Visionen von Jules Verne lassen grüßen

Nantes Merkwürdige Riesenwesen bevölkern die Flussinsel in der Loire. Aber auch Bars, Restaurants und Livemusik beleben die postindustrielle Szenerie des Hafenquartiers.
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Auf einem früheren Industriegelände kann man die „Machines de l’île“ besichtigen. Langsam setzt sich das metallene Monstrum in Bewegung und stampft aus der großen Halle. Der Rüssel zwischen den Stoßzähnen hebt sich, ein Trompetensignal macht auch die letzten Besucher des früheren Werftgeländes darauf aufmerksam, dass der Elefant unterwegs ist. Wer immer noch vor sich hin träumt, wird mit einer kräftigen Wasserdusche aus dem Rüssel geweckt.

Elefant mit Holzhaut

Zwölf Meter misst der mit einer hölzernen „Haut“ verkleidete Riesendickhäuter, er ist mehr als doppelt so groß wie ein afrikanischer Elefant und über 40 Tonnen schwer. In einer Art Kabine auf dem Elefantenrücken und in zwei überdimensionalen Satteltaschen sind bis zu 50 Passagiere mit dabei, die aus luftiger Höhe und leicht schwankend das Abenteuer und die erstaunten Blicke der anderen Besucher genießen. Angetrieben wird das mechanische Tier von einem umfunktionierten Mähdreschermotor, gesteuert von einem Piloten aus dem Cockpit zwischen den Vorderbeinen. Endstation „Carrousel de mondes marins“, alle absteigen.

Seepferdchen und Kraken

Doch gleich geht es weiter in das 25 Meter hohe, dreistöckige „Karussell der Wasserwelten“, in dem keine Pferdchen oder Feuerwehrautos, sondern drei Dutzend Seepferdchen, Kraken, Riesenhummer, Seeschlangen oder andere Meereskreaturen mit meist kindlichen Passagieren ihre Kreise ziehen, über imaginäre Wellen hüpfen oder mit Scheren und Flossen wackeln. Noch vor gut zehn Jahren war die Loireinsel eine unansehnliche Industriebrache. Die Werften, das industrielle Herz von Nantes, waren demontiert, Schiffe wurden hier seit 1987 nicht mehr gebaut. Auch der Hafen für die großen Containerschiffe und Tanker war längst in das gut 50 Kilometer entfernte Saint-Nazaire an die Mündung der Loire gezogen.

Leben im Hafenquartier

Pierre Orefice und François Delarozière, ein Eventmanager und ein Bühnenbildner mit einigem Renommee, gelang es, in dieser Situation tatsächlich die Stadt zu überzeugen, das riesige Gelände gleich gegenüber der historischen Innenstadt für das gewagte Projekt der monumentalen Maschinentiere zur Verfügung zu stellen. Es gelang auf ganzer Linie und dem heruntergekommenen Hafenquartier und der ganzen Stadt wurde neues Leben eingehaucht. Stadtbewohner und Besucher strömen vor allem am Wochenende über die Loirebrücke auf die Insel. Bars, Restaurants, Livemusik beleben die postindustrielle Szenerie.

Noch vor gut zehn Jahren war die Loireinsel eine unansehnliche Industriebrache.

Axel Pinck Autor

In der „Cantine de Voyage“ sitzt man an langen Tischen, isst Coq au Vin, Hähnchen in Rotweinsoße mit Gemüse aus dem hauseigenen Urban-Agriculture-Projekt auf dem Parkplatz, trinkt dazu ein Gläschen trockenen Muscadet und schaut auf die dem Atlantik zustrebende Loire.

In Nantes geboren

Jules Verne, der vor 190 Jahren in Nantes geboren und nahe dem geschäftigen Quai de la Fosse an der Loire aufgewachsen ist, hätten die ideenreichen Riesenspielzeuge sicher gefallen. Die Fantasie des Autors scheint sich mit dem Universum der mechanischen Apparaturen von Leonardo da Vinci und der Industriegeschichte von Nantes in den früheren Werfthallen vereint zu haben. Und die Geschichte der „Machines de l’île“ ist noch nicht zu Ende.

In einer ausladenden Industriehalle mit einer „Galerie de Machines“ hockt eine mechanische Riesenspinne in einem in den Betonboden geschlagenen Loch und erwacht zur gruseligen Freude der Zuschauer regelmäßig zum Leben. Ein Reiher mit einer Flügelspannweite von acht Metern bewegt sich mit einigen Passagieren in Bastkörben über den Besuchern der Halle, auf deren Boden eine überdimensionale Ameise krabbelt, alle gesteuert von einer ausgeklügelten Mechanik. Von ersten Zeichnungen über kleine Modelle bis zum fertigen Maschinentier können Interessierte die Entwicklungsfortschritte verfolgen.

Kunstwelt mit Vögeln

Wie in einem Gewächshaus schlängeln sich Kletterpflanzen in die Höhe. Doch besser ist es näher zu treten, es könnten auch künstliche Gewächse sein. Schließlich wird gerade mit großem Aufwand das Zukunftsprojekt „Baum der Reiher“ vorbereitet, eine Kunstwelt mit Vögeln, Insekten, einem gigantischen Baum und Stegen für menschliche Besucher, die 2022 in einem stillgelegten Steinbruch eröffnet werden soll.

© Schwäbische Post 31.08.2018 11:56
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