Spenden sammeln von Tür zu Tür

Reportage In den vergangenen Tagen waren vielerorts Sternsinger unterwegs. Wir haben eine Gruppe aus Wasseralfingen auf ihrem Weg durch die Wohngebiete begleitet.
  • Stöbern in den Kleiderständern nach dem passenden Gewand.
  • Fotos: Alexander Hauber
  • Freuen sich über den Besuch der Sternsinger: Das Ehepaar Marianne und Hans-Peter Krämer aus Wasseralfingen.
  • Stöbern in den Kleiderständern nach dem passenden Gewand.
  • Fotos: Alexander Hauber

In der Wasseralfinger Sängerhalle herrscht um kurz vor drei wie an den Tagen zuvor reges Treiben: Während die Eltern im Foyer plaudern, wuseln Kinder wild umher und schnappen sich aus der Garderobe die bunten Gewänder, um sich in die Heiligen Drei Könige zu verwandeln. Einer der Könige wird traditionell mit dunkler Hautfarbe dargestellt. „Das ist ganz normale Theaterschminke. Die geht mit ein bisschen Wasser und Seife runter“, versichert eine Mutter, die an diesem Nachmittag bei Schminken mithilft.

Geplante Route

In Wasseralfingen sind in diesem Jahr rund 85 Kinder und Jugendliche als Sternsinger unterwegs. Dazu kommen noch zwei eigenständige Erwachsenengruppen des Männergesangvereins Röthardt und vom Verein Sängerlust Treppach. Doch bevor die Kinder mitsamt Betreuern auf die Wasseralfinger losgelassen werden, ist viel Planung nötig. Friederike Bolsinger und Sabine Wessely vom Planungsteam sind da zwei alte Hasen, die sich seit Jahren in der Kirchengemeinde Sankt Stephanus für die Sternsinger-Aktion engagieren. „Dieses Jahr sind wir mit elf Gruppen unterwegs und wir haben die Stadtbereiche in 28 Gebiete eingeteilt“, erklärt Cheforganisatorin Sabine Wessely und zeigt auf einen großen Plan an der Wand mit vielen roten Linien, welche die einzelnen Bereiche markieren.

Zum ersten Mal dabei

Draußen hat es bis vor wenigen Minuten an diesem Mittwoch noch stark geschnien. Doch pünktlich bevor die Stersinger gegen 15 Uhr aufbrechen, hat das Schneetreiben erstmal ein Ende. Die Gruppe von Betreuer Joachim Rieger setzt ihre gestrige Route auf dem Braunenberg fort. Die Drei Könige in Gestalt der Brüder Philipp (8) und Alexander Gödde (7) sowie Jan Manzel (12) werden vom Sternträger Adrian Köhler (14) begleitet. Er ist schon das siebte Mal bei den Sternsingern dabei, für die anderen drei ist es dieses Jahr die Premiere.

Die Route startet in der Peter-Köhle-Straße. Die Sternsinger haben an der Türe des ersten Hauses Aufstellung genommen und Philipp klingelt. Es dauert ein kleine Weile, bis sich im ersten Stock ein Fenster öffnet und eine Frau etwas grimmig herausschaut. Wer da wohl geklingelt hat? Doch als sie die Sternsinger erkennt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sie eilt zur Tür.

„Wir kommen daher aus dem Morgenland...“, singen die Kinder zur Begrüßung. Danach gibt es ein Spende in das Kässchen. „Und für die Kinder Schokolade“, sagt die Frau und drückt Joachim Rieger ein paar Tafeln in die Hand, der sie in einer Tüte verstaut. „Am Ende eines Tages macht Joachim vier gleich große Haufen aus allen Süßigkeiten und wir teilen diese dann unter uns auf“, verrät Philipp. Bevor die Sternsinger weiterziehen bringt Joachim Rieger den Segenspruch über der Tür noch auf den aktuellen Stand und macht aus der „16“ ein „17“.

Längst wird der Segen nicht nur per Kreide ans Haus geschrieben. „Viele Häuser haben Türrahmen aus weißen Kunststoff. Darauf würde man die weiße Kreide nicht sehen“, sagt Joachim Rieger und zieht beim nächsten Haus einen Aufkleber aus dem Rucksack. „Der Vorteil ist, dass man da auch mal drüberwischen kann“, meint Rieger. Auf dem dunklen, rechteckigen Aufkleber ist mit weißer Farbe „20*C+M+B+17“ zu lesen.

Das Wetter wird an diesem Nachmittag wieder ein bisschen unangenehmer. Es fängt langsam an zu schneien und ein eisiger Wind bläst durch die Straßen auf dem Braunenberg. Da wäre es doch viel gemütlicher die freie Zeit zuhause auf dem Sofa zu verbringen. „Wir machen bei den Sternsingern mit, weil wir durch das Spendensammeln Kindern helfen können“, sagt Philipp Gödde. „Und weil es total viel Spaß macht“, ergänzt sein Bruder Alexander. Er ist heute zum allerersten Mal zu den Sternsingern dazugestoßen, nachdem ihm sein Bruder am Vortag erzählt hatte, wie es ihm gefallen hatte.

