Auf stillen Wassern unterwegs

Kanufahrt Hektik ist hier ein Fremdwort: 100 Kilometer südlich der lebhaften Hauptstadt Tallinn liegt Estlands jüngster Nationalpark Soomaa.
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So ist das bei Anfängern. Natürlich steuert das Kanu schon nach ein paar Metern wie von selbst zielsicher ins Schilf und fährt sich fest. Doch es besteht keine Gefahr. Ein paar Paddelzüge, den Rest besorgt die sanfte, fast unmerkliche Strömung des Raudna. Schon schwimmt das Kanu wieder im Fluss, dessen Wasser von den Huminsäuren aus den Hochmooren dunkelbraun, fast schwarz gefärbt ist. Ein paar Korrekturen mit dem Paddel, dann treibt das Boot ruhig und wie in Zeitlupe dahin. Man ist unterwegs – und erlebt und genießt doch den Stillstand. Vom Ufer glotzen ein paar Rindviecher. Zwei Störche, die über die sumpfige Wiese staksen, lassen sich nicht stören. Klappern gehört hier für niemanden zum Geschäft. Es ist still. Alles ist in einem ruhigen Fluss.

Abends, bei einer zweiten Kanutour in der beginnenden Dämmerung, ist Ruhe absolute Pflicht. Der Fluss Halliste, wie der Raudna ein stilles Gewässer, macht es den Kanufahrern leicht. Sie treiben lautlos dahin.

Ein Biber lässt sich blicken

Die Augen, die sich langsam an die Dunkelheit anpassen, suchen die Wasseroberfläche ab. Da, plötzlich, keine zehn Meter voraus, schwimmt ein Biber. Der schnelle Griff zur Kamera war wohl zu laut. Blitzschnell taucht das Tier ab, zuvor aber drückt es noch seinen Ärger über die Störung mit einem kräftigen Schwanzschlag aufs Wasser aus. Sekunden später taucht der Biber weit entfernt noch einmal kurz auf. Im 1993 gegründeten Nationalpark Soomaa leben Auerhuhn, Luchs, Wolf, Bär, Wildschwein. Alles Tiere, die man nur mit großem Glück zu sehen bekommt. Schon der Biber macht es dem Beobachter schwer. Weniger Scheu entwickeln die Störche. Sie sind fast allgegenwärtig und nisten auf jedem Dachfirst oder Kamin. Auf den im Süden des Landes kaum befahrenen Straßen schreiten sie bisweilen sogar mit provozierender Lässigkeit vor dem Auto über den Asphalt.

Feuchte fünfte Jahreszeit

Der Nationalpark ist etwa 20 mal 20 Kilometer groß und sehr dünn besiedelt. Von den 50 Einwohnern lebt allein die Hälfte in dem kleinen Dorf Riisa. Die übrigen sind ein ganz besonderer Menschenschlag. Zu ihnen gehört Algis, der als halber Litauer eigentlich Algirdas heißt und eine in den baltischen Staaten nicht so ganz ungewöhnliche Lebensgeschichte erzählt. Die Großmutter, eine Litauerin, wurde im Krieg nach Sibirien verbannt, wo sie den ebenfalls verbannten estnischen Großvater kennenlernte.

Es ist genauso schwer, eine Espe zu entrinden, wie einem Bären das Fell abzuziehen.

Jaan Rahumaa, Einbaummeister

Das andere Großelternpaar war eine Polin und ein Soldat aus Österreich. „Nur dank Stalin und Hitler gibt es mich überhaupt“, sagt Algis und lacht. Als Nachtwächter im Informationszentrum des Parks hat er einst angefangen, inzwischen führt er als freier Mitarbeiter Wandergruppen und die Arbeitstrupps, von denen die Knüppelpfade über die bodenlosen Hochmoore gebaut und instand gehalten werden. Außerdem hat Algis mit wissenschaftlicher Genauigkeit die „fünfte Jahreszeit“ des Parks erforscht.

Jedes Jahr kommt es im April, wenn die Schneeschmelze einsetzt, im Park zu großflächigen Überschwemmungen. Das Schmelzwasser aus dem Sakala-Hochland im Südosten sammelt sich im Soomaa-Gebiet, wo es wegen des fast fehlenden Gefälles nur langsam abfließen kann. Die Folge: Wochenlang stehen weite Gebiete unter Wasser. Viele der Dammwege im Park, die während der russischen Besatzung für Truppenbewegungen gebaut wurden, sind unpassierbar. In Häusern, die nicht auf aufgeschütteten Hügeln oder auf Stelzen erbaut sind, kann es mehr als ungemütlich werden. Und so mancher Heuschober macht sich in der langsamen Strömung regelrecht vom Acker. Bei ablaufendem Hochwasser wird er mit dem Traktor wieder an seinen ursprünglichen Platz gezogen.

