Hier schreibt der Reit- und Fahrverein Schwäbisch Gmünd

Gelebte Inklusion im Gmünder Reitverein

Die Martinus Schule in der Weststadt und der Reitverein im Neidling arbeiten intensiv beim Thema Inklusion zusammen

Seit Oktober heißt es für sieben Schülerinnen und Schüler der freien katholischen Martinus Schule, ihre betreuenden Lehrerinnen und einen FSJler ein Mal pro Woche: Auf geht’s zu den Pferden im Neidling!

Den Reitverein kannten die Kinder, die unterschiedliche Entwicklungshemmnisse aufweisen und teils auf den Rollstuhl angewiesen sind, bereits von Spaziergängen mit ihren Betreuerinnen. Dass sie die Pferde und Ponys aus nächster Nähe erleben, sie berühren, striegeln, am Halfter führen und zu gegebener Zeit auch „reiten“ dürfen, hätten sich die Jungen und Mädchen nicht träumen lassen.

Bis zum Jahresende steht nun an einem Nachmittag pro Woche das Fach „Pferde hautnah“ auf dem Stundenplan.

Reitpony Susi kennt die neuen Besucher bereits und lässt sich bereitwillig aus der Box führen. „Wer holt Susis Putzzeug?“, fragt Lina Heim, die beim Reitverein ihre Ausbildung zur Pferdewirtin absolviert. „Wenn Ihr nicht mehr wisst, wie die Putzbox aussieht, helfen Euch unsere Reitkinder. Und nicht rennen im Stall, aber das wisst Ihr ja schon!“ Das Putzzeug ist da. Striegel, Kardätsche und Hufkratzer kommen zum Einsatz. Nacheinander dürfen die Kinder Susis Winterfell striegeln. Wer sich traut, kratzt mit Hilfe von Lina Heim oder einem der anderen freiwilligen Helfer die Hufe aus. Jetzt wird es spannend. Die Truppe macht sich mit Susi auf den Weg zum Reitplatz. Susi am Halfter zu führen ist toll, während die anderen Kinder die verschiedenen Spiel- und Trainingsgeräte unter die Lupe nehmen, unter Anleitung leichte Koordinationsübungen machen und für Susi einen kleinen Parcours mit Pylonen anlegen. An diesem Nachmittag ist auch Pony Anja mit von der Partie. Anja ist größer, aber das macht gar nichts, denn auch die ganz großen Pferde habe alle schon aus nächster Nähe gesehen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Zum Abschluss gibt es von Reitlehrerin Maria Gold verschiedene Übungsblätter rund ums Pferd. Noch bevor die Gruppe den Hof verlässt, ertönt die Frage: „Wann kommen wir wieder?“

Worum geht es bei dem Projekt?
Die Schülerinnen und Schüler der Martinus Schule lernen eine neue, unbekannte Umgebung kennen, in der klare Verhaltensregeln im Reitstall, im Umgang mit dem Pferd und auf dem Reitplatz eingehalten werden müssen. Sie werden behutsam und in ihrem Lerntempo an den Trainingspartner Pferd herangeführt, beispielweise durch Berühren und Striegeln. Einfache Handgriffe, die mit und ohne Hilfe, ausgeführt werden, gehören ebenso dazu wie das Führen am Halfter. Die Kinder der Martinus Schule bekommen Kontakt zu Gleichaltrigen ohne Entwicklungsbeeinträchtigungen, denn zu der inklusiven Reitsportgruppe gehören auch Reitschüler- und -schülerinnen des Vereins.

Was ist das Ziel?
Das Inklusionsprojekt soll die Kinder mit Handicap in ihrem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen stärken und helfen, Ängste abzubauen, die Bindungsfähigkeit zu stärken und Mechanismen der Selbstregulation zu lernen. Gleichzeitig werden Wahrnehmung, Körperbewusstsein, Konzentration und Ausdauer gefördert. Für die ReitschülerInnen ohne Handicap gilt vieles in gleicher Weise. Vorbehalte und Berührungsängste sollen verringert werden. Im besten Sinne ein Projekt auf Gegenseitigkeit, von dem beide Seiten lernen und ihren Horizont erweitern. Für den Gmünder Reitverein ist das Projekt der erste Baustein auf dem Weg hin zu einem inklusiven Reitangebot im Kinder- und Jugendbereich.

Was wurde nach den ersten Besuchen erreicht?
„Bereits jetzt wird deutlich, mit welcher Begeisterung unsere Kinder das Angebot annehmen. Ein Schüler mit autistischen Zügen beobachtete zunächst nur aus der Entfernung das Geschehen. Inzwischen sucht er die Nähe der Pferde. Andere Schüler genießen sichtlich den Kontakt zu Susi und strengen sich sehr an, alles richtig zu machen. Sie beginnen, Begriffe aus dem Bereich des Reitsports in ihren Wortschatz zu übernehmen. Ein in seiner Wahrnehmung stark beeinträchtigter Schüler wird aufmerksam und nimmt die unterschiedlichen Sinneseindrücke auf, wie Gerüche, Geräusche und Berührungen. Zwei zurückhaltende Schüler lassen seit Kurzem den Kontakt zu Susi bei der Pflege zu. Spannend wird es, wenn ein Teil der Schüler nach entsprechender Zeit zum „Reiten“ kommt und dabei unter anderem die hohen Anforderungen der Gleichgewichtskontrolle und Koordination erfüllen muss“, erklärt Ingrid Groer, betreuende Lehrerin der Schülerklasse.

„Da alle Schüler über ein niedriges Lerntempo verfügen, benötigen sie ausreichend Zeit für die einzelnen Lernschritte und zur Verankerung der Lernerfolge. Es wäre daher wünschenswert, wenn sich das Projekt weiterführen ließe.“

Reitlehrerin Maria Gold fügt hinzu: „Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Projekt durchführen können. Geholfen hat dabei der Württembergische Landessportbund (WLSB) mit seinem Förderprogramm, das noch bis Ende des Jahres läuft. Die ersten kleinen Erfolge bestärken mich und alle Helfer im Verein darin, das Projekt mit der Martinus Schule auch im neuen Jahr weiterzuführen. Und wenn der WLSB sein Förderprogramm auch 2018 auflegt und wir wieder zum Zuge kommen, können wir noch vieles mehr umsetzen und erreichen.“

Die freie katholische Martinus Schule ist ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum in Trägerschaft der Stiftung Haus Lindenhof. Eine Außenstelle befindet sich an der Staufer-Schule in der Weststadt, in unmittelbarer Nähe des Gmünder Reitvereins.

Die Initiative des Reit- und Fahrvereins Schwäbisch Gmünd wird im laufenden Jahr vom Württembergischen Landessportbund e. V. im Rahmen seines Förderprogramms „Inklusion im und durch Sport“ unterstützt.

© Reit- und Fahrverein Schwäbisch Gmünd 28.11.2017 01:01
1155 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.