Von Leidenschaft und Leidensfähigkeit

Skilauf Jedes Jahr am ersten Sonntag im März starten in Schweden die Läufer zum Wasalauf. Dann geht es 90 Kilometer von Mora nach Sälen. Die Letzten kommen nach zwölf Stunden an.
  • Foto: Barbara Schaefer

Mora und Sälen liegen in Dalarna, einer hügeligen Region in Mittelschweden, wo rote Holzhäuser vor lichten Wäldern eine Bilderbuch-Kulisse abgeben. Hierher war 1521 Gustav I. Wasa, schwedischer Adliger und Aufrührer gegen die dänische Okkupation, auf Skiern vor dänischen Soldaten und auf der Suche nach Verbündeten geflüchtet. Er kam durch die Ortschaft Mora, wo sich keiner groß um ihn scherte. Also weiter nach Westen! Kurze Zeit später besann sich der Ort, vielleicht sollte man doch diesen Wasa unterstützen? Die besten Skiläufer wurden losgeschickt, um ihn einzuholen. In Sälen schlossen sie auf, überredeten Wasa; die drei kehrten um, zurück nach Mora. Rasant ging es durch den Schnee, mit einem kurzen Ski am einen Fuß und einem langen am anderen, der eine schob, der andere glitt. Wasa wurde zwei Jahre später König von Schweden – die Männer aus Mora hatten aufs richtige Pferd gesetzt.

Über 60 000 Teilnehmer

1922 schlug der Zeitungsredakteur Anders Pers vor, mit einem Vasaloppet an das historische Ereignis anzuknüpfen. Seither findet der Lauf jedes Jahr am ersten Märzsonntag statt und ist mittlerweile zu einem mehrtägigen Event mit mehreren Rennen angewachsen. Über 60 000 Teilnehmer stehen dabei an, um ihre Nummerlappar zum Start zu bekommen.

Verschiedene Varianten

Menschen aus ganz Europa stromern durch Mora, die Wälder bevölkern sich mit Langläufern. Ein letzter Materialtest, denn eine schwierige Entscheidung steht an: welche Ski? Skating-Ski fallen aus, denn es darf nur klassisch gelaufen werden, im traditionellen Diagonalschritt. Auf diese Ski wird im Bereich des Schuhs Steigwachs aufgetragen. Das klebt und so kann man sich abstoßen. Eine andere Variante ist der Doppelstock-Anschub. Dabei steht man fest auf beiden parallel geführten Ski und haut die Stöcke links und rechts in den Schnee. Immer wieder. 90 Kilometer weit. Die anstrengendste, aber schnellste Variante.

Eva-Lena Frick (55), Geschäftsführerin des Wasalaufs, erinnert sich sehr genau an ihren Lauf von 2004. „Ein schrecklicher Tag. Ich war zu schnell. Ich habe 30 Kilometer weit darüber nachgedacht und dann aufgegeben. Heute sage ich, ich hätte weiterlaufen sollen.“ Frick lief den Wasalauf das erste Mal 1989. Was bemerkenswert ist, denn bis 1988 waren Frauen nicht zugelassen. Die Wasalauf-Ausstellung zeigt Fotos von Aufsehern, die Frauen grob aus der Loipe zerren. Die Rekordzeit der Männer liegt bei gut dreieinhalb Stunden, für Frauen bei gut vier.

Am frühen Sonntagmorgen schwappen Menschenmassen vom Parkplatz zum Startpunkt. 15 800 Menschen suchen einen Platz im Startfeld, einsortiert nach Startnummern. Die Guten vorn, um das schlimmste Gedränge zu vermeiden. Schließlich und endlich: der Startschuss. Die Anspannung entlädt sich in Bewegung, es ist nichts mehr zu hören außer dem tausendfachen „sch, sch, sch“ der vielen schiebenden Ski.

Einen Liter Blaubeersuppe

Die bunte Schar fließt durch die Landschaft, hügelauf, hügelab. So geht das nun den ganzen Tag, außer man ist Spitzensportler und früher im Ziel. Im Wald stehen frierende Freunde und feuern die dampfenden Langläufer an. An Verpflegungsstationen wird Blaubeersuppe ausgeschenkt. Fast einen Liter davon trinken die Sportler im Schnitt.

