100 Jahre Caritas – in dieser Zeit entwickelte sich die Gesellschaft von Massenarmut zu Massenwohlstand. Was bedeutet das für das Selbstbild der Caritas?

Oliver Merkelbach: Ab 1916 herrschte in Deutschland Hunger. Die Kartoffelernte war um die Hälfte ausgefallen. Vor allem Kinder litten. Das hat dazu geführt, dass 1918 – am Ende des 1. Weltkrieges – in unserer Diözese ein Caritasverband gegründet wurde. Damals stand die Hilfe für Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt. Mit unserer jetzigen Initiative „Mach dich stark“ knüpfen wir daran an. Weil sich eines in 100 Jahren nicht geändert hat: das Vorhandensein von Armut.

Aber was ist das für eine Armut, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn sagt, von Hartz IV könne man einigermaßen anständig leben?

Das Gesicht von Armut hat sich gewandelt. Mehrfach. Man sieht keine hungernden Kinder oder Kinder in zerlumpten Kleidern. Und doch ist Armut da. Sie zeigt sich in fehlenden Chancen. Im reichen Baden-Württemberg ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen. In Zahlen: 358 000 Kinder. Das ist ein gesellschaftspolitischer Skandal.

Nach dieser Bemessung ist arm, wer weniger als 60 Prozent des medianen Landes-Einkommens zur Verfügung hat. Das bedeutet aber , dass aufgrund dieser Berechnungsgrundlage Armut nie verschwinden wird.

Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist das Entscheidende. Gerade in Baden-Württemberg wird die Kluft immer größer. Arm bleibt arm, Reich wird reicher. Das gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was bedeutet das für die Caritas?

Wir wollen, dass junge Menschen an der Gesellschaft teilhaben, dass sie Entwicklungsmöglichkeiten haben. Entscheidend dabei ist die Bildung. Die beste Armutsbekämpfung verläuft über sie. Das Bildungssystem in Baden-Württemberg selektiert aber immer noch stark nach sozio-ökonomischen Gesichtspunkten. In keinem anderen Bundesland ist der Bildungserfolg der Kinder so stark abhängig vom Elternhaus wie hier.

Woran liegt das?

Das liegt einerseits an den Elternhäusern, aber auch an der Bildungslandschaft. Es gelingt uns noch nicht, dass auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern so gefördert werden, dass sie einen ihren Begabungen adäquaten Bildungsabschluss erwerben können.

Und was können Sie dagegen tun?

Als Verband fördern und fordern wir frühe Hilfen – nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern. Unsere Angebote setzen schon bei der Schwangerschaft an. Wir wollen einen flächendeckenden Ausbau von Kinder- und Familienzentren. Daneben setzen wir auf einen weiteren Ausbau der Ganztagesschulen. Denn diese fördern die Bildung aller Kinder, egal ob sie zuhause Unterstützung erhalten oder nicht.

Ändern sich die Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Die Kinderarmut liegt uns besonders am Herzen. Denn Kinder sind ja völlig unverschuldet in diese Situation gekommen. Auf diesem Feld haben wir eine große Expertise. Doch auch die Altersarmut und die Sorge um bezahlbares Wohnen sind Schwerpunkte von uns.

Was geht unter. Gibt es blinde Flecken in der Sozialpolitik?

Es wird viel Gutes getan, aber es ist uns nicht gelungen, eine Trendwende bei der Kinderarmut zu schaffen. Sonst hätte sich in den vergangenen 10 Jahren nicht die Armutsgefährdungsquote um drei Prozentpunkte erhöht. Wir bekämpfen zu oft die Symptome und nicht die Wurzeln des Problems. Kostenlose Schulranzen etwa helfen einer betroffenen Familie in diesem Moment, doch sie mindern das grundsätzliche Problem nicht.

Da müsste sich in der Arbeitspolitik etwas ändern.

Ja, Arbeitslosigkeit, Teilzeitstellen oder geringfügige Beschäftigungen führen oft in Armut. Auch Kinder sind eine Armutsfalle. Sie trifft vor allem Frauen. Diese haben sich oft ihr Leben lang um andere gekümmert und sind im Alter selbst arm. Da muss sich Grundsätzliches ändern. Ihre Arbeit muss anders bewertet werden. 220 000 Rentnerinnen in Baden-Württemberg leben unter der Armutsschwelle.

Die Caritas finanziert sich zum überwiegenden Teil durch staatliche Mittel. Kirchensteuern und Spenden machen nur eine kleine Summe aus. Was können Sie als Sachwalter öffentlicher Gelder besser als der Staat?

Wir haben in der Verfassung festgelegt, dass es gut ist, wenn es neben dem Staat Gruppierungen gibt, die sich im Miteinander mit dem Staat um Menschen kümmern. Das breitere Angebot ist eine Stärke unseres Systems. Unsere Wurzel ist das christliche Menschenbild. Das wollen wir auch in unserer Arbeit zum Ausdruck bringen. Als gemeinnütziger Träger sind wir zudem nicht der Rendite verpflichtet. Das unterscheidet uns von privaten Anbietern.

Das Image der Caritas ist gut. Verhilft der Wohlfahrtsverband der verfassten Kirche in der säkularen Gesellschaft zu Ansehen – und legitimiert damit gar deren Machtanspruch in der Gesellschaft?

Wir sind klipp und klar ein Teil der katholischen Kirche. Als langjähriger Pfarrer kenne ich die verfasste Kirche ganz gut. Ich würde mir oft wünschen, dass diese noch stärker den Blick nach außen zu den Menschen außerhalb der Kirchenmauern richtet. In dieser Hinsicht kann die verfasste Kirche von ihrer Caritas etwas lernen.

Als Wohlfahrtsverband genießt die Caritas Privilegien: Stichwort Dritter Weg. Sie können arbeitsrechtliche Fragen selbst aushandeln. Lässt sich dieser Sonderweg noch rechtfertigen?

Wir spüren Gegenwind. Doch wir stehen zum Dritten Weg. Wir glauben es ist gut, dass Streik und Aussperrung bei uns verboten sind. Denn das ginge zulasten der uns anvertrauten Menschen.

Die Caritas arbeitet mit vielen Ehrenamtlichen. Wird es schwieriger diese zu gewinnen, wenn die Kirchenbindung der Freiwilligen nachlässt?

Das traditionelle Ehrenamt wird tatsächlich immer schwieriger. Wer sich heute engagiert, will ein qualitativ hochwertiges Ehrenamt, das auch gut begleitet ist. Wenn die Aufgabe gut begleitet wird und Sinn macht, melden sich auch Menschen aus nicht kirchlichem Kontext.
© Südwest Presse 14.07.2018 07:45
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