Der Traum vom Fliegen

Kein Sport verkörpert die Sehnsucht nach Freiheit in luftigen Höhen so wie dieser – auch für die mutigen Flugkünstler selbst. Doch das Ausloten der Grenzen ist eine riskante Sache und geschieht niemals ohne Angst.
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    Seine Vorstellung vom Sprung hat Andreas Wellinger schon während des Anlaufs im Kopf. Denn in der Luft geht alles ganz schnell. Foto: Andrzej Iwanczuk/REPORTER
Schschschschsch – das Zischen der langen Bretter in der Eisspur. Sonst ist nichts zu hören, wenn Andreas Wellinger tief in der Hocke die Innsbrucker Schanze hinuntersaust. „Da habe ich schon eine gewisse Vorstellung vom Sprung im Kopf“, sagt der 22-Jährige. Dann geht alles rasend schnell: Beim Absprung herrscht für Millisekunden völlige Stille, ehe das charakteristische Pfeifen einsetzt, sobald der Athlet mit weit von sich gestreckten Armen fliegt. Ein bisschen klingt es wie eine Maschine im Landeanflug, nur eben viel leiser. Drei bis vier Sekunden dauert der Flug lediglich, in denen sich das Pfeifen der am Körper reibenden Luft mit dem „Ziiiieeehhh“ der Zuschauer im Stadion mischt.

Das ist der sicht- und hörbare Teil der Faszination Skispringen. Die wahre Magie aber liegt im Unsichtbaren, in der Vorstellung, der Springer könne die Schwerkraft überlisten und den Menschheitstraum vom Fliegen verwirklichen. Dabei wird Wellinger im Sprung selbst zum stillen Beobachter der Grenzen der Physik. „Der Ablauf ist so schnell, dass man nur wenig reagieren kann. Nur Kleinigkeiten lassen sich im Flug noch optimieren. Man kann nichts erzwingen.“ Und dann ist es schon so weit: Mit einem lauten „Pflatsch“ der langen Bretter auf dem harten Boden wird die Illusion vom Vogelmenschen jäh zerstört.

Den Idolen nachgeeifert

Vor dem Fernseher hat der heute 22-jährige Andreas Wellinger schon im Kleinkind-Alter die Flugkünstler – damals Sven Hannawald, Martin Schmitt und Co. – erlebt und wusste schnell: Das will ich auch machen! „So hat der kleine Junge mit sechs Jahren das Skispringen angefangen“, erzählt Wellinger. „Dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte, ist das schönste Geschenk, das ich mit auf den Weg bekommen habe.“ Als Nordischer Kombinierer mit Langlauf und Skispringen gestartet, konzentriert sich der Ruhpoldinger heute nur noch auf die „Fliegerei“.

Noch mehr Adrenalin als beim Springen von der so genannten Großschanze jagt beim Skifliegen durch den Körper. Das ist, vereinfacht gesagt, dasselbe wie Skispringen. Nur, dass es für die Sportler fast doppelt so weit geht – mindestens 200, meistens 230 und manchmal sogar mehr als 250 Meter. Sieben bis acht Sekunden befindet sich Wellinger dann in der Schwebe, und das macht süchtig: „Allein die Kräfte in der Luft zu spüren, ist beeindruckend. Ein Flug auf 245 Meter bringt eine Welle an Gefühlen, die durch den Körper schießen“, beschreibt der Oberbayer das, was kein „Normalmensch“ so richtig fassen kann. Wellinger ist dabei sind seinem Element. Anfang 2017 setzte der Team-Olympiasieger auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze in Oberstorf die neue Bestmarke von 238 Metern. Doch auch hier sollen bei der Skiflug-WM von 18. bis 21. Januar noch ein paar Meter drin sein.

Den aktuellen Weltrekord hält der Österreicher Stefan Kraft, der im März 2017 am „Monsterbakken“ von Vikersund 253,5 Meter geflogen ist. Doch auch das soll noch nicht das Ende sein. „Es gibt kein Limit“, meint zumindest der ehemalige Skiflug-Weltmeister Severin Freund. „Einst hat man gesagt, der Mensch könne nicht über 100 Meter weit springen, weil der Körper das nicht aushält. Heute wären wir Athleten die ersten, die sagen, wir fliegen 300 Meter weit, wenn es eine Schanze dafür gibt.“ Dabei beginnt der Übergang vom einfachen Schanzen-Hopser zum Gefühl des Fliegen-Könnens schon viel früher. „So etwa ab 60 Meter, spürt man das Luftpolster unter den Skiern“, erklärt Wellinger. Denn wie die Vögel nutzen auch Skispringer die Gesetze der Physik, nutzen ihre Arme wie Flügel und profitieren mit ihren weiten Sprunganzügen ähnlich wie Segelflugzeuge vom Aufwind.

