Auf der Insel der vorgesalzenen Schafe

Niederlande Zu Besuch bei Familie Schaf auf der niederländischen Insel Texel – und plötzlich geht die Geburt los. Keine Seltenheit, gibt es hier doch mehr als doppelt so viele Schafe wie Menschen.
  • Foto: Katrin Groth

Weiße Flecken. Alles ist übersät mit weißen, wolligen Flecken. Die Wiesen, die Deiche. Schafe, so weit das Auge reicht. Auch im Stall von Bauer Witte. Wie weiche, kuschelige Wattebausche sehen die Tiere von Weitem aus. Kleine und große, junge und alte, weiße und . . . „Määäh!“

Schreck lass nach. Da steht ein Schaf, die Vorderbeine auf die unterste Latte seines Verschlags gestellt, den Kopf gereckt, und blökt, dass einem die Ohren schlackern. Lennart Witte schmunzelt. Der 37-Jährige ist Schäfer und diesen Lärm gewöhnt. 500 Schafe leben auf seinem Hof. Die Schapenboerderij ist ein Schafshof aus dem 17. Jahrhundert auf dem niederländischen Eiland Texel.

Die Nordseeinsel, platt wie eine Flunder, ist eine wahre Schaf-Insel. 30.000 Schafe und Lämmer leben auf Texel – bei nur 13.000 Texelanern. Das sind mehr als doppelt so viele Schafe wie Einwohner. Es gibt sogar eine eigene Rasse, das „Texelar“ oder Texel-Schaf. Es gilt als besonders gut gebaut, seine Wolle wärmt im Winter und kühlt im Sommer.

Die Diskussion der Schafe

Bei Schafbauer Witte „mäht“ es ohne Unterlass. Links, rechts, vorn, hinten. Die Schafe scheinen eine hitzige Diskussion zu führen. Über die besten Erziehungstipps? Denn Bauer Wittes Schafe haben Lämmer geboren. Die jüngsten sind gerade einmal eine halbe Stunde alt. „Lämmerei“, nennt Witte diese fünf Wochen im Jahr. Und plötzlich passiert es wieder: Der Bauer stürzt zu einem zerzaust aussehenden Schaf. Den schwarzen Kopf auf dem Stroh, die Beine von sich gestreckt. Witte tastet und steckt dann seinen Arm von hinten ins Schaf. Bis zum Ellenbogen. Das Schaf aber ist ganz ruhig. Es spürt wohl, dass ihm der Bauer helfen will. Witte fühlt, zieht vorsichtig. Und dann sind zwei kurze weiße Beinchen zu sehen. Dann der Kopf, und dann plumpst auch der Rest des Lamms heraus. Vorsichtig legt es der Schafbauer aufs Stroh, die Schafmama fängt an, es abzulecken. Das nasse Bündel ist erschöpft. In den nächsten 30 Minuten muss es sich von allein auf seine wackeligen Beinchen stellen. Das Zeichen, dass es dem Lämmchen gut geht.

Ab September sind Schafe brunftig, am 20. Oktober darf dann der Bock ran, erzählt Lennarts Vater Anton Witte. „Fünf Monate tragen sie die Lämmer aus. Minus fünf Tage“, sagt er. Der bunte Punkt am Schafpopo zeigt an, in welcher Woche befruchtet wurde – alles folgt einem abgestimmten Plan – und in welcher Woche im Frühjahr die Lämmer geboren werden.

Farben der Befruchtung

Erste Woche blau, zweite Woche gelb. „Bei 500 Schafen kann man nicht auf alle gleichzeitig aufpassen“, erklärt Witte das Farbkonzept.

Sind die frisch geschlüpften Schafe ein paar Wochen alt, darf man ihnen auf Wittes Hof ganz nah kommen und mit den Lämmchen kuscheln. „Lammetjes knuffelen“ ist aber nicht die einzige Möglichkeit, den wolligen Gesellen näher zu kommen. Auf einer 35 Kilometer langen „Lämmer-Route“ quer über die Insel kann man Schafe gucken ohne Ende. Und ihre uralten Produkte testen: Pullover aus Schafwolle, Seife aus Schafmilch, Creme aus Schafmilch. Oder ganz viel Käse essen.

Immer gut streicheln, dann schmecken sie besser.

Anton Witte Schafbauer

110 Liter Schafmilch braucht Käsebauer Anton Witte für einen großen, runden Käse, elf Kilo schwer. Ein Käse mit langer Tradition. „Schafskäse gibt’s seit 500 Jahren auf Texel. Weil es hier früher keine Kühe gab“, weiß Witte. Seinen Besuchern erklärt er, wie er Käse macht. „Gibst du einem Schaf Zwiebeln, schmeckt auch der Käse nach Zwiebel. Gibst du ihm Rote Bete, gibt das Schaf rote Milch und macht roten Käse.“

Schafwolle für Wellness

Aus dem Insel-Leben sind Texel- Schafe nicht wegzudenken. Ursprünglich diente ihre Wolle den Fischern und Bauern zum Wärmen nach einem langen Arbeitstag. Heute taugt Schafwolle sogar für Wellness. Oder besser „Woolness“. Denn Schafwolle enthält Lanolin, ein Fett, das die Tiere vor Nässe schützt, bei Menschen aber die Haut samtweich machen kann. Bei einem „Wolbad“, eingewickelt in rund einem Kilo gewaschener Wolle, döst man so vor sich hin. Und lässt die warme Wolle wirken. Drei Kilo Wolle schleppt ein Schaf mit sich rum, einmal im Jahr wird deshalb geschoren.

Doch Wolle ist billig, gerade mal einen Euro kostet ein Kilo. „Wenn es kein Merino-Schaf ist, halte ich meine Schafe wegen des Fleisches“, erzählt Schäfer Witte. Mit drei Monaten darf ein Lamm geschlachtet werden. Auch das ist auf Texel Schafrealität. Und eine echte Spezialität. Weil das Fleisch „pré salé“ ist: vorgesalzen. Schuld sollen der salzige Boden und die Meeresluft sein. Und: Texel-Schafe sind immer draußen. Nur bei starkem Regen kommen sie in den Stall: „Immer gut streicheln, dann schmecken sie besser.“ Anton Witte schmunzelt. Ein Lammkotelett ist ein klassisches Texel-Essen. Das schätzt man im niederländischen Königshaus. Besuchen ausländische Staatsoberhäupter das Land, steht immer Texeler Lammfleisch auf der Speisekarte.

Höchster Berg ist 15 Meter hoch

Egal, ob am 150 Jahre alten Insel-Leuchtturm oder auf dem Hoge Berg – mit 15 Metern über Normalnull die höchste Erhebung und zugleich bekanntestes Schafgebiet der platten Nordseeinsel –, überall stehen und liegen weiße Wollhaufen auf den grünen Wiesen.

Fällt ein Schaf um, kann es sterben. Weil es trächtig ist oder zu viel Wolle mit sich herumschleppt, kann es nicht allein aufstehen. Hilft ihm in den nächsten zehn bis zwölf Stunden niemand wieder auf die Beine, ist es hinüber. Darum, so erklärt es Anton Witte, ist Schafe-Aufheben auf Texel eine echt gute Tat.

© Schwäbische Post 14.09.2018 16:51
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