Zu Fuß durch dunkle und goldene Zeiten

Böhmerwald Salzhändler und Goldsucher machten ihn reich, der Zweite Weltkrieg und seine Folgen entvölkerten ihn fast. Seine Geschichte begleitet Wanderer in der Waldwildnis auf Schritt und Tritt.
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    Prachatice feiert jährlich das Fest des Goldenen Steigs. Foto: Bettina Buchstab
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    Einst Tresor, heute Filmkulisse: Burg Kasperk. Foto: BB
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    In altem Glanz: Bergsynagoge in Hartmanice. Foto: BB
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    Foto: Bettina Bernhard
Bäume, Bäume, Bäume. Egal, wohin Dalibor Hiric zeigt, hier gibt es nur Bäume. Buchen, Tannen, Fichten. Der Böhmerwald macht seinem Ruf als einst undurchdringliche Wildnis alle Ehre. „Selbst die Römer kamen nicht über das Sumava-Gebirge, das wie eine Mauer wirkte mit seinem dichten, dunklen Wald, den wilden Tieren und den gefährlichen Mooren“, erzählt Hiric, der Fremdenführer. Was schon immer eine natürliche Grenze zwischen zwei Ländern bildete, trennte zeitweise ganze Welten, denn hier ragte der Eiserne Vorhang in die Höhe. Dass der Grenzkamm zu Bayern baumlos und daher sichtbar ist, liegt an Kyrill, dem Orkan, der die Fichten knickte wie Streichhölzer.

Kahle, tote Baumskelette recken sich in den blauen Himmel – da hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet, wie Hiric an einem Stück Rinde demonstriert. Es ist durchlöchert wie ein Sieb, auf der Rückseite sieht man die Fresskanäle der Käfer. Zwischen den Baumresten versprechen üppige Heidelbeerbüsche leckere Ernte. Überall sprießt frisches Grün: Durch die Baumgerippe fällt genug Licht, das Totholz am Boden bietet Nahrung, und Wasser hat der niederschlagsreiche Böhmerwald genug. „Biodiversität“ nennen die Hüter des Nationalparks, der sich dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze erstreckt, das Chaos im Wald. Er darf hier natürlich wachsen – und vergehen.

Im Teufelsee gibt’s kein Leben

Überraschend öffnet sich eine Lichtung und der Teufelsee taucht auf. Seinen Namen bekam der 30 Meter tiefe See, weil in dem Wasser fast nichts lebt. Das konnten sich die Menschen nur durch den Einfluss des Teufels erklären. Tatsächlich liegt es daran, dass der See durch den Rückzug eines Gletschers entstand, der eine Senke hinterließ, die sich mit Regenwasser füllte und bis heute füllt. Für Vladena Tesarová ist die Waldeinsamkeit eine Art Elixier. Die Prager Glaskünstlerin verbringt rund die Hälfte des Jahres im Dörfchen Dobrá Voda, wo die Kirche des Nationalheiligen Gunther steht. Der gilt zwar den Oberen in Rom nur als selig, weil er nicht genug Wunder wirkte. Den Tschechen aber ist „ihr“ Gunther heilig, denn der einstige Lebemann wurde zum frommen Mönch und gründete im 11. Jahrhundert ein Kloster.

Die Kirche in Dobrá Voda steht nur deshalb noch, weil die Kommunisten sie als Munitionslager nutzten. Mit deutscher Hilfe wurde sie nach 1991 renoviert. „Als ich zum ersten Mal in diese leere Kirche kam, wusste ich, da muss etwas hinein“, sagt Vladena Tesarová. Und da ihr Material das Glas und ihr Thema sakrale Kunst ist, schuf sie aus grünlichem Glas einen Altar, ein Krippenbild, Wandbilder und eine Statur des heiligen Gunther. Die Künstlerin gießt das Glas bei 1500 Grad in Gipsformen, danach setzt sie die Einzelteile zusammen. Ihr Atelier liegt mitten „im Herzen der Schöpfung“, sagt Tesarová.

