Lesermeinung

Glauben wir das noch?

Zum Neujahrsempfang der CDU

„Denk ich an die GroKo bei Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“ So zumindest hören sich die Auslassungen von Herrn Barthle an. Nachdem anscheinend das Land nur noch von wenigen regiert werden wolle, bleibt doch die Frage, unter wessen Führung ist nach zwei Monate die Jamaika-Koalition gescheitert? Daran war die SPD nicht beteiligt!

Nun will Herr Barthle mit der SPD weiter regieren. Er stellt aber seinen potenziellen Koalitionspartner mit der AfD auf eine Stufe. Geschmacklos kann man dies nur nennen. Was hat Herr Barthle übrigens für ein Demokratieverständnis, dass die Mitglieder einer Partei vom Vorsitzenden nicht nach ihrer Meinung gefragt werden dürfen? Auch als Geschäftsführer in der Wirtschaft muss ich doch den Willen meiner Gesellschafter beachten. Die SPD ist auf jeden Fall kein Kanzlerwahlverein. Sie hat sich auch in ihrer über 155 Jahre alten Geschichte nie verbiegen lassen. Auch nicht im Dritten Reich, dafür mussten Sozialdemokraten ins KZ.

Es wäre besser, wenn Herr Barthle sich um die Irrungen und Wirrungen in der Politik kümmern würde. Der Streit um die Änderung des Wahlrechts in Baden-Württemberg entzweit die Koalition mit den Grünen. Auch hier hält sich die CDU nicht an den Koalitionsvertrag. Unser geschäftsführender CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt lässt mit seiner Glyphosat-Entscheidung grüßen. Normalerweise hätte Angela Merkel ihn entlassen müssen. Wie verlässlich ist die CDU noch in einer Koalition?

Ach übrigens, der Steuervereinfacher Friedrich Merz (Bierdeckelsteurerklärung) hat es im Bundestag bei der CDU auch nicht lange ausgehalten. Jetzt will aber Herr Barthle, die seit Jahrzehnten prophezeite Steuervereinfachung durchsetzen. Glauben wir das noch?“

© Schwäbische Post 30.01.2018 22:01
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Kommentare

derleguan

ich bin kein Fan der SPD, aber mit der Analyse zur Scheinheiligkeit Norbert Bartles und der an der Basis klinisch toten CDU stimme ich voll überein. 

Lediglich einige Parteispitzen profilieren sich durch "Schurkenstückchen".  An einer Vision für die Politik der Zukunft fehlt es der CDU schon lange - wirtschaftsfreundliches Durchwursteln ist ihr Konzept.

Warum macht das Martin Schulz und die SDP mit? Nein zur Groko ist doch die einzige Antwort auf das Szenario, das die CDU da vollzieht.

Harald Seiz

"Sie hat sich auch in ihrer über 155 Jahre alten Geschichte nie verbiegen lassen." ...... "Auch nicht im Dritten Reich, dafür mussten Sozialdemokraten ins KZ."

Es ist wohl genau umgekehrt. Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmte die SPD nicht zu. Da hat sie sich einmal nicht verbogen. Das war eine große und löbliche Ausnahme. Aber eben nur eine Ausnahme.

Davor und danach hat sich die deutsche Sozialdemokratie ständig verbogen. Die Rolle rechter SPD-Führer bei der Niederschlagung der revolutionären Bewegungen Ende 1918/Anfang 1919 war kein Ruhmesblatt. SPD-Bluthund Noske verbündete sich sogar mit reaktionären Freikorps gegen die Arbeiterschaft. Und zwar mir Rückendeckung von Friedrich Ebert. Auch mit Schröder und seinen Hartz IV Gesetzen wurde die SPD ihrem Ruf als Verräter-Partei gerecht und Figuren wie Gabriel und Martin Schulz sind m. E. nur auf ihren persönlichen Vorteil aus. Eine Koalition mit der CDU könnte der letzte Nagel werden, den es noch braucht, damit bei der nächsten Wahl der Sarg ordentlich verschlossen hinuntergelassen werden kann.

Momentan üben sich die Granden der SPD mal gerade wieder in der Disziplin, die sie am besten beherrschen: Sich verbiegen und zu den Fresströgen der Macht drängeln. Würde mich nicht wundern, wenn ihnen Ringelschwänzchen wachsen würden.

Dass die Geschichte der CDU -vormals Zentrumspartei - noch widerlicher als die der SPD verlief, steht auf einem anderen Blatt. Und ja, die Zentrumspartei stimmte Hitlers Ermächtigungsgesetz vom März 1933 zu. Die SPD nicht. Immerhin..

Ja, damals gab es vorübergehend Sozialdemokraten. Heute sehe ich nur SPDler, denn wären sie Sozialdemokraten, dann wären sie nicht mehr in der SPD. 

  

Frieder Kohler

Ach, Herr Beller, mit "glauben" treffen Sie den Herr Barthle nicht. Christdemokraten haben hier immer einen Vorteil! So tief sie fallen (erinnern wir uns an das Abstimmungsverhalten zur Privatisierung der Wasserversorgung 2013?), der Glaube an die Auferstehung stärkt sie von Fall zu Fall. Von DASEINSVORSORGE (Daseinsvorsorge umfasst die Sicherung des öffentlichen Zugangs zu existentiellen Gütern und Leistungen entsprechend der Bedürfnisse der Bürger, orientiert an definierten qualitativen Standards und zu sozial verträglichen Preisen. Welche Güter und Leistungen als existentiell notwendig anzusehen sind, ist durch die politische Ebene zeitbezogen zu ermitteln/http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/daseinsvorsorge.html ) für die Staatsbürger ist wenig Wissen vorhanden - oft entsteht der Eindruck, daß der Begriff auf das persönliche Wohl (Diäten, Beraterverträge, u.v.a.m.) ausgelegt wird. Merke: Nicht jeder "Schwarze" ist ein Kaminfeger, der bei Begegnungen nach dem Volksmund Glück bringen soll - und "Schwarze Kassen" wurden Jahrzehnte von Häuptlingen der CDU im Bund und den Ländern gesetzwidrig benutzt und von einer "Schwarzen Null" geführt. Was dürfen Sie glauben und was ist Wahrheit? Fragen Sie Ihren Abgeordneten!

P.S. Im übrigen ist nicht jeder Gabriel ein Erzengel - nicht nur die Kurden spüren das?