Die fünfte Jahreszeit zieht besonders viele Besucher aus Tallinn und der nahe gelegenen Hafenstadt Pärnu an. Dabei geht es weniger um Katastrophentourismus, sondern um ein besonderes Naturerlebnis. Wann kann man schon mit den Kanu oder dem Kajak in den ausgedehnten Birken- und Kiefernwäldern Slalom fahren. Zuletzt war das in den Jahren 2013, 2012, 2011 und 2010 wochenlang möglich. 1931 übertrafen die Fluten den Normalpegel sogar um 5,5 Meter.

Weil die Bewohner des Moorgebiets diese Situation seit jeher kennen, haben sie gelernt, damit umzugehen. Wichtigstes Hilfsmittel war dabei immer der Einbaum. Mit ihm wurden in der fünften Jahreszeit die Kinder in die Schule und die Milch in die Meierei gebracht.

Kunstvoller Kanubau

Seit es moderne Kanus aus Kunststoff gibt, ist die alte Kunst, einen Einbaum herzustellen, etwas in Vergessenheit geraten. Aivar Ruukel, der im Soomaa-Park Moorwanderungen und Kanutouren organisiert und führt, setzt sich als Chef der Estnischen Ökotourismus-Organisation für den Erhalt der Einbäume ein. Die Kunst, eine Haabjas aus einem geraden Stamm einer Haab, einer Espe, zu bauen, beherrschen außer ihm nur noch wenige Menschen. Denn es ist, trotz aller technischen Hilfsmittel, nach wie vor schwere Handarbeit.

Ich liebe die Ruhe und das Gefühl, dass im Hochmoor unter meinen Füßen 10.000 Jahre Naturgeschichte liegen.

Dagmar Hoder,
Leiterin einer Naturschule

Vom Einbaummeister Jaan Rahumaa ist der Satz überliefert, es sei „genauso schwer, eine Espe zu entrinden, wie einem Bären das Fell abzuziehen“. Ist der nackte Stamm später in die grobe Kanuform gebracht, wird er mit dem Hohldexel und dem Schabeisen ausgehöhlt und mit Feuer und heißem Wasser seitlich ausgedehnt. Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kommen Kurse zum Einbaumbau inzwischen gleichermaßen gut an. Angeboten werden sie unter anderem in der Naturschule im Nationalpark in Tipu. Geleitet wird diese Naturschule von einer jungen Frau aus Hamburg.

Dagmar Hoder kam 2001 für ein freiwilliges ökologisches Jahr in den Soomaa-Park. Und der lässt sie, abgesehen von einer Auszeit für ein Studium der Geoökologie, seither nicht mehr los. Begeistert erzählt sie, wie eine Handvoll engagierter Leute einen Verein gegründet, das alte Schulhaus von Tipu gepachtet und eine Naturschule initiiert haben.

Wandern über Naturgeschichte

„Am schönsten ist es, wenn nach den Kursen die Teilnehmer gar nicht mehr wegwollen“, sagt Dagmar Hoder. Doch was ist, wenn der lange Winter das Land im Griff hat? Will sie selbst dann nicht doch lieber weg? Da kann sie nur lachend vom Tretschlittentouren und von Schneeschuhwanderungen schwärmen. Was aber ist im Juni und Juli, wenn die Stechmücken und Bremsen zur Plage werden? „Dann gehe ich baden in den Moorkolken“, sagt die junge Frau.

Das Schönste aber sind für sie einsame Moorwanderungen mit speziellen Moorschuhen. „Ich liebe die Ruhe“, sagt Dagmar Hoder, „und das Gefühl, dass im Hochmoor unter meinen Füßen 10 000 Jahre Naturgeschichte liegen.“

Reisen nach Estland

Anreise
Direktflüge von Stuttgart in die estnische Hauptstadt Tallinn gibt es nicht, sondern von Frankfurt. Alternative wäre ein Flug von Stuttgart in die lettische Hauptstadt Riga. Mit dem Mietwagen zum Soomaa-Nationalpark sind es von Tallinn 100 Kilometer, von Riga 150 Kilometer.

Internet
Informationen zu den estnischen Nationalparks gibt es in englischer Sprache unter www.loodusegakoos.ee Spezielle Informationen zum Soomaa-Nationalpark und zu Aktivitäten dort finden sich unter www.soomaa.com

Pauschalreise
Der Naturreiseveranstalter „Abenteuer Flusslandschaft“ bietet von Mitte Mai bis Mitte Oktober eine siebentägige Aktivreise in den Soomaa-Nationalpark mit vier Paddeltouren und einer Moorwanderung an. www.abenteuer-flusslandschaft.de

Allgemeine Infos www.visitestonia.com

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© Schwäbische Post 11.08.2017 15:08
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