Lesermeinung

Leserbrief zum Artikel „Zahl der Organspender sinkt auf Tiefstand“:

In Ihrem oben genannten Artikel führen Sie die gesunkene Organspendebereitschaft in Deutschland vorwiegend auf mangelnde Organisation, überlastete und, was die Organspende betrifft, unengagierte Ärzte zurück. In Deutschland gibt es die Zustimmungsregelung. Ich muss mich aktiv für eine Organspende entscheiden. Dazu bräuchte ich allerdings breite und umfangreiche Informationen zu dem Thema. Hierzulande beschränkt man sich jedoch nur auf Hochglanzwerbung für die Organspende. Wer sich unbefangen informieren will, ist auf andere Quellen angewiesen (KAO, Internet). Alle negativen Aspekte für Spender wie Empfänger werden ausgeblendet. Es wird den Bürgern vorgemacht, man sei bei der Organentnahme „tot“, hirntot. Auf dem Organspendeausweis steht sogar der Text: „… nach meinem Tode“.
Was könnte man mit toten Organen anfangen, die nicht mehr durchblutet sind, in denen der Zersetzungsprozess bereits begonnen hat? Die Definition des „Hirntods“ gibt es erst seit den 60er-Jahren. Man musste sie wegen der Transplantationen einführen, um eine tatsächlich strafbare Handlung zu legalisieren. Bei einem „hirntoten“ Menschen handelt es sich nämlich um einen Sterbenden, noch nicht um einen Toten. In der Schweiz ist es zum Beispiel vorgeschrieben, den Spender bei der Entnahme zu narkotisieren, in Deutschland nicht.
Wäre diese Vorsichtsmaßnahme notwendig, wenn man sich so sicher wäre, was der Sterbende noch fühlt? Wie geht es mir als „Empfänger“? Wie sieht es mit meiner Lebensqualität aus (zum Beispiel Abdämpfung des Immunsystems auf ein Minimum durch lebenslange Einnahme von Medikamenten gegen die Abstoßung)? Warum versucht mein Organismus, das fremde Organ abzustoßen? Wie gehe ich mit Krankheit und Tod um? Fragen über Fragen. Wer sie nicht stellt, kann zu keiner individuellen Entscheidung kommen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass das auch gar nicht gewollt wird. Uns wird suggeriert, dass unser Organismus eine Maschine ist, deren Ersatzteile kaputtgehen können, dann müssen sie eben ausgewechselt werden.

Vielleicht ahnen oder empfinden viele Menschen bei uns, dass das nicht stimmt.

© Schwäbische Post 22.01.2018 21:03
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