Von Leberflecken und Fußgängerfallen

Aus dem GT-Fotoarchiv Neue Verkehrsschilder und Regeln sorgen in Gmünd für Diskussionen. Klage über Sturheit der Fußgänger und besonders der alten Frauen.
  • Inzwischen verschwunden: Das alte Verkehrsschild „Parkverbot“ auf dem Gmünder Marktplatz.
  • Die neuen Verkehrsschilder in der Bocksgasse, als dort noch Verkehr fließen durfte. Fotos: GT-Archiv

Schwäbisch Gmünd

Das weiße „Stop“ im achteckigen roten Feld, das gelbe Viereck im weißen Rand – jeder Verkehrsteilnehmer kennt diese Schilder. Nur ältere Fahrer wissen, dass es diese Verkehrsschilder eben nicht „schon immer“ gab. Am 1. März 1971 wurden sie mit der neuen Straßenverkehrsordnung in Kraft gesetzt. Wer „vorsichtig und rücksichtsvoll, deutlich und vor allem defensiv, alles in allem also fair“ fahre, der werde mit den neuen Regeln und Schildern keine Probleme haben“, beruhigte der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber die Verkehrsteilnehmer. Dennoch: In den Tagen und Wochen danach sorgten sie für viele Diskussionen – auch in Gmünd.

Ältere haben Probleme

„Omnibussen muss das Anfahren aus Haltebuchten ermöglicht werden. Notfalls muss der Verkehr anhalten“, war eine der Neuerungen. Gut einen Monat nach Inkrafttreten stellte Werner Fuhr als Vertreter des ADAC in Gmünd fest, dass das Blinken noch für viel Unsicherheit sorge. Allerdings sei es nach fünf Wochen noch zu früh, schon jetzt gewisse Omnibusfhrer zu kritisieren. Fuhr sprach bei der Hauptversammlung der Kreisverkehrswacht und dabei war die neue Straßenverkehrsordnung ein ganz wichtiges Thema. Zum Beispiel das Schild „Vorfahrtsstraße“, wegen den gelben Vierecks im Zentrum auch als „Leberfleck“ bezeichnet: Sollte es besser am Anfang der Kreuzung stehen oder nicht?

Rektor Adolf Hägele stellte fest, dass die neue Verkehrsordnung auch in den Schulen neue Impulse gegeben habe. Die Jugend habe die Bedeutung der neuen Verkehrsschilder rasch in sich aufgenommen. Dennoch dürfe die nötige Umsicht nie außer acht gelassen werden. Auch ein Fahrlehrer berichtete, dass die Neuerung jüngeren Fahrschülern kaum Probleme bereite, älteren dafür umso mehr.

Rechtsanwalt Otto Stegmaier meinte, dass die Markierungen vor Fußgängerüberwegen durch die neuen Regeln an Bedeutung gewonnen haben. Deshalb sei die Stadtverwaltung gefordert, diese Markierungen in kürzeren Zeitabständen herzurichten. Auch die Beleuchtung der Überwege gewinne an Bedeutung. Deswegen solle der Überweg beim Autohaus Wörner mit gelbem statt weißem Licht beleuchtet werden. Der Überweg bei der Bahnhofsapotheke entpuppe sich als „Fußgängerfalle“ und brauche dringend ebenfalls Gelblicht.

Wildwechsel am Hildner-Eck

Stegmaier führte weitere Beispiele für notwendige Korrekturen an, fasste seine Erfahrungen allerdings so zusammen: „Sie glauben nicht, wie schwierig es ist, etwas Vernünftiges gegen eine Behörde zu erreichen.“

Das wiederum ließ Oberbaurat Mende als Vertreter der Stadtverwaltung nicht so stehen. Die Statdverwaltung habe die Erfahrung gemacht, dass es besser sei, möglichst wenige Fußgängerüberwege einzurichten – und wenn schon, dann am besten als Furten mit Ampeln. „Der einfache Zebrastreifen nützt nichts.“ Manchmal helfen aber auch Ampeln nicht. Trotz solcher sicheren Überwege bestehe der „alte Wildwechsel“ am Hildner-Eck zwischen Milchgässle und Friseur weiterhin. Das hat sich bis heute nicht verändert.

Generell zeichnete sich für den Berichterstatter in der damaligen Diskussion ab, dass der Autofahrer durch die neuen Regeln einfach überfordert werde – „nicht zuletzt durch die Sturheit der Fußgänger und hierbei wiederum besonders durch alte Frauen.“ Eine gewisse Disziplin müsse doch von allen Verkehrsteilnehmern verlangt werden können.

Vor dem Überholen blinken – die neuen Regeln für den Straßenverkehr

Schwäbisch Gmünd. Das sind einige der wichtigsten Regeln, die mit der Reform zum 1. März 1971 in Kraft traten:

Vor dem Überholen, dem Spurwechsel und dem Anfahren muss der Blinker betätigt werden, auch im Ortsverkehr.

Die Vorfahrts-Grundregel „rechts vor links“ gilt künftig auch im Kreisverkehr. Wo sich die bisherige Regelung bewährt hat, wird sie aber durch positive und negative Vorfahrtszeichen beibehalten.

Mit Standlicht darf künftig überhaupt nicht mehr gefahren werden. In jedem notwenigen Fall muss das Abblendlicht eingeschaltet werden.

Stockt der Verkehr, so darf trotz grüner Ampel nicht mehr in eine Kreuzung eingefahren werden. Wer in eine Kreuzung einfährt, muss sicher sein, dass er sie zügig überqueren kann.

Haben sich bei dichtem Verkehr Fahrzeugkolonnen gebildet, dann darf die rechte Kolonne schneller als die linke fahren. Im Kolonnenverkehr ist das Wechseln von der linken in die rechte Spur nur erlaubt, wenn man abbiegen oder halten will.

Ohne triftigen Grund darf niemand so langsam fahren, dass der Verkehrsfluss dadurch behindert wird.

Bei Stauungen auf Autobahnen oder Schnellstraßen müssen die Fahrzeugkolonnen in der Mitte eine Gasse für Polizei- und Rettungsfahrzeuge freilassen.

Nebelschlussleuchten dürfen nur außerhalb geschlossener Ortschaften und dort auch nur dann benutzt werden, wenn durch Nebel die Sichtweite weniger als 50 Meter beträgt.

© Schwäbische Post 01.08.2017 20:33
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