Die Insel des geheimnisvollen Nebels

Skye Wenn auf der Hebrideninsel die sture Sonne mal wieder Südseeparadies spielt, möchte man sich am liebsten in einem Fass Whisky ertränken. Wo bitte sind den nun all die mystischen Nebel?
  • Foto: Nicole Quint

Angeblich kennen die Schotten mehr Wörter für Regen als die Inuit für Schnee. Das arktische Wetter ist über jeden Zweifel erhaben, und das Schneevokabular der Inuit somit glaubwürdig. Schottland aber bleibt bislang den Beweis schuldig, dass hier traurige, tanzende und schleichende Regen fallen. Kübel oder Ententeiche füllende Regen, die stechen oder streicheln können, die einem wie Geldeintreiber fordernd auf den Rücken klopfen oder Regenbogen an den Himmel zaubern. Sie heißen Bleeter, Daggle, Smirr, Peeggirin oder Pissin doon.

Gibt es auch ein Wort für Regen, der auf sich warten lässt? Schon seit einer Woche scheint eine rücksichtslos sture Sonne. Sie macht jedem Quellwölkchen mit ihren Strahlen Dampf und Schottlandreisenden schlechte Laune. Geheimnisvolle Nebel sollten über Seen wabern und grauschwarze Wolkenwände die Kulisse für Highlander-Castle bilden. Stattdessen behauptet das Wetter, Schottland läge in der Südsee. In Edinburgh spielen rotgesichtige und schweißüberströmte Dudelsackspieler in praller Sonne. Am Loch Ness fahren grelle Lichtstrahlen wie Suchscheinwerfer über den See, und nun verdirbt ein blank geputzter Himmel alle Vorfreude auf Skye – the misty isle.

Es geht auch nebelfrei

Die „Insel des Nebels“, die größte der schottischen Hebriden, hat heute nebelfrei. Knapp dreißig Minuten dauert die Überfahrt von Mallaig nach Armadale. Genug Zeit, um aus Passagieren traurige Kapitäne zu machen, die auf das glatt geföhnte Meer schauen und sich wenigstens ein bisschen Wellengang und Wind wünschen. An Bord sind auch viele englische Paare. Vielleicht werben Londoner Veranstalter immer noch damit, dass schottisches Wetter perfekt für eine romantische Reise sei. „You won’t go out much“, war vor einigen Jahren ihr populärer Slogan. Ganz ohne Romantik-Nachhilfe wären Engländer tatsächlich nicht auf die Idee gekommen, nach Schottland zu reisen. Mehr als tausend Jahre lang wagten sie sich nur in den unzivilisierten Norden ihrer Insel, um die verrohten Highlander zu jagen, das traditionelle Clansystem und die gälische Kultur zu zerstören und die Bauern zur Auswanderung zu zwingen. Allein auf Skye wurden Zehntausende vertrieben, ganze Dörfer verwaisten.

Gütesiegel der Romantik

Der Blick der Engländer auf ihre barbarischen Nachbarn änderte sich erst mit dem Zeitalter der Romantik. Goethe, Burns und Byron begannen für die Natur zu schwärmen, die Highlands erhielten das Gütesiegel der Romantik. Die Highlander starteten Heldenkarrieren und trugen dabei Tartan und Kilt, fortan die Hauptsymbole von schottischer Identität. Moorbraun, Ginstergelb, Maiwiesengrün, Nebelgrau oder ein frisch aus dem Atlantik geschöpftes Aquamarin – in den Farben schottischer Kilts spiegelt sich die Landschaft der Hebriden wieder, und wegen dieser Landschaft kommen auch die Touristen nach Skye. Bergsteiger zieht es zu den Cuillins, einer sagenumrankten Gebirgskette. Deren Silhouette beschrieb der schottische Dichter Alexander Smith „wie von einer Hand gezeichnet, die von Entsetzen oder Wahnsinn geschüttelt ist“.

Schneidige Keltennamen

My home is my cold castle.

John McLeod
Schlossherr

Die gezackten Gipfel tragen schneidige keltische Namen. Sie heißen Sgùrr a’ Ghreadaidh – „Gipfel der Qual“ oder Am Basteir – „Der Scharfrichter“ und warnen Alpintouristen davor, die Schwierigkeitsgrade der nicht besonders hohen, aber steil ins Meer abfallenden Gebirge zu unterschätzen. Feuchte Winde schwingen sich empor und reiben Bergsteigern Flutluft unter die Nase.

Im Norden Skyes gibt es schließlich doch noch eine Bestätigung dafür, dass es auf der Insel ungemütlich werden kann – im Esszimmer von Dunvegan Castle, dem Stammsitz eines der ältesten Clans in ganz Schottland. Goldgerahmte Ölporträts stellen bedeutende Mitglieder der MacLeod-Familie vor. Zwischen anmutigen Damen und heldenhaften MacLeod-Männern hängt das Bild des 29. Clan Chiefs John MacLeod of MacLeod.

Das Ansehen von Würde und Gefasstheit hat sich in sein Gesicht gegraben. In Kilt und Samtjacke, hat er sich vor einem Fenster mit Blick auf Loch Dunvegan porträtieren lassen – und dabei mit klammen Knien auf einer Heizung gesessen. „My home is my cold castle.“ Nachträgliches Wegretuschieren des Heizkörpers kam für John MacLeod nicht infrage, und schließlich war sein Schloss damals eine zugige Angelegenheit. Um das undichte Burgdach flicken zu können, wollte John MacLeod sogar Teile des Cuillin-Gebirges verkaufen. Die Berge blieben im Familienbesitz, Dunvegan Castle konnte mit öffentlichen Hilfsgeldern renoviert werden. Vor dem Schloss fegt ein strähniger Wind unter die Jacken. Die Sonne verblasst. Wolkenfetzen fliegen über eine fahle Himmelsdecke, und dann platzen die ersten fetten Tropfen auf das Pflaster. Der „Smue“, wie der Schotte diesen Regen nennt, wird schnell von seinem großen Bruder „Torrent“ abgelöst. „When it’s good, it’s really good, but when it’s bad, it’s horrible“ – den Spruch kennen schon die schottischen Kinder.

Welcome to real Scotland

Der dichte Regen raubt allem die Farbe. Von den Inseln der Äußeren Hebriden sind nicht einmal die Silhouetten zu erkennen. Schmale Straßen führen durch eine milchige Landschaft, vorbei an mit tropfnassen Schafen vollgestellten Hügeln, hinunter zum verwaschenen Blau des Meeres. Darüber ballen sich Wolkenschwämme zusammen, um sich gegenseitig bis zur letzten Träne auszupressen. Und dann strahlen sie wieder ungebrochen schön – erst die Sonne, dann die Farben.

Beim Abschied von Skye hängen Nebelwolken an den Spitzen der Cuillins, als hätten sie da schon immer gehangen. „Welcome to real Scotland.“

© Schwäbische Post 20.07.2018 16:19
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