Mit Sport dem Krebs begegnen

Gesundheit Vorbeugen hilft auch dann noch, wenn der Krebs schon diagnostiziert ist. Mit einer Bewegungstherapie können Nebenwirkungen minimiert werden. Von Birgit Weichmann
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Die Erkenntnis, dass Vorbeugung und Früherkennung für ein Leben ohne Krebs grundlegend wichtig sind, ist inzwischen allgemein akzeptiert. Es muss allerdings noch mehr ins Bewusstsein beziehungsweise in die Therapiepläne der Onkologen dringen, dass für diejenigen, die an Krebs erkrankt sind und denen eine Behandlung bevorsteht, eine so genannte Krebsprähabilitation von immer größerer Bedeutung wird.
Daher fordert der Privatdozent Freerk T. Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln, „personalisierte Bewegungstherapie vor der eigentlichen Behandlung als Standardsäule in der onkologischen Therapie“ zu etablieren.

Neue Studien
Blickt man einige Jahre zurück, so schien eine Verknüpfung zwischen einer Krebserkrankung und sportlicher Betätigung nahezu undenkbar. Doch inzwischen belegen schon rund 150 Studien die positive Wirksamkeit von Bewegung bei Krebs, wie Baumann, Leiter der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe „Bewegung, Sport und Krebs“ in Köln erklärt. Relativ neu ist dabei der Aspekt der „Prähabilitation“. Der etwas sperrige Begriff steht für eine Verknüpfung aus Prävention und Rehabilitation. Das Konzept dahinter: Eine bewegungstherapeutische Intervention unmittelbar nach der Krebsdiagnose soll die Patienten körperlich auf die Therapiephase vorbereiten, sie sozusagen „auftrainieren“. Nach dem Motto „Fit für die Krebsbehandlung“ wollen die Wissenschaftler damit möglichen Komplikationen und Nebenwirkungen vorbeugen.

Weniger Tage im Krankenhaus
Durch gezieltes Training, vor allem in einer speziellen Trainingsgruppe gemeinsam mit anderen, könnten nicht nur die Nebenwirkungen der Krebsmedikamente verhindert beziehungsweise vermindert werden. Es lassen sich auch Krankenhaustage reduzieren, betonte Baumann beim 32. Deutschen Krebskongress in Berlin. Dies würde auch eine Kostenreduktion in der Therapie und Pflege onkologischer Patienten bedeuten.
Individuell zugeschnittene körperliche Aktivität habe einen positiven Einfluss auf unterschiedliche Aspekte der Krebserkrankung. Die Patienten werden fitter, sind weniger erschöpft, leiden seltener unter Ängsten oder Depressionen und kehren leichter wieder in ihren Alltag, auch den beruflichen, zurück. Die aktuellen Empfehlungen lauten, den Patienten so früh wie möglich in Bewegungsprogramme einzubinden, um Nebenwirkungen und Komplikationen von Operationen, Chemo oder Bestrahlung zu verhindern oder zumindest zu verringern.
Eine umfangreiche Studienanalyse der Deutschen Sporthochschule Köln mit mehr als 2500 Prostatakrebs-Patienten belegte bereits 2012, dass ein Training des Blasenschließmuskels und des Beckenbodens vor der Operation Männer erheblich unterstützen kann: Wer vier Wochen vor dem Eingriff ein solches Training beginnt, läuft deutlich weniger Gefahr, nach der Prostatakrebs-Operation an Inkontinenz zu leiden.
Durch professionelle bewegungstherapeutische Programme, sagt Baumann, könnten Nebenwirkungen der Tumortherapie, wie zum Beispiel das Erschöpfungssyndrom (Fatigue), gezielt beeinflusst werden. Erste Erfolge verzeichnen die Wissenschaftler auch mit einem vorbereitenden sensomotorischen Vibrationstraining, das die häufig bei Chemotherapie auftretende Polyneuropathie, eine Nervenstörung in den Extremitäten, verhindern kann. Die besten Erfolge, darauf wies Baumann ausdrücklich hin, stellen sich dann ein, wenn ein Patient unter Anleitung eines geschulten Therapeuten trainiert.
Es helfe wenig, wenn Patienten nach einer kurzen Einführung oder mit Hilfe schriftlicher Anweisungen für sich allein üben. Um therapeutische Erfolge zu erzielen, bedarf es eines langfristigen und angeleiteten Trainings.

Experten arbeiten Hand in Hand
Dies wird seit 2012 in der onkologischen Trainingstherapie am Centrum für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule Köln praktiziert, deren sportwissenschaftlicher Leiter Baumann ist. Im Rahmen eines deutschlandweit einzigartigen wissenschaftlichen Projekts trainieren dort Patienten in einer Art Zirkeltraining Kraft und Ausdauer, aber auch Koordination. Dabei werden sie wissenschaftlich begleitet. Der Vorteil: Mediziner, Psychologen und Sportwissenschaftler arbeiten eng zusammen.
Die speziell ausgebildeten Therapeuten und die Ärzte stimmen sich zu den körperlichen Möglichkeiten und den Trainingszielen ihrer Patienten regelmäßig ab. Sie beobachten die Erfolge und passen die Trainingspläne individuell an. Aktuell wird das Kölner Training nur von wenigen Krankenkassen bezuschusst. Baumann hofft jedoch, dass das Angebot bald allen onkologischen Patienten in Deutschland zugängig gemacht werden kann.

Wirkung auf das Immunsystem

Laut der Deutschen Krebsgesellschaft bringt Sport den Energiehaushalt auf Touren, wirkt positiv auf die Psyche und dadurch auch auf das Immunsystem. Als tumorspezifische Effekte kommen zudem der Einfluss auf Sexualhormone, antioxidative Wirkungen oder eine Verbesserung von DNA-Reparaturmechanismen infrage, ebenso die Verringerung von Insulin und körpereigenen Botenstoffen. Durch die Anregung des Stoffwechsels wird die Kontaktzeit möglicher krebserregender Stoffe in Magen und Darm verkürzt. swp
© Schwäbische Post 22.04.2016 17:56
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