„Viele Menschen sind trotz allem gut“

  • Heidi Proehl im Botanischen Garten Lake Wales. Foto: privat

Heidi Proehl

Liebe Oberkochener Freunde,

jedes Jahr denke ich an den herrlichen Weihnachtsbaum, welcher vor Zeiss stand, herrlich mit weißen elektrischen Kerzen beschmückt, meine erste Erinnerung. Es war nach dem Krieg, als wir, meine Mutti und ich, nach Oberkochen kamen. Mein Vati war Kriegsgefangener, aus Marokko zurück gekommen, ich sah ihn das erste Mal, als ich drei Jahre war. Wir wohnten in den Baracken, fünf Jahre, wie viele andere, die Flüchtlinge waren.

Alle Nachbarn hatten ihre Geschichten, aber sie alle wollten uns Kindern schöne Erinnerungen schenken. Wir Kinder stapften auf der Hauptstraße durch sanften Schnee zur Kirche am Heiligen Abend. Die großen nahmen uns kleine mit, ich seh’ immer noch die weiße Straße vor mir, wo keine Autos an diesem Abend waren.

Als wir heim kamen, war der herrliche Tannenbaum in der Stube voll mit Wunderkerzen und Schokoladenkränzchen dekoriert. Jemand hatte echte weiße Kerzen vorher angezündet, die Stube dunkel, es glänzte herrlich. Der Vater hatte, wie andere auch, im Wald den schönsten Baum gefunden, wie ein Wunder. Auf einmal stand dieser bis zur Decke hoch stolz vor uns, wir waren so erstaunt, wie der eigentlich so schnell und schön daher kam. Wir sangen „Oh Tannenbaum“ wie auch andere Lieder, die ich immer noch kenne.

Das Christkind hatte kleine Geschenke da gelassen sowie auch den Baum irgendwie her gezaubert. Ich denke, ich war vier Jahre. Ich bekam eine selbstgemachte Puppenstube, auch ein Puppenbett gebastelt von Cousins, die in der „Ostzone“ Thüringen bis jetzt noch leben.

Viele Jahre sind vergangen, beide Eltern schauen nun auf uns herab, lächeln, senden uns Kraft, Mut und Liebe. Wir sind ewig dankbar, was sie alles geschafft haben, damit wir ein besseres Leben haben hier in USA.

Wenn ich bedenke, meine Mutti strickte alles: Rock, Pulli ihr eigenes Kleid. Da gibt es ein Foto, wo sie bei der Zeiss-Krankenkasse arbeitete mit dem Chef Herrn Wesselmann. Vati war Feinoptiker aus Jena. Wir hatten immer Besucher, die auf diesen Soldatenklappbetten in der Stube schlafen durften! Man hatte fast nichts und doch teilte man, was man hatte.

Auch in diesem Jahr bin ich dankbar, ich hatte einen Autounfall fast total schadlos überstanden, bin gesund, kann wandern, reisen, schwimmen, alles was ich wünsche, tun. Ich fliege zweimal im Jahr hier nach Florida in die Elternwohnung. Im Sommer war ich wieder mal campen im Sequoia National Park. Auch andere kurze Reisen erinnern mich an die lieben Eltern, die es ermöglicht haben. Sie schafften viel mehr als wir heute.

Meinen drei erwachsenen Kindern geht’s auch gut, jeder kann selber aussuchen, was man tut, frei denken und leben. Vorige Woche war ich im Bok Tower und Botanischen Garten in Lake Wales hier in Florida, daher das Foto, was ich beilege.

Obwohl nun auch fast alle nicht mehr da sind in Oberkochen, so wünsche ich trotzdem allen ebenfalls schöne Erinnerungen. In diesen Tagen, wo so viel Unruhen sind, beten wir für alle auf diesem Globus, die auch Träume haben, dass auch sie ein kleines Licht und Segen erhalten. Viele Menschen sind trotz allem gut, denken wir an sie.

In unserer Kirche wie in vielen, steht ein Baum, wo man einen Engel mit Namen aussuchen kann. Für dieses Kind kauft man ein Geschenk, damit es auch was bekommt. Man bringt sonntags Lebensmittel, die dann verteilt werden oder abgeholt werden von Armen. Es gibt so viele, von denen wir gar nicht wissen, wie es ihnen geht.

Darum denken wir, wie es uns einst ging und wünschen alles Liebe für sie und ihre Familien.

An alle Schwaben oder Nicht- Schwaben: Frohe gesegnete Weihnachten!

Eure Heidi Proehl

© Schwäbische Post 23.12.2017 00:45
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