Schlüsseljahr der neueren Zeit

1968 steht für Umbruch in Gesellschaft und Politik. Die Tabubrüche und Regelverstöße von einst führten zur Emanzipation benachteiligter Gruppen.
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Das Jahr 1968 – der Philosoph Peter Sloterdijk nennt es das „dichteste Jahr der Weltgeschichte“, was schon deshalb bemerkenswert erscheint, weil 1989 – mindestens aus deutscher und europäischer Sicht – ein nicht weniger bedeutendes Datum ist. Ein „Schlüsseljahr der neueren Zeit“ war 1968 jedoch allemal, ein Meilenstein der internationalen Politik- und Kulturgeschichte.

Ein halbes Jahrhundert später sind die umstürzenden Ereignisse jenes Jahres und seines historischen Umfeldes vielleicht etwas verblasst, die prägenden Figuren der Bewegung, für die sich die Chiffre „1968“ eingebürgert hat, entweder tot oder im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent. Doch weckt zum einen das 50-jährige Jubiläum die Erinnerung an eine Rebellion, die weit über die studentische Jugend und die Universitäten hinausreichte. Zum anderen nimmt die aktuelle Debatte über Werteverfall und die „konservativ-bürgerliche Revolution“ unmittelbar Bezug auf diese Epoche.

Es war nicht allein der „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“, der die Studierenden und die „Außerparlamentarische Opposition“ damals auf die Straße trieb. Es ging um fundamentale Kritik am westlichen Kapitalismus und Imperialismus, am mit Napalm-Bombe geführten Vietnam-Krieg der Amerikaner, um die Nazi-Vergangenheit führender Köpfe in der Bonner Republik, nicht zuletzt um das Aufbrechen erstarrter Konventionen und Erziehungsideale, um die Entfesselung einer verklemmten Sexual-Moral und – ja, auch dies – um ungehemmten Drogenkonsum.

Die Welle des radikalen Protests erfasste nicht nur deutsche Hochschulstädte. Auch in den USA und Frankreich machte die nachwachsende Generation mobil, in der Tschechoslowakei erwachten der „Prager Frühling“ und die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Nach dem Anschlag auf den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis kam es zu Krawallen und Anti-Rassismus-Demonstrationen in US-Metropolen, in Frankreich besetzten Studenten am 3. Mai die Pariser Sorbonne und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Am 13. Mai organisierten die Gewerkschaften dort einen Generalstreik, Arbeiter besetzten Betriebe. Man kann also durchaus von einer internationalen Bewegung reden, in Ansätzen sogar von einer globalen Erhebung, freilich mit nationalen Schwerpunkten und Differenzierungen.

Das „radikale Bedürfnis nach Frieden und Freiheit“, das zum Beispiel der legendäre Studentenführer Rudi Dutschke für sich und seinen Sozialistischen Studentenbund (SDS) in Anspruch nahm, warf auch Schatten. Die militante Auflehnung gegen die herrschende Ordnung – vor allem die erstmals in Bonn amtierende Große Koalition und deren Notstandsgesetze – kippte, teilweise provoziert durch polizeiliche Gewalt (wie beim Todesschuss gegen den Studenten Benno Ohnesorg), um in eine unverhohlene Kampfansage an den Staat, in revolutionäre Anmaßung und am bitteren Ende in die extremistischen Auswüchse der Terroristen aus der RAF.

Auf reine Machtfrage eingeengt

Der Berliner Politologe Götz Aly (Jahrgang 1947), damaliger Zeitzeuge und heutiger Kritiker der 68er-Bewegung, räumt ein: „Wir sind sehr schnell in einen deutsch-romantischen Rausch nachgerade verrückter Selbstüberschätzung geraten. Das unterschied die deutschen 68er von ihren französischen und US-amerikanischen Altersgenossen.“ Die Tabubrüche und Regelverstöße von einst, so analysiert der Leipziger Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (50), hätten zu einer Emanzipation bis dahin benachteiligter Gruppen geführt. Doch habe der „Geist von 1968“ ein halbes Jahrhundert danach „nicht mehr viel mit wirklicher Befreiung zu tun, sondern hat sich auf eine Strategie verengt, die denen, die sie nutzen, nur dazu dient, auf Kosten anderer selbst zu mehr Macht zu gelangen“.

Es ist also ein zwiespältiges Bild, das heute von „1968“ und den Schleifspuren der Ära gezeichnet wird. Als Referenzgröße taugt das Jahr gerade in einer postmodernen Gesellschaft wieder, die von Wutbürgern, Demokratieverdrossenheit und folgenschwerer Individualisierung geprägt wird. Gleichwohl warnt Christoph Möllers davor, „die 68er für die politische Entwicklung der Gegenwart in Haftung zu nehmen, sei es positiv, sei es negativ“.
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© VON GUNTHER HARTWIG 12.01.2018 07:45
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