Endlose Staus am Zoll und Stillstand in Fabriken

Die Unsicherheit ist groß. Die deutsche Wirtschaft bereitet sich auf mögliche Folgen vor.
Der Brexit kommt. Doch bisher steht nur das Datum fest: Am 29. März 2019 tritt Großbritannien aus der EU aus. Zwar soll es eine Übergangsphase bis Ende 2020 geben, in der sich das Königreich an alle EU-Regeln halten muss. Aber über alles Weitere pokert die britische Regierung mit der EU. Gibt es wieder Zollkontrollen, haben deutsche Arbeitnehmer keine Freizügigkeit mehr auf der Insel, müssen sie zweimal Sozialbeiträge zahlen?

„Unsere Unternehmen müssen bis Oktober Klarheit haben für ihre Planungen nach dem Brexit-Stichtag“, fordert Industrie-Präsident Dieter Kempf. Bis zum nächsten EU-Gipfel Ende Juni sollten die Briten sicherstellen, dass deutsche Unternehmen weiter unkompliziert Mitarbeiter in ihre Niederlassungen auf der Insel schicken können und umgekehrt, fügt sein Arbeitgeber-Kollege Ingo Kramer hinzu.

Viele Betriebe sind verunsichert, welche Probleme drohen und wie sie sich darauf einstellen können. Andere haben sich damit bisher viel zu wenig beschäftigt. Daher haben der Industrieverband BDI und der Arbeitgeberverband BDA einen umfangreichen Leitfaden mit 111 Fragen erarbeitet, die sie klären sollten.

Fazit: Wer engere Beziehungen nach Großbritannien pflegt, kann negative Konsequenzen kaum vermeiden. Die Unternehmen sollten sich auf alle möglichen Risiken einstellen, auch auf die Wiedereinführung von Zollkontrollen. Bei einem harten Brexit ohne Übergangsregeln kämen die über Nacht. Doch die Briten könnten den steigenden Zollaufwand derzeit weder technisch noch personell bewältigen..

Alternative Lieferanten suchen

Die Folge wären riesige Staus an den Häfen und Flughäfen. Daher brauchen die Betriebe zusätzliche Lagerkapazitäten, um die Warenanlieferung sicherzustellen. Das kostet Geld, und das muss beim Kalkulieren von Aufträgen berücksichtigt werden. Zudem ist viel Fachwissen über zollrechtliche Bestimmungen und Außenwirtschaftsrecht nötig.

Um wie viel es geht, zeigt die Außenhandel-Statistik: 2017 lag Großbritannien bei den deutschen Exporten mit 84,4 Mrd. EUR auf Platz 5, bei den Importen mit 37,1 Mrd. EUR auf Platz 11. Wer Vorprodukte von den Briten bezieht, muss schnell die Produktion stoppen, wenn sie an der Grenze beim Zoll steckenbleiben. Daher gilt es, sich nach alternativen Lieferanten umzusehen – und nach neuen Kreditgebern, wenn die bisher in Britannien saßen. Denn bei einem Brexit besteht die Gefahr, dass das Geld vorzeitig zurückgezahlt werden muss.

Britische Produkte sind auch nicht mehr so einfach in der EU zugelassen. Am problematischsten ist das bei chemischen Substanzen, deren Registrierung in der EU unwirksam würde. Alle müssten neu registriert und zugelassen werden. Das ist teuer und langwierig.

Viele offene Fragen gibt es daneben bei den Arbeitnehmern. Spätestens nach einer Übergangsphase genießen sie keine Freizügigkeit mehr zwischen Großbritannien und der EU. Werden sie von einem deutschen Unternehmen auf die Insel entsandt, könnten zweimal Sozialversicherungsbeiträge anfallen. Dieter Keller

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© Südwest Presse 12.06.2018 07:45
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