 04.01.2018 16:34
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