Deutsche Senioren in osteuropäischen Pflegeheimen

  • Die Zahl der Pflegebedürftigen wäcsht. Foto: pixabay.com

Sitzt Deutschland in einer Pflege-Zwickmühle? Einerseits steigt die Zahl der Pflegebedürftigen an – über 780.000 Personen sind derzeit vollstationär in Pflegeheimen untergebracht. Andererseits gehen auch die Kosten für Pflegeheime stetig in die Höhe. Was tun? Viele Senioren blicken über die Grenze – nach Osteuropa. Nach Ungarn oder nach Tschechien.

Ein Pflegeplatz in unseren Nachbarländern ist um die Hälfte günstiger

In einem Pflegeheim im tschechischen Luby zum Beispiel, direkt an der Grenze zu Deutschland gelegen, kommen alle Bewohner aus Deutschland. Rente und Pflegegeld reichen bei ihnen nicht aus, um ein deutsches Heim bezahlen zu können. In Luby kostet ein Heimplatz rund 1.600 Euro, inklusive Pflegeleistungen und Vollpension. Ein deutsches Heim verlangt dagegen im Schnitt das Doppelte – 3.200 Euro. Und das Geld aus der deutschen Pflegekasse wird auch in Tschechien gezahlt.

Ähnlich die Verhältnisse in Ungarn: Ein Einzelzimmer plus Pflege kostet hier in vielen Heimen rund 1600 Euro. Dabei sind aber Extras wie ein Friseur, Mani- und Pediküre sowie Massagen und Physiotherapie inklusive. Und im Gegensatz zu Deutschland spielt der Pflegegrad keine Rolle beim Preis. In der Bundesrepublik bringt ein höherer Pflegegrad dem Heim mehr Geld – das wiederum bedeutet eben auch mehr Gewinn für das Heim.

Kritiker und Versicherer sehen immense Pflegelücke

Hauptgründe für die wesentlich niedrigeren Kosten in den östlichen Nachbarländern: die niedrigeren Lebenshaltungskosten und das Lohngefüge. Eine Pflegekraft in Deutschland verdient im Durchschnitt 2.300 Euro brutto, in Tschechien dagegen selten mehr als 800 Euro. Während in Luby zehn Pfleger für die 13 Bewohner zur Verfügung stehen, herrscht hierzulande seit Jahren Personalmangel. Und Besserung ist nicht in Sicht: Laut einer Berechnung des Deutschen Pflegerats werden bis zum Jahr 2030 rund 300.000 Pflegekräfte fehlen, davon allein 200.000 in der Altenpflege. Kritiker sehen in diesem Umstand ein Versagen des Staats, das durch das neue Pflegegesetz nicht behoben wurde. Auch Finanzdienstleister wie Swiss Life Select weisen auf diese Pflegelücke hin.

Sogar einige Senioren, die sich eigentlich eine Unterbringung in Deutschland leisten könnten, ziehen das Ausland vor. Sie wollen das, was sie in ihrem Leben angespart haben, ihr Haus oder ihre Eigentumswohnung nicht in teure deutsche Pflegedienste stecken, sondern es lieber ihren Kindern vererben.

© Schwäbische Post 27.10.2017 15:23
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