Vor der Kulisse des Wilden Kaisers

Wintersport St. Johann, der weniger bekannte Zwerg unter den Skigebieten im Tiroler Unterland, besinnt sich auf seine Stärken: Hüttenkultur, ruhige Lage und beste Basis für eine große Skisafari.
  • cb318014-c071-407f-bc4b-e36cdc068ce3.jpg
    Foto: Bettina Bernhard

Dem Ort fehlen der Glamour von Kitzbühel, die Pistenkilometer von Brixen und die Partyszene von Saalbach. Nicht einmal der Name ist unverwechselbar, zur Unterscheidung von Namensvettern im Pongau und in Südtirol trägt St. Johann ein „in Tirol“ im Namen. Doch wer Ruhe statt Rummel, zivile Preise und gewachsene Strukturen sucht, wird das Städtchen vor der monumentalen Kulisse des Wilden Kaisers mögen.

Mit 3800 Gästebetten auf rund 9500 Einwohner fällt St. Johann nicht in die Kategorie der reinen Touristenorte. Das schätzt Maximilian Blumschein, der Chef des frisch renovierten Traditionshotels Post mitten in der beschaulichen Fußgängerzone. „Hier ist das ganze Jahr Leben, nicht nur von Dezember bis März“, sagt er. Er weiß, wovon er redet, denn wohin Stillstand führen kann, hat er bei der Pleite des Familienbetriebs in seinem Heimatort Bad Gastein schmerzlich erlebt.

„Hier geht was“

Vor einem halben Jahr startete er neu durch in St. Johann und schaut optimistisch in die Zukunft, denn „hier geht was“. „St. Johann hat ein gutes Klima für Neues und die Verantwortlichen haben den Willen, etwas zu verändern“, konstatiert auch Jakob Reisigl, Geschäftsführer der Explorer-Hotels. Deshalb hat er St. Johann als Standort für das fünfte Exemplar seiner mehrfach preisgekrönten ökologischen Budgethotels ausgewählt. Von hier wie von vielen Unterkünften in St. Johann startet man mit Skiern an den Füßen oder auf der Schulter zum nächstgelegenen Lift. Die haben alle ein Ziel: das 1996 Meter hohe Kitzbüheler Horn, dessen schneesichere Rückflanke Harschbichl die St. Johanner Bergbahnen mit 17 Gondelbahnen, Sessel- und Schleppliften erschlossen haben. Ganz nach oben gelangt man mit bequemen Gondeln. Während der Ort auf Modelleisenbahngröße schrumpft, wechseln steile bewaldete Hänge mit sanften sonnigen Kuppen ab.

Viele bewirtschaftete Hütten

Dekorativ dazwischen gestreut liegen Hütten, alle mit viel Holz und im traditionellen Baustil. Viele empfangen Wanderer, Skifahrer, Mountainbiker und Tourengeher. „Mit 14 bewirtschafteten Hütten auf 43 Pistenkilometern haben wir eine ordentliche Dichte“, sagt Oskar Reisenbauer vom örtlichen Tourismusverband schmunzelnd. Seelenlose Selbstbedienungsimbisse findet man nicht. Dafür urige Hütten mit vielen Originalen – unter den Möbeln, den Mahlzeiten und den Menschen.

Zu behaupten, man verstünde alles, wäre geschwindelt angesichts des Wortschwalls in bestem Tiroler Sound, mit dem Annemarie Foidl ihre Gäste begrüßt. Aber zweierlei wird sofort klar: Es ist ein herzlicher Empfang und die Wirtin der Angerer Alm hat einiges zu erzählen. Wo anfangen? Vielleicht bei den Superlativen: ältestes Gebäude am Berg, einst reiner Bauernhof. Höchstgelegener Weinkeller der Alpen und bestens ausgestattet, denn hier versammelt die Diplom-Sommelière Annemarie Foidl Schätze aus Österreich und dem Rest der Welt. Die kredenzt sie bei Weinseminaren, Verkostungen oder feinen Abendmenüs auf der Alm. Einen Vorgeschmack darauf bekommt man auch schon mittags, wenn noch die Karte für hungrige Hütteneinkehrer gilt mit frischer Hausmannskost von deftigen Gröstl und Knödeln bis zu süßen Nockerln und Kaiserschmarrn.

Im Familienbesitz ist die Angerer Alm schon lange, doch erst Annemarie Foidl wollte sie nicht verpachten, sondern selbst gestalten. Längst hat sich das Niveau von Küche und Ambiente herumgesprochen und nun kommen nicht nur Firmen und Familien zum Feiern, sondern auch viele Feinschmecker. Die sportlichen unter ihnen schnallen Felle unter die Ski, steigen auf 1300 Meter hinauf und fahren später mit Stirnlampe ab.

Idylle auf der Alm

Wer vor allem des Weines wegen kommt, quartiert sich in einer der 13 Schlafkammern ein, deren Hochbetten aus Holz mit Herzchen-Deko zu himmlischen Träumen rufen. Den Weg zu Etagendusche und Toilette versüßt ein Bademantel. „Wir sind eine Alm und das bleiben wir auch, denn nur so sind wir authentisch“, kommentiert die Chefin.