Lob für „tolle Sänger“

Gleich beim nächsten Haus ernten die Kinder ein Lob. „Wirklich tolle Sänger“, sagt eine ältere Frau nach dem ersten Leid. „Das ist nicht jedes Jahr so, dass die Heiligen Drei Könige so schön singen können“, meint die alte Dame. Auch sie hat für die Sternsinger neben einer Spende Süßigkeiten parat gelegt.

Wir machen bei den Sternsingern mit, weil wir durch das Spendensammeln Kindern helfen können.

Philipp Gödde

„Wir singen zum Dank und tragen den Stern…“, stimmen die Kinder zur Verabschiedung an. Joachim Rieger zieht gerne als Betreuer mit den Kindern durch die Straßen. Er selbst ist ein alter Hase, war das erste Mal 1981 zu Ministrantenzeiten bei den Sternsingern mit dabei.

Auf die Frage, was man denn in all den Jahren so Witziges erlebe, gerät er kurz ins Stocken, erzählt die Anekdote dann aber trotzdem: Joachim war damals zwölf und mit einer Gruppe älterer Jungs unterwegs, allesamt etwa um die Anfang zwanzig. Diese wollten sich nicht zum Mohr schminken lassen und so überredeten sie den kleinen Joachim, dass er die Rolle übernehmen „sollte“. Im Gegenzug durfte er alle Süßigkeiten behalten. Das klang nach einem guten Deal. „Wir sind nach Affalterried geschickt worden“, erinnert sich Joachim Rieger. Ihm sei es damals schon ein bisschen Spanisch vorgekommen, warum die Gruppe hingefahren wurde und nicht hingelaufen sei.

Das Rätsels Lösung zeigte sich gleich beim ersten Haus: „Buaba, ischs eich kalt?“, fragte der Hausherr und reichte den älteren Jungs ein Schnäpsle zum Aufwärmen. Und weil es die Jungs scheinbar immer noch fror, bekamen sie gleich noch ein zweites. Arg weit kamen die Burschen nicht, denn ähnlich ging es dann an der ein oder anderen Haustüre weiter – Ende vom Lied: „Wir haben nur die halbe Straße geschafft“, sagt Joachim Rieger lachend.

Doch es sind ganz andere Erlebnisse, an die er sich auf die Sternsinger angesprochen gerne erinnert. Zum Beispiel, dass den Sternsingern auch von Menschen anderen Glaubens, etwa von muslimischen Familien, die Türe geöffnet wird. „Sie freuen sich über unseren Besuch und hören den Liedern zu – das finde ich klasse“, sagt Joachim Rieger. Und auch wenn die Sternsinger dort keinen Segensspruch an der Türe hinterlassen, bekommen sie doch etwas ins Kässchen geworfen.

Blonder Engel mit an Bord

Adrian und Joachim erinnern sich noch einen Nachmittag vor drei Jahren zurück, der sozusagen „besonders umsatzstark“ war. Damals hatten sie Marie, die dreijährige Töchter eines Bekannten dabei. „Mit ihren blonden Locken sah sie aus wie ein richtiger Rauschgoldengel“, sagt Joachim. Und diesem Charme konnten die meisten Anwohner nicht widerstehen: „Oft sind die Leute noch einmal in die Wohnung gelaufen und haben Nachschub geholt. An diesem Nachmittag haben wir nicht wie in den Jahren zuvor in dieser Siedlung etwa 600 Euro eingenommen, sondern über 1000“, sagt er. Auch die Süßigkeitenration sei entsprechend größer als sonst ausgefallen, erinnert sich Adrian Köhler.

Engagement weitervererbt

Joachim Rieger war schon in seiner Jugend bei den Sternsingern mit dabei. Dann habe er berufsbedingt ein paar Jahre pausiert, „bis ich durch den eigenen Nachwuchs als Betreuer wieder eingestiegen bin“, sagt er. Wenn man selbst in der Kindheit mit dem Thema Sternsingen aufgewachsen sei, stecke natürlich auch viel Herzblut darin.

Und das Engagement hat Joachim Rieger innerhalb der Familie weitergegeben. „Meine fünfzehnjährige Tochter ist in meine Fußstapfen getreten und betreut auch eine Sternsingergruppe“, sagt Rieger stolz. Neue Betreuer und Kinder, die bei den Sternsingern dabei sein wollen, seien jederzeit willkommen. „Denn wir werden von Jahr zu Jahr weniger“, sagt er.

© Schwäbische Post 05.01.2017 16:06
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