Nächstenliebe – ein Problem des Ethischen

Zum Thema Nächstenliebe und ihre Motive:„Diese Nächstenliebe, die oft so hoch gehalten wird, entspringt nicht immer ehrbaren Motiven. Sie entspringt nicht selten der schlechten Liebe zu sich selbst. Man flüchtet deshalb zum Nächsten. So kann man es besser mit sich selbst aushalten. Wir müssten uns unserer durch Geburt mitgegebenen Einzigartigkeit mehr bewusst werden, müssten uns selbst mehr lieben, mehr mit Liebe füllen, dann könnten wir auch mehr Liebe abgeben. Dabei dürfen wir aber den Übernächsten und den Ferneren nicht aus dem Blick verlieren. Wenn wir die Ferneren in unsere Nächstenliebe mit einschließen, dann lieben wir die höhere Liebe. Diese höhere Liebe denkt auch daran, wie sie sich auf die Ferneren auswirkt. Muss eventuell ein Fernerer dafür büßen, darunter leiden? Die höhere Liebe zum Nächsten ist auch von höherem Wert. Sie darf deshalb nicht so ohne Bedacht vergeben werden. Immanuel Kant hat in seiner ‘Kritik der praktischen Vernunft’ ein Grundgesetz (§ 7) definiert, das als ‘Kategorischer Imperativ’ Geltung erlangt hat. Es lautet: ‘Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne’. Wer sich daran hält und danach handelt, handelt ethisch richtig. Das klingt ziemlich theoretisch. Aber man kann auch instinktiv ethisch richtig handeln. Wenn zum Beispiel ein Kind ins Wasser fällt, gibt es keine Überlegung. Man springt instinktiv hinterher und rettet es. Hier ist der kategorische Imperativ, das Gebot des ethisch richtigen Handelns, im Instinkt, der oft als Vorurteil abgetan wird, mit verankert. Lassen wir dem Instinkt mehr Raum, der in uns mehr bestimmt als wir ahnen. Trotzdem, es ist auch wahr: ‘Es irrt der Mensch so lang er strebt’ (Prolog im Himmel, Goethes Faust).
Aber auch das Matthäusevangelium sagt etwas aus, das vor allem für Christen von hohem ethischem Wert ist. ‘Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen! Sonst habt ihr von eurem Vater im Himmel keinen Lohn mehr zu erwarten.’ Das ist auch eine noble Haltung, die leider mancher Nächstenliebende vergessen hat. Man darf sich aber des Werts einer solchen Haltung, die sich letztlich in der Ausstrahlung der Persönlichkeit zeigt, schon bewusst werden und ihn in sich tragen. Man ist dann mehr als man scheint.“Edgar Hartmann,
Schwäbisch Gmünd
© Schwäbische Post 29.02.2016 20:09
1261 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy