Die Vorwürfe nehmen bedrohliche Ausmaße an

Der Konzern muss 774 000 Autos in die Werkstätten holen. Das beschädigt auch das Image von Konzernchef Dieter Zetsche.
  • Daimler-Chef Dieter Zetsche: Der Vorwurf, man habe bei der Abgasreinigung manipuliert, wiegt schwer, aber ein Rechtsverstoß ist noch nicht erwiesen. Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images
  • (FILES) In this file photo taken on March 29, 2017 the company logo of German carmaker Daimler and Mercedes-Benz is pictured before the annual shareholders meeting in Berlin. The federal German government ordered on June 11, 2018 the recall of some 774,000 vehicles from Mercedes-Benz maker Daimler across Europe, citing illegal "defeat devices" designed to conceal high levels of harmful emissions from regulators' tests. / AFP PHOTO / Tobias SCHWARZ Foto: Tobias Schwarz/afp
Dieter Zetsche hatte wahrlich schon angenehmere Zeiten als Daimler-Chef. Seit der Diesel-Skandal im September 2015 bekannt wurde, betont er fast gebetsmühlenhaft: „Bei uns wird nicht betrogen.“ Mercedes-Benz habe keine illegalen Abschalteinrichtungen eingebaut.

Am Montagabend entstand ein anderer Eindruck: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bestellte ihn öffentlichkeitswirksam zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tagen ein. Danach verkündete der CSU-Politiker: „Der Bund wird für deutschlandweit 238 000 Daimler-Fahrzeuge wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen unverzüglich einen amtlichen Rückruf anordnen.“

Sehr glücklich sah Zetsche nicht aus, als er vor den Fernsehkameras eine kurze Stellungnahme abgab. Wobei auffiel, dass er das nicht zusammen mit Scheuer tat und der Minister bei seinem eigenen Statement keine Fragen der Journalisten zuließ.

Den Konzern auf Kurs gebracht

Daimler will gegen den Rückruf Widerspruch einlegen. Bis der entschieden ist, dürfte einige Zeit dauern. Für die angeordnete Nachrüstung hat das keine aufschiebende Wirkung. Man werde sich unverzüglich um die Software kümmern, versprach Zetsche. Dabei hilft, dass sie größtenteils zu den 3 Mio. Autos gehören, für die Mercedes bereits eine freiwillige Software-Nachrüstung angekündigt hatte.

Für den 65-Jährigen steht viel auf dem Spiel, nicht zuletzt sein Ruf als Konzernlenker. In den bisher zwölf Jahren als Vorstandsvorsitzender gelang ihm, nach dem missglückten und teuren Chrysler-Abenteuer den ältesten Autobauer der Welt wieder auf Kurs zu bringen. Dass er auch zu Scheuer ohne Krawatte, aber in Jeans und Sneakern kam, sollte äußerer Ausdruck des neuen Geistes sein, der im Konzern weht. „Daimler kann mehr“ strich er zuletzt auf der Hauptversammlung in Berlin die Erfolge der letzten Jahre heraus. Nicht nur bei den Zulassungszahlen hat er den Erzrivalen BMW überholt. Auch der Gewinn kann sich sehen lassen. Ende nächsten Jahres läuft sein Vertrag aus.

Grund für Rücktrittsforderungen sieht Stefan Reindl nicht. „Zetsche ist nach wie vor einer der erfolgreichsten und erfahrensten Manager in der Automobilwirtschaft“, sagte der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen der SÜDWEST PRESSE. Es sei legitim, dass Daimler den Auslegungsspielraum der technischen Vorgaben ausnutze. Das Abgasreinigungssystem müsse im normalen Fahrbetrieb durchgängig im Einsatz sein. Um etwa einer Überhitzung vorzubeugen, sei sporadisch eine Verminderung oder Abschaltung zulässig.

Eine schlechte Figur gibt in Reindls Augen eher die Politik ab. „Denn ein Rechtsverstoß ist tatsächlich aktuell noch nicht erwiesen.“ Noch deutlicher wird sein Kollege Ferdinand Dudenhöffer vom Car Center Automotive Research an der Uni Duisburg-Essen. Er wirft Scheuer einen „Almauftrieb“ in seinem Ministerium vor. Vor dem Treffen mit Zetsche habe sein Ministerium gestreut, dass ein Bußgeld von bis zu 5000 EUR drohe. Das addiert sich bei 1 Mio. betroffenen Autos auf 5 Mrd. EUR auf. Doch davon war danach nicht mehr die Rede. „Er hat nichts in der Hand“, sagt Dudenhöffer. Scheuer denke weder an eine Hardware-Nachrüstung noch an eine Blaue Plakette.

Scheuer inszeniert sich gern

Das trifft sich mit der Beobachtung, dass sich Scheuer gern als Macher inszeniert. Als Mann der Tat, der – im Gegensatz zu seinem Parteifreund und Vorgänger Alexander Dobrindt – nicht unter der Fuchtel der Autoindustrie steht, sondern sich den Top-Managern entgegenstellt. Das untermalt der Passauer mit markigen Sprüchen wie: Dass Informationen im Diesel-Skandal „häppchenweise an die Öffentlichkeit gelangen, muss ein Ende haben“. Oder: „Ich werde nicht locker gelassen, bis alles aufgearbeitet ist.“

Das ist öffentlichkeitswirksam. Manche Politiker misstrauen allerdings den Versprechungen. Auch die Grünen halten Scheuers Muskelspiel für Show. Nötig seien Hardware-Nachrüstungen. Die Linken finden, dass die Erneuerung der Software allein nicht genügt. Scheuer weigert sich jedoch standhaft, in „altes Wagenmaterial zu investieren“. Es sei „sinnlos, pauschal über Hardwarenachrüstungen zu reden“, sagte er bei einem Mobilitätskongress in Berlin. Es ist klar: Scheuer beugt sich weder der Opposition noch seinem Koalitionspartner SPD, der ebenfalls auf den Umbau der Hardware pocht.

Überhaupt möchte der ehemalige CSU-Generalsekretär sich statt mit der Vergangenheit in Form von Diesel-Affären viel lieber mit den Zukunftsthemen wie dem autonomen Fahren, dem Deutschlandtakt und neuen Antriebstechnologien wie dem Elektro-Auto beschäftigen. Gern spricht er von einer „Revolution der Mobilität“ – und er will diese entscheidend mitgestalten.
© Südwest Presse 13.06.2018 07:45
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