Rekordversuch abgesagt

Wo Menschen Übermenschliches leisten, sind potente Geldgeber nicht weit: Red Bull hatte vor, bei einem Experiment im Frühjahr 2011 die 300-Meter-Schallmauer zu durchbrechen. Eine riesige Naturschanze war bereits genehmigt und gebaut, der österreichische Skisprung-Star Gregor Schlierenzauer stand schon bereit. Doch im letzten Moment machte der Österreichische Skiverband (ÖSV) einen Rückzieher. „Wir halten das für zu gefährlich, unsere Athleten dürfen deshalb nicht starten“, sagte ÖSV-Sprecher Josef Schmid. Seitdem liegt das Projekt auf Eis.

Obwohl es immer wieder Wissenschaftler gibt, die ausgerechnet haben, dass der menschliche Körper Weiten von bis zu 400 Metern springen kann, winkt der Skisprung-Verantwortliche Walter Hofer vom Weltverband Fis, ab: „Diese Anlagen hätten solche Dimensionen, dass kein Zuschauer vor Ort mehr etwas mitbekommen würde. Irgendwann sieht man nur noch einen schwarzen Punkt heruntersausen“, sagt der Renndirektor.

Zum Vergleich: Schon um 250 Meter fliegen zu können, braucht man einen mehr als 135 Meter langen Anlauf, die Springer legen insgesamt mehr als 200 Höhenmeter zurück. Und mit jedem Meter mehr wird es gefährlicher für die Akteure: Längere Flugzeiten mit noch höheren Geschwindigkeiten bedeuten viel Angriffsfläche für den größten Feind der Flugkünstler, den Wind: „Mit jedem km/h mehr Wind potenzieren sich die Luftkräfte“, erklärt Hofer.

Wellinger hat das schmerzlich erfahren müssen. Die Karriere des damals 18-jährigen Jungstars erhielt einen Knick, als er auf der Schanze in Kuusamo den Absprung nicht richtig erwischte und in der Luft von einer Windböe erfasst wurde. Die Folge: Der Team-Olympiasieger verlor die Kontrolle über seine Skier, fiel wie ein Stein aus großer Höhe und rutschte den Hang hinunter.

Die Prellungen waren schnell verheilt, nicht aber die seelischen Wunden. Wellinger sprang nicht mehr so befreit und wurde von der Konkurrenz eins ums andere Mal durchgereicht. „Nach dem Sturz wieder auf die Schanze zu gehen, war ein komisches Gefühl“, erinnert sich der 22-Jährige. „Du hattest zwei Monate Pause, Du weißt, es funktioniert eigentlich, aber Du hast den Sturz noch im Hinterkopf.“

Auch deshalb sagt der ehemalige Skispringer und ARD-Experte Dieter Thoma, dass ein Teil der Faszination an seinem Sport daher rührt, „dass wir keinen Fallschirm haben, der uns retten kann, sondern wir uns auf unser Können verlassen müssen“. Doch dieses Gefühl kenne der Organismus eigentlich gar nicht, da der Mensch grundsätzlich nicht fürs Fliegen gemacht sei. Und so könnten nach schweren Stürzen große Angstzustände auftreten.

Andreas Wellinger hat sie, wie schon viele Sprungspezialisten vor ihm, überwunden. Mehrere tausend Sprünge waren dafür nötig. Jetzt fliegt der DSV-Adler wieder und das weiter als je zuvor. „Ich habe gelernt, wie man in einer solchen Situation nicht reagieren darf. Ich gehe nun feinfühliger mit diesen Bedingungen um“, sagt Wellinger. In Oberstdorf will der 22-Jährige nun seinen eigenen Schanzenrekord knacken.

Dabei stehen die Sponsoren dann Schlange – und freuen sich, wie Marketingmanager Helmut Hanus vom Handschuh-Hersteller Roeckl, schon lange vor dem Sprung: Wenn es nämlich wegen schwieriger Windverhältnisse zu Verzögerungen kommt. „Dann steigen die Springer rauf und runter vom Balken, und jedes Mal sind unsere Produkte riesig im Fernsehbild zu sehen. Der Werbe-Effekt ist unbezahlbar“, sagt der Sprecher des Münchner Wintersport-Sponsors. Zwar ist das Skispringen als Fernsehsportart „nur“ die Nummer zwei hinter Biathlon, aber vor Ort stellt Hanus fest, dass er im Skisprung-Stadion Besucher zwischen 8 und 88 Jahren erreicht, bei den Skijägern hingegen schauen vorrangig ältere Menschen zu: „Das macht das Skispringen fürs Sponsoring wieder interessanter.“

Die Magie des Skispringens erfasst also Jung und Alt gleichermaßen. „Ein Grund dafür ist sicherlich, dass man es nicht einfach nachmachen kann“, meint Ingo Jenßen, Pressesprecher der Vierschanzentournee, des bekanntesten Skisprung-Wettbewerbs der Welt. Das lässt auch Wellinger zu dem Schluss kommen: „Die Faszination des Fliegens ist ein Traum der Menschen. Und wir Skispringer kommen diesem Traum sehr nahe.“ Auch wenn es letztlich „nur“ ein paar hundert Meter sind: Der sportliche Wettstreit gegen die Schwerkraft ist ebenso einzigartig wie das Geräusch eines Skispringers im Flug.
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© VON MANUELA HARANT 11.01.2018 07:45
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