Füttern und streicheln verboten!

Schleswig-Holstein Sie kennen weder Sattel noch Zaumzeug: die Wildpferde der Geltinger Birk. Diese Tiere zu erleben ist ein besonderer Moment.
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    Foto: Dörte Nohrden
Sie späht von einer Anhöhe durch den Feldstecher: „Ah, das Fohlen kann erst wenige Tage alt sein.“ Gisela Vierling kneift die Augen zusammen. „Und Carl versucht es schon wieder bei einer Stute, aber erfolglos“, schmunzelt die 66-Jährige und marschiert weiter ins Herz der Geltinger Birk, einer naturgeschützten Halbinsel im nordöstlichsten Winkel von Schleswig-Holstein. „Man weiß nie, wo die Herde sich aufhält“, erzählt die veterinärmedizinische Assistentin. Oft müsse man lange nach ihnen suchen, in der Hitze aber blieben sie gern auf den offenen Flächen, dort gehe mehr Wind. Im Wald würden die Mücken die Tiere quälen.

Idyll von über 700 Hektar

Rundherum schweift der Blick hinweg über unendliches Grün und Blau. Es duftet nach Gras, feuchter Erde, Sommer. Umrahmt von Seegrasdünen ragt die Birk ins Meer. Über 700 Hektar, groß wie Hunderte Fußballfelder, dehnt sich das Idyll aus, in dem Vierling regelmäßig nach dem Rechten schaut: Sie ist Vorsitzende des Geltinger Wildpferdevereins und Hüterin der Koniks. „Seit die Pferde hier angesiedelt wurden, sind sie echte Besuchermagneten, ein positiver Nebeneffekt“, erzählt die gebürtige Cuxhavenerin.

Lebendige Rasenmäher

Die Koniks gelten als Nachfahren der Tarpane, einer ausgestorbenen Wildpferderasse aus Osteuropa. „Kleine Pferde“ bedeutet ihr Name. Sehr robust und genügsam sei diese Ponyrasse, erklärt Vierling, „und sie legen ziemlich schnell zu.“ Hier haben sie vor allem eine Aufgabe: Zusammen mit mehr als 100 Galloway-Rindern pflegen sie wie lebendige Rasenmäher die Weidelandschaft.

Und davon profitieren wieder sehr viele andere Arten. Kraniche waten durch moorige Überschwemmungen, Ringelnattern züngeln durchs hohe Gras, Rotbauchunken laden zum Froschkonzert. „Wir wollen hier keine Exoten züchten, sondern heimische Arten schützen“, betont Vierling. Dabei helfen die Pferde. Mit „wir“ meint Vierling engagierte Naturschützer von verschiedenen Vereinen und Verbänden: etwa den Nabu Ostangeln, das Umwelt-Landesamt und die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, der diese Fläche dabei auch gehört.

Wir wollen hier keine Exoten züchten.

Gisela Vierling
veterinärmedizinische Assistentin

„So, nun geht’s querfeldein, nur keine Angst“, sagt Vierling. „Solange man nicht zwischen eine Keilerei gerät, passiert nichts, die Pferde sind friedlich.“ In Bögen geht es um Schlammlöcher und Binsenbüschel mitten hinein in die Herde: Gut 90 Pferdestärken mächtig ist sie samt Fohlen.

Aalstrich als typisches Merkmal

Vierling zeigt auf eine junge Stute, die neugierig heran trottet: „Das ist der typische dunkle Aalstrich der Koniks.“ Der schmale Streifen zieht sich über den gesamten Rücken. Sie reckt ihren kurzen, kräftigen Hals und schnuppert an Vierlings Arm. Auch wenn es noch so schwer fällt, gilt: nicht streicheln, erst recht nicht füttern. Die Reste des struppigen Winterfells haben sich die Tiere schon vom Leib geknabbert. Unter ihrem nun kurzen Sommergewand lassen sie ihre Muskeln spielen. Die zweifarbige Mähne scheint wie frisch blondiert, die der Fohlen steht noch borstig ab, wie bei Zebras. Manche der kleinsten liegen flach auf der Seite und halten Siesta. Andere schmiegen sich an ihre Mütter oder staksen ihnen unbeholfen hinterher, die Milchbar stets im Blick.

„Die 24 Stunden nach der Geburt sind die wichtigsten“, erklärt Vierling. In der Zeit entstehe die Bindung und Stute und Fohlen prägen sich gegenseitig ihre Gerüche ein. Gerade die natürlichen Familienverbände seien das Besondere an dieser Herde. Das Sagen hat je ein älterer Hengst, der seinen „Harem“ streng bewacht. Mit Carl und zehn Stuten hat vor 15 Jahren nämlich alles begonnen. Bis heute ist der 20-jährige Prachtkerl ein Boss der Truppe. Zwar muss er seine Damen nicht teilen, aber trotzdem weitere Leit-Hengste neben sich dulden, etwa Olko oder Salino.

Gewisses Management nötig

Die Pferde sind echte Besuchermagneten.

Gisela Vierling
veterinärmedizinische Assistentin

Die wilden Koniks sind weitestgehend sich selbst überlassen. Doch ohne ein gewisses Management ginge es nicht. Ihre Zahl stiege exponentiell und schnell gäbe es nicht mehr genug Futter für alle. Jedes Jahr im November treibt der Verein die Wildfänge daher zusammen. Junge Fohlen bekommen Namen und werden gechippt, Jährlinge werden verkauft oder in andere Naturparks überführt. Auch Vierlings Mann Karl schaut bei der Gelegenheit einmal als Tierarzt nach den Ponys und verpasst notfalls den Kleinsten auch mal eine Wurmkur.

Vierling zeigt auf einen kleinen Wald: „Das war einst eine Insel, unter uns lag Meeresboden. Wenn Sie buddeln, finden Sie Muscheln.“ Das ehemalige Noor wurde vor nahezu 200 Jahren für die Gewinnung des Landes entwässert.

Kontrollierte Weidelandschaft

Nun läuft es andersherum: Die Weidelandschaft wird kontrolliert mit Meereswasser geflutet. Weite Weideflächen überfluten, Salzwiesen entstehen, auf denen wiederum viele Vogelarten Futter finden. „Und Sie sollten die Ponys mal sehen, wenn sie in den Überschwemmungen spielen“, strahlt Gisela Vierling. Gern gibt sie ihr Wissen an Besucher weiter, die die Tiere hautnah erleben möchten.

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© Schwäbische Post 18.08.2017 13:37
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