Man wär’ zu gern geblieben, doch da draußen lacht die Sonne, locken frisch präparierte Pisten. Obwohl das Gebiet auf den ersten Blick vor allem für Kurztrips und Familien attraktiv erscheint, ist es viel abwechslungsreicher und weitläufiger, als der erste Blick auf den Pistenplan vermuten lässt. Und die entspannte Gelassenheit der Hüttenpause scheint sich auch auf die Skifahrer zu übertragen.

Spezialitäten probieren

Hier ziehen Anfänger friedlich ihre Bögen, während Freunde des flotten Fahrens auf den geräumigen, gut präparierten Pisten Platz für Geschwindigkeit finden. Von ihren Heldentaten hört man abends im Gasthaus Dampfl, das seinen Namen von den Kirchgängern bekam, die sich die Zeit bis zum Mittagessen daheim mit einem Abstecher ins Wirtshaus verkürzten – heraus kamen sie meist mit einem Dampf im Gesicht. Hier wird auf hohem Niveau Tiroler Küche serviert, und wer sich an Spezialitäten wie Beuschl, ein Ragout aus Innereien, herantraut, wird mit überraschenden Geschmackserlebnissen belohnt.

Darüber hinaus ist St. Johann ein feiner Standort für unkomplizierte Skiausflüge. Per Zug oder Bus, beides inklusive in der Gästekarte, ist man binnen einer Viertelstunde in vier weiteren Skigebieten: in Kitzbühel, dem mondänen Skiort, wo die Fußgängerzone als Laufsteg für Outdoor-Mode dient und sich alljährlich die sportliche Elite zum berühmten Hahnenkammrennen trifft. In natura ist die berüchtigte „Streif“ sogar noch steiler, als sie auf dem Fernsehschirm wirkt. Was die Truppe erst für einen Witz von Skilehrer Bernhard hält, ist eisige Realität: „Da geht es runter“, deutet er auf einen mit Netz gesicherten Abhang, der die eh schon anspruchsvolle Piste fast auf Falllinie verkürzt.

In Fieberbrunn, das mit Saalbach, Hinterglemm und Leogang zum XXL-Gebiet mit 270 Pistenkilometern verbunden wurde, findet man einen charmanten Mix aus Mini-Sesselliften mit Klappbügel und futuristischen Gondeln, aus Funparks und verträumen Waldabfahrten, Autobahnen und schwarzen Abfahrten. Das Riesen-Skigebiet hat Platz und Möglichkeiten für alle und speziell die Freerider sind gut aufgehoben bei Varianten abseits der normalen Pisten. Dort finden dafür diejenigen gute Bedingungen, die sich zum Ziel gesetzt haben, alle Abfahrten im Gebiet mal abzuhaken.

Platz für Sonnenhungrige

Mit vielen Pistenkilometern und wunderbaren Panoramen wartet auch die Skiwelt auf. Von Hopfgarten übers Brixental bis Ellmau und Going zieht sich das weitläufige Gebiet, das Sonnenhungrige fast magisch anzieht und allen anderen viel Abwechslung beschert. Zu guter Letzt die Steinplatte: Dekorativ und mit Ausblick liegt das Gebiet auf einem Plateau über Waidring und bietet für Familien und gemütliche Fahrer breite und flache Pisten in zig Varianten. Heia Safari!

Tipps für den Urlaub in St. Johann

Anreise
Mit dem Auto über die A8, A93 und A12 bis Ausfahrt Kufstein, dann weiter auf der B173, B178 und B164 bis St. Johann in Tirol. Mit dem Zug via München nach Wörgl und von dort mit dem Regionalzug nach St. Johann.

Unterkunft
Explorer Hotel in St. Johann, nagelneues Ökohotel für Aktive, schnörkellos und durchdacht mit Sauna und Bar, DZ/F ab 39,90 Euro pro Person (www.explorer-hotels.com/kitzbuehel).
Zur schönen Aussicht in St. Johann, hübsches Hotel mit Berg-Panoramablick, DZ/F ab 68 Euro pro Person (www.schoene-aussicht.com).
Hotel Post in St. Johann, zentral gelegenes Traditionshaus, DZ/F ab 74 Euro( www.dashotelpost.at).

Skigebiete
Skiregion Schneewinkel, 110 Pistenkilometer, 47 Lifte, www.schneewinkel-tirol.com.
Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn, 270 Pistenkilometer, 70 Lifte, www.saalbach.com. Kitzbühel, 179 Pistenkilometer, 54 Lifte, www.kitzski.at.
Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental, 284 Pistenkilometer, 90 Lifte, www.skiwelt.at.
SkiStar St. Johann, 43 Pistenkilometer, 17 Lifte, www.bergbahnen-stjohann.at.

Pauschale Skisafari
7 Übernachtungen mit Frühstück, 6-Tages-Skipass-AllStarCard mit 2750 Pistenkilometern, ab 550 Euro pro Person, buchbar bis zum 2. April 2017.

Allgemeine Info
Im Netz unter www.kitzalps.cc.

zurück
© Schwäbische Post 05.01.2017 16:06
Ist dieser Artikel lesenswert?
496 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.