Schlafen wie bei den Grafen

Nostalgie Im original restaurierten Oheka Castle auf Long Island feiern die Goldenen Zwanziger Jahre ihre prunkvolle Wiederauferstehung.
  • Fotos: Oheka Castle

Wie eine einzige Orgie erscheinen die „Roaring Twenties“, die der Dichter Langston Hughes in „Harlem Night Club“ beschreibt und denen Scott Fitzgerald mit „Der große Gatsby“ ein Denkmal setzen wird. „Jazz-band, jazz-band, - Play, plAY, PLAY! Tomorrow . . . who knows? Dance Today!“ Ob in Berlin, Paris oder New York: Eine ganze Generation feiert, dass sie den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs entkommen ist. Die Herren tragen Smoking, die Damen Juwelen. Der Champagner fließt in Strömen, die Stimmung ist ausgelassen, die Moral lose. Nur keine Zeit verlieren, wer weiß, was morgen ist? Bis ins Heute strahlt der Glanz der Goldenen Zwanziger, klingt das „Jazz Age“ nach.

Die Vorlage für die Villa

Näher als auf Long Island kann man der Zeit des großen Gatsby wohl kaum kommen. Das gilt ganz besonders für das Oheka Castle. Erbaut im Stile eines französischen Châteaus und 1919 fertiggestellt, diente es Fitzgerald als Vorlage für die Villa seines Romanhelden. Denn zu Lebzeiten des Schriftstellers finden auf Oheka Castle grandiose Partys statt. Auch liegt das prunkvolle Anwesen nur wenige Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt, an der Gold Coast – also genau jenem Teil der Halbinsel, in dem Fitzgerald den amerikanischen Traum platzen lässt.

Wie ein Wal ragt Long Island vor New York in den Atlantik. Ein Mekka der Superreichen, Stars wie Steven Spielberg, Tiger Woods, Jennifer Lopez oder Calvin Klein wohnen hier. Das war vor 100 Jahren nicht anders. Die Vanderbilts, die Guggenheims, die Carnegies erbauten hier prächtige Paläste.

Das Haus von Mr. Moneybags

Doch Oheka Castle, der größte Palast Long Islands, geht auf das Konto eines Mannes, dessen Namen nur wenige kennen, den jedoch fast jeder schon mal gesehen hat: Otto Hermann Kahn, Banker, Philantrop – und Vorbild für Mr Moneybags, jenen älteren Herrn mit grauem Schnauzbart, Frack und Zylinder, der über das Monopoly-Brett rennt.

Kahn ist Spross einer angesehenen jüdischen Bankiersfamilie aus Mannheim, wo er 1867 geboren wird. Nach ein paar Jahren als Investmentbanker in London zieht er 1893 nach New York, wo er seine Erfolgsgeschichte fortsetzt und zu einem der reichsten Männer des Landes wird. Zugleich ist Kahn ein eifriger Mäzen, der junge Künstler finanziell unterstützt und nebenher die Metropolitan Opera vor der Pleite rettet. Eine eigene Loge bekommt er dort dennoch erst Jahre später – weil er Jude ist.

Statt sich vom Antisemitismus des New Yorker Geldadels die Laune verderben zu lassen, feiert Kahn künftig auf seinem neuen Sommersitz Oheka Castle. Platz ist genug in der 127-Zimmer-Villa, für die Kahn eigens einen Berg hat aufschütten lassen. 179 Hektar purer Luxus: kunstvoll gestaltete Gartenanlagen, 39 Kamine, Schwimmbad, 18-Loch-Golfplatz, Reitstall und sogar eine eigene Landebahn für Flugzeuge.

Da ist mir fast das Herz stehen geblieben.

Nancy Mellius Hotelführerin

Es müssen rauschende Feste gewesen sein. Arturo Toscanini tritt mit seinem Orchester auf, Startenor Enrico Caruso oder der Komponist George Gershwin lassen sich nicht zweimal bitten. Auch Charlie Chaplin ist ein häufiger Gast. Die Partys arten irgendwann derart aus, dass Kahns Frau Addie in das New Yorker Stadthaus der Familie flüchtet, sobald „der Zoo“ ihres Mannes wieder anrückt, um die Nacht zum Tag zu machen.

Hundert Brandstiftungen

Mit dem Börsencrash 1929 finden auch die Partys ein Ende. Fünf Jahre später stirbt Kahn –und mit seinem Tod gehen auch auf Oheka Castle die Lichter aus. Die Anfangsszene aus „Citizen Kane“ wird noch dort gedreht, ein letzter Höhepunkt, denn von nun an geht es bergab.

Erst wird das Haus als Erholungsheim genutzt, dann als Militärakademie. Ab 1979 steht es leer, wird von Vandalen verwüstet und entbeint, dient Obdachlosen als Heim und übersteht 100 Brandstiftungen. Ein Haus als Spiegel der Gesellschaft und der wechselvollen Geschichte eines Landes. 1984 kauft der Unternehmer Gary Melius das völlig verfallene Haus und lässt es renovieren. Alles soll so originalgetreu wie möglich sein. Ein teurer Spaß, doch es gelingt. Stuck, Kronleuchter, tiefe Teppiche, schwere Sessel, gebohnertes Parkett. Noch heute schaudert es Nancy Melius, die durch das Hotel führt, wenn sie erzählt, wie Popstar Taylor Swift während der Dreharbeiten zu einem Musikvideo in der Bibliothek eine Vase gegen den Kamin warf. „Da ist mir fast das Herz stehen geblieben. Denn der Kamin in der Bibliothek ist der einzige, der von damals übrig geblieben ist“, erzählt sie noch immer sichtlich erschüttert über so viel Ignoranz.

Seit einigen Jahren finden auf Oheka Castle wieder rauschende Feste statt. Auch die Gästeliste der Gegenwart liest sich wie ein Who’s who der Reichen und Schönen: Zauberer David Copperfield wurde genauso gesichtet wie der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, der Wu-Tang Clan, Demi Moore, Jay-Z oder Cameron Diaz. 32 mit Liebe zum Detail eingerichtete Zimmer und Suiten gibt es, auch hier Jugendstil, Art déco und dicke Teppiche – und wer das Gatsby-Paket bestellt, kann es krachen lassen wie in den Goldenen Zwanzigern.

Im Anzug und Kleid

Wen also die Sehnsucht nach einer Zeit packt, in der das Verlangen unersättlich war und das Vergnügen keine Grenzen kannte, der ist auf Oheka Castle richtig. Nur eines noch: bitte Anzug beziehungsweise Cocktailkleid nicht vergessen! Schließlich soll wirklich alles aussehen wie damals. Der Gast eingeschlossen – oder wollen Sie in Shorts Charleston tanzen? „So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit“ heißt es am Ende von „Der große Gatsby“. Und wie ließe sich der Zeitsprung besser genießen als mit einem Glas perlenden Champagners in der Hand, eine hell erleuchtete Villa im Rücken und den Blick auf die andere Seite der Bucht gerichtet. Dort, wo die grüne Laterne am Ende des Bootsstegs brennt und des Nachts Erlösung verspricht. Schließlich gilt heute wie damals: „Jazz-boys, jazz-boys, - Play, plAY, PLAY! Tomorrow . . . is darkness. Joy today!“

© Schwäbische Post 29.06.2018 15:49
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