Ernährung als ein A und O

Es ist ein Sportereignis, und ein Geschäft.

Eva-Lena Frick
Geschäftsführerin

Was Wasaläufer wann essen dürfen, wird grundsätzlich diskutiert. Etwa in der temporären Sportler-WG, die sich in einem Haus in Mora eingefunden hat, darunter zwei junge Sportwissenschaftler und Journalisten, die mitlaufen werden: das kompakte Muskelpaket Timo und der agile Julian. „Keine Mandarinen!“, ruft Timo am Nachmittag vor dem Lauf erschrocken aus. Doch nicht das Säurelevel hochschrauben! Dafür schaufelt er Nudeln, Bananen und Brot in sich hinein. Das sei „Tapering nach der Schweden-Diät“.

Der schwedische Sportwissenschaftler Bengt Saltin hatte entdeckt, dass sich ein vollständig entleerter Kohlenhydratspeicher auf 125 Prozent aufladen lässt. Also darben Sportler monatelang, um sich dann vor dem Wettkampf richtig vollzustopfen. Als würde man sich eine Kombination aus Magersucht und Bulimie verordnen. „Salzbrezeln mit Milch sollen auch gut sein“, sinniert Julian und fügt an: „Die Norweger essen die ganze Zeit Haferschleim.“ Seit Jahren gewinnen Norweger den Wasalauf.

Die Skisportler verlieren rund drei Kilo während des Rennens. Das Durchschnittsalter beträgt 42 Jahre, zu zwei Dritteln sind Männer unterwegs. Auffällig sind die Hunderte von älteren Herrschaften mit orangefarbenen Nummerlappar und schriller 80er-Jahre-Sportkleidung. Sie haben über 30-mal teilgenommen und gehören dem Veteranklubben an. So wie Bo Wallin, der in diesem Winter beim Skiwachsen hilft. „Wir sind mit Skiern zur Schule gefahren, so wie die Kenianer als Kinder schon laufen.“

Wer bei den Hügeln noch den Doppelstockschub schafft, ist gut im Training. Die anderen gehen im Grätenschritt bergauf. Das ähnelt dem Skaten – nur darf auf keinen Fall der Ski gleiten. Skater werden disqualifiziert, dafür sorgen Streckenposten. Der Sieger erhält knapp 10 000 Euro Prämie. Doch außer für eine Handvoll Läufer ist das nicht das Ziel. Es geht um persönliche Bestzeiten, um die Freude an der Herausforderung.

23 Millionen Euro Umsatz

Für die Veranstalter und für die Region geht es auch um viel Geld. In den vier Gemeinden werden in dieser Winterwoche rund 23 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Die Sportvereine in Dalarna bekommen davon eineinhalb Millionen. Die Hotels sind ausgebucht, Ferienwohnungen auch. Vasaloppet-Geschäftsführerin Frick sagt: „Es ist ein sportliches Ereignis - und ein Geschäft.“ Zu einem Skating-Wettbewerb würden nicht solche Massen kommen, denn in Skandinavien wird wenig geskatet. Ist die Loipe zu steil, kommen auch wenige. „Reich wird man nicht mit den Spitzensportlern, sondern mit der Masse.“

Am Ziel sind alle am Ende

Nachmittag in Mora. Die Sieger haben längst geduscht. Aber der Strom der Zieleinläufer reißt nicht ab. Es wird dunkel. Nach zwölf Stunden wird der Lauf abgeschlossen. Zwölf Stunden! Sind also nicht diejenigen die wahren Helden, die am Start in Sälen die Stirnlampe eingepackt haben, weil sie wissen: Ich werde im Dunkeln ankommen.

Sicher ist: Im Ziel sind alle am Ende. Beim Wasalauf zählt außer Kondition und Kraft vor allem Leidensfähigkeit. Denn wer zwölf Stunden braucht, hat eben auch zwölf Stunden lang jede einzelne Minute die Möglichkeit aufzuhören, die langen Latten von sich zu werfen, an einer Verpflegungsstation in den Bus zu steigen. Diese Entscheidung den ganzen Tag lang nicht zu treffen, sondern immer weiterzulaufen, ist ein hartes Brot.

© Schwäbische Post 23.02.2018 16:30
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