450 Dörfer zerstört

So einsam, wie der Böhmerwald wirkt, war er nicht immer. Das zeigt eine Ausstellung über die „verschwundenen Dörfer“ in der Bergsynagoge von Hartmanice. 450 Dörfer wurden zerstört, um das Grenzgebiet zu sichern. „Die Militärs nahmen sie als Ziel für Panzerübungen“, weiß Martin Lorenz, der Museum und Synagoge betreut. Vorher-nachher-Fotos zeigen Festzüge, Marktszenen und bäuerliches Leben aus den 1920er und 1930er Jahren. Auf aktuellen Fotos sieht man Ruinen und Straßen ins Nirgendwo. In Hartmanice erahnt man die einstige Pracht der 1219 gegründeten königlich-freien Bergstadt: Breite Straßen, großzügige Plätze und stattliche Häuser wirken verlassen und überdimensioniert. Dagegen erstrahlt die Synagoge in neuer Pracht. Fast 15 Jahre dauerte die Renovierung, zu der Überlebende der einst 200 Mitglieder starken jüdischen Gemeinde mit Geld- und Sachspenden, mit Bildern und Erinnerungen beitrugen. „Wir haben Päckchen aus Südamerika, Israel und Kanada bekommen“, berichtet Lorenz.

Menschenmassen verträgt die Wildnis nicht.

Josef Stemberk,
Nationalparkverwaltung

So ist die Synagoge heute wieder authentisch mit mehrarmigen Leuchtern und ornamentverzierter Holzempore ausgestattet. Durch die Fenster mit Davidstern fällt warmes Licht, die Atmosphäre ist wunderbar friedlich.

Die Burg Kasperk ist heute eine beliebte Kulisse für Märchenfilme. Früher diente sie als Wachburg und als Tresor: Schon die Kelten wuschen hier vor 2000 Jahren Gold, dann war Ruhe, bis im 11. Jahrhundert erneut Goldsucher in den Böhmerwald kamen. 200 Mühlen zählte man rund um das Städtchen Kaperské hory, wo am Fluss Otava Gold geschürft wurde. Mit dem Goldrausch in Amerika schien das Kapitel beendet. Heute ist Gold wieder ein gutes Geschäft, weshalb sich Kasperské hory mit verprellten Investoren herumschlägt. Die klagen auf entgangenen Gewinn, weil sie versprochene Schürfrechte doch nicht bekamen.

Reichtum durch den Handel

„Die Gier nach Gold, Holz und Bauland kennt keine Grenzen“, sagt Josef Stemberk von der Nationalparkverwaltung. Er fürchtet um die Schätze des Böhmerwaldes. Aktuell sei das 690 Quadratkilometer große (Ur-)Waldgebiet zwar gesetzlich geschützt, Diskussionen aber an der Tagesordnung. Über das Badeverbot im Vydra-Fluss, wo klares Wasser über gigantische Granitmurmeln gluckert. Oder über die restriktive Wegführung zu Luchsen und Hochmoor in Kvilda. „Menschenmassen verträgt die Wildnis nicht“, verteidigt Stemberk die Auflagen.

Prachatice dagegen verträgt einen Ansturm. In der Stadt, deren Mitte unter Denkmalschutz steht, ist merkwürdiges Volk unterwegs: prächtig gewandete Bürger, ehrbare Handwerker, schmucke Musikanten füllen den zentralen Platz – einmal im Jahr, beim Fest des Goldenen Steigs. Es erinnert an die goldenen Zeiten, als der Handel mit Salz, Waffen und Branntwein die Stadt reich machte. Säumer genannte Transportunternehmer karrten die Waren von Italien und Österreich übers Sumava-Gebirge nach Böhmen. Dazu nutzten sie ein Netz mittelalterlicher Salzhandelswege, den Goldenen Steig. Eine anschauliche Rekonstruktion des damaligen Alltags findet man im Museum – falls es nicht gerade zuhat, weil die Stadt ihre goldenen Zeiten feiert.

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© Schwäbische Post 14.08.2017 08:07
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