Mythen der zauberhaften Bergwelt

Allgäu Pfronten ist das erste „europäische Wanderdorf“ in Deutschland. Mit Fantasien, Wunschbildern und Sagen ist es eine Gegenwelt zur städtischen Zivilisation.
  • Foto: Gerhard Fitzthum

An der frisch eingeschneiten „Drachenblick“-Bank steht man vor einem Rätsel. So unwirklich die lichtdurchflutete Szenerie auch scheint, feuerspeiende Lindwürmer und andere Fabelwesen sind nirgendwo zu sehen. Doch dann entdecken die Augen den wilden Zackenkamm, hinter dem die Alpenkette in den Himmel ragt –eine geologische Formation, die tatsächlich an einen schlafenden Drachen denken lässt.

Die „Drachenblick“-Route ist Teil der neuen Wanderwegtrilogie Pfrontens, die der Logik des „Storytelling“ folgt. „Die Gäste sollen nicht gedankenlos durch die schöne Landschaft streifen, sondern sich von den Geschichten und Mythen der Region inspirieren und gefangen nehmen lassen“, schwärmt der langjährige Tourismusdirektor Jan Schubert. Mit Broschüren, Apps und Infotafeln lenkt man die Aufmerksamkeit des Wanderers auf das, was sich dem oberflächlichen Blick entzieht, auf eine zweite Wirklichkeit, die es hinter den sichtbaren Dingen zu entdecken gilt. Folglich wurden Sehenswürdigkeiten in die Route eingebunden, in denen die Fantasien und Visionen der einstigen Einwohnerschaft sichtbare Gestalt angenommen haben.

Nicht weniger wichtig sind freilich die Träume und Sehnsüchte, die die Gäste mitzubringen pflegen. Wer ins idyllische Allgäu kommt, will eine Gegenwelt zur städtischen Zivilisation erleben, eine Welt, in der es ein bisschen so wie früher ist. Pfronten präsentiert sich deshalb als Zauberreich des Zufußgehens – ein Alleinstellungsmerkmal, für das man seit neuestem Brief und Siegel besitzt: das Zertifikat „europäisches Wanderdorf“.

Die in Deutschland erstmals vergebene Auszeichnung stammt vom Kärntner Tourismusberater Sieghard Preis, der als Initiator der „Österreichischen Wanderdörfer e.V.“ Tourismusgeschichte schrieb.

Beschilderung ist ein Kriterium

Die Zertifizierung durch sein Team ist kostspielig, aber nicht allzu streng: Zu den wichtigsten Kriterien gehört es, im Ortszentrum eine umfassende Wanderwegbeschilderung anzubringen, mindestens drei Hoteliers zu finden, die sich als Wandergastgeber zertifizieren lassen und einen professionell konzipierten „Leitwanderweg“ auszuweisen, auf dem sich die ortsspezifische „Mythosdimension“ hautnah erleben lässt. Ausgangspunkt des Konzepts ist die Überzeugung, dass wir aufgrund unserer naturgeschichtlichen Herkunft im Grunde alle Wanderer sind und deshalb nach Landschaftsbildern Ausschau halten, die unserer archaischen Prägung entsprechen. Eine besondere Rolle kommt dabei der alpinen Bergwelt zu, dem Ort einer „heilenden“ und zugleich „bedrohlichen Natur“. Sie zieht den Einzelnen einerseits in seinen Bann und zeigt ihm andererseits seine Grenzen auf, verlangt ihm Respekt und Zurückhaltung ab.

Höchste Ruine Deutschlands

Der im Mittelpunkt der „Königstraum“-Route stehende Falkenstein ist der Inbegriff einer solch bedrohlich-faszinierenden Gegenwelt. Die mit der höchsten Burgruine Deutschlands gekrönte Felsspitze war für die Ureinwohner des Vilstales genauso ein Kraftplatz wie später für Ludwig II. und die ersten Touristen. Der bayerische Märchenkönig war von dem aussichtsreichen Adlerhorst so begeistert, dass er sich hier, in Sichtweite von Neuschwanstein, ein weiteres Traumschloss bauen lassen wollte, nicht allerdings, um darin zu wohnen, sondern als letzte Ruhestätte.

Die Gäste sollen nicht gedankenlos durch die schöne Landschaft streifen.

Jan Schubert
Tourismusdirektor

Klar, dass ein Wanderdorf den Hobbygeher auch in der kalten Jahreszeit nicht im Regen stehen lassen darf. Insgesamt acht Winterwanderwege werden nun angeboten. Der schönste führt in einer knappen Stunde zur fantastisch gelegenen Hündeleskopf-Alp hinauf – und damit zu der alpenweit einzigen Hütte, die sich auf die Köstlichkeiten der vegetarischen Küche spezialisiert hat. Weiter aufsteigend, erreicht man dann die ebenfalls bewirtschaftete Kappeler Alp, und damit einen weiteren Aussichtspunkt.

Legendäres Venedigerschloss

Magisch wird das Auge hier vom Felsmassiv des Aggensteins angezogen. Der Legende nach steht irgendwo dort oben das nur wenigen Auserwählten sichtbare Venedigerschloss. Von seinen sagenumwobenen Bewohnern wird in fast allen Regionen der Alpen erzählt. Die Bezeichnung „Venedigermännle“ verweist auf Mineraliensammler, die im Auftrag venezianischer Glasmanufakturen durch die Alpen zogen. Zugeschrieben wurden ihnen nicht nur übermenschliche Fähigkeiten, sondern auch ein ausgeprägtes Rechtsbewusstsein.

Eine der überlieferten Geschichten handelt von einem Pfrontener Kindsmörder, der alles auf die Mutter geschoben hatte, die kurzerhand hingerichtet worden war. Als der Übeltäter bald darauf im Gebirge unterwegs war, wurde er nahe des Aggensteins von einer Horde Kapuzenmännchen gefangen genommen, in ihr nahe gelegenes Schloss verschleppt und dort vor Gericht gestellt. Der Venedigerkönig hielt dem Angeklagten einen Zauberspiegel vor, der ihm seine Untaten vor Augen führte, was ihn leblos in sich zusammensinken ließ. Als Wanderer freut man sich über solche Geschichten. Sie machen nicht nur mit der Region, sondern auch mit der alpinen Kulturgeschichte und dem mythischen Weltbild der früheren Alpenbewohner bekannt. In diesem galten die Venediger als Vollstrecker einer höheren Gerechtigkeit. Man glaubte, dass die Natur Mittel und Wege findet, menschliche Grenzüberschreitungen zu bestrafen. Auch die Vermessenheit in Bezug auf die Natur selbst – der Wille, sich ohne Respekt, Dankbarkeit und Maß an ihren Schätzen zu bedienen.

Umgang mit der Natur

Klar, dass solche Geschichten nachdenklich machen: Wie maßvoll ist der heutige Umgang mit der alpinen Natur? Wie angemessen ist es etwa, dass Pfronten im letzten Jahr viereinhalb Millionen Euro für die künstliche Beschneiung ausgegeben hat? Wie verträgt sich das mit dem Image eines Wanderdorfs? Schließlich beschallen die neuen Schneekanonen Tag und Nacht Ort und Tal. Heute ist es der Klimawandel, der die Sache regeln wird. Die beschneiten Pisten liegen gerade mal 900 bis 1250 Meter hoch. Da können die Träume der Bergbahnbetreiber schnell mal platzen - wie die des Märchenkönigs am Falkenstein.

© Schwäbische Post 23.02.2018 12:36
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