Dünger und Dünen

Jubiläum Das niederländische Noordwijk an Zee feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen als Badeort und tut deshalb mehr denn je für seine Gäste. Christiane Neubauer
  • Foto: Neubauer
Wenn John van Velsen, der Wirt vom Pannenkoekenhuis Hans & Grietje, im Sommer im warmen Licht der untergehenden Sonne die Markise über der Terrasse seines Lokals aufrollt und die Sitzkissen einsammelt, hat er nicht nur unzählige Pfannkuchen aufgetragen. Er hat Frauen vorbeiflanieren gesehen, die mit Tüten und Taschen behängt aus der fast zwei Kilometer langen Fußgängerzone von Noordwijk an Zee kamen, in der in Boutiquen und Läden Shoppingträume wahr werden. Er hat leicht bekleidete Teenager beobachtet, die in Flip-Flops an den Füßen zur Eisdiele geschlurft sind sowie kleine Kinder mit Eimerchen und Schaufel auf dem Weg zum Strand. Er hat Gäste aus Holland, Deutschland, Belgien und Frankreich bewirtet, Menschen mit dickem wie mit kleinem Geldbeutel.

Alter Badeort
Das war nicht immer so. Als Noordwijk an Zee im Jahr 1866 offiziell zu einem Badeort erklärt wurde, konnten sich nur Superreiche einen Urlaub an dem 13 Kilometer langen Sandstrand bei Ams-terdam leisten. Langärmelige Badeanzüge und Badekutschen schützen die seinerzeit noch prüden, vornehmen Herrschaften vor neugierigen Blicken der einheimischen Fischer und Bauern. „Früher, berichtet Jan Slagtveld, „reiste die ganze Familie an und blieb oft einen ganzen Monat oder länger bei uns in der Sommerfrische.“ Der 68-Jährige arbeitet ehrenamtlich im Museum von Noordwijk. In der 400 Jahre alten Kate, nicht weit vom Pfannenkuchenhaus entfernt, haben die Kuratoren mit Hilfe der Einheimischen fürs Jubiläumsjahr liebevoll Gemälde, Fotos und antike Objekte zusammengetragen, die eindrucksvoll den Wandel vom Fischerdorf zum mondänen Seebad bis hin zum modernen Seaside Ressort dokumentieren. „Zum Aufstieg von Noordwijk zum Badeort hat übrigens auch ein Deutscher beigetragen“, sagt Slagtveld und zeigt den Gästen aus Deutschland vergilbte Fotos vom ersten Grandhotel der Stadt. Heinrich Tappenbeck, ein Textilhändler aus dem Ruhrgebiet, baute das Huis ter Duin (Haus auf der Düne) direkt an den Strand. Erweitert und modernisiert dominiert das Fünf-Sterne-Hotel bis heute das Stadtbild.

Kräuterzentrum und Blumenbadeort
Doch der Badetourismus ist bei Weitem nicht die einzige lukrative Einkommensquelle der Stadt. „Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich Noordwijk zum wichtigsten Kräuterzentrum der Niederlande“, weiß Stadtführerin Conny Eichelsheim. Später entdecken die Bewohner von Noordwijk dann, dass sich mit dem Anbau von Blumenzwiebeln noch mehr Geld verdienen lässt. „Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Blumenzwiebelproduzenten auf 250, die den Ort als Werbefläche ihrer Produkte nutzten“, so Eichelsheim, „was Noordwijk den Titel ,Blumenbadeort Europas’ einbrachte.“
Früher reiste die ganze Familie an und blieb einen Monat in der Sommerfrische.
Viele Gäste kommen deshalb auch nach Noordwijk lange bevor die Badesaison begonnen hat – im Frühling, wenn die Felder rund um die 25 000-Einwohner-Stadt übersät sind mit roten Tulpen, gelben Narzissen und blauen Traubenhyazinthen. Doch auch die Sommerfrischler kommen auf ihre Kosten – bei einer Blumenausstellung im August und der Flower Parade, einem Blumenkorso, der jedes Jahr Gäste aus aller Welt nach Noordwijk lockt.
Noordwijk hat übrigens die älteste, noch praktizierende Schützenbruderschaft der Niederlande. Gegründet 1477 treffen sich die Brüder der Gilde bis heute immer am Freitag auf der Schützenwiese im Dorfzentrum (Oude Dorpskern) von Noordwijk Binnen. Besucher sind willkommen und können beobachten, wie sie die Sehnen ihrer Armbrüste spannen, um auf einen hölzernen Vogel zu zielen, der an der Spitze eines mehr als 20 Meter hohen Baumstamms befestigt wurde. Die Redewendung „den Vogel abschießen“ gehe auf diese Tradition zurück, erklärt Conny Eichelsheim.

Historischer Charme
Im Gegensatz zu Noordwijk an Zee, wo die Fischerhäuschen im Laufe der Zeit Platz machen mussten für den Bau neuzeitlicher Hotels und Apartmentanlagen, hat sich Noordwijk Binnen bis heute seinen historischen Charme bewahrt. Unter einer Allee aus Lindenbäumen, die im Sommer Schatten spenden, stehen mittelalterliche Fassaden mit gotischen Stufengiebeln neben schmucken Patrizierhäusern aus dem 17. Jahrhundert, dem sogenannten Goldenen Zeitalter, und Stadtpalästen aus der Barockzeit. An jedem Samstagnachmittag (von April bis Oktober) kann man sich den Stadtteil aus der Vogelperspektive ansehen. Dann ist der Kirchturm der Oude Jeroenskerk (Alte Jeroenskirche) geöffnet. Oben angekommen, gibt es wunderbare Aussichten: auf die Dächer der Altstadt, auf die Blumenfelder im Hinterland.
Jan Slagtveld

Immer was los
Und selbst wenn ein Hochdruckgebiet mal schlapp macht und Regen einsetzt, kommt in Noordwijk keine Langeweile auf. Denn für solche Tage gibt es zum Beispiel die Space Expo. Diese ist nicht nur die erste ständige Raumfahrtausstellung Europas, sondern auch das Besucherzentrum der Europäischen Weltraumorganisation der ESA in den Niederlanden. Lehrreich ist auch ein Besuch des einzigartigen Museums Corpus in der Nachbarstadt Leiden. Es lädt seine Besucher zu einer Reise durch den menschlichen Körper ein.

Wunderschöne Natur
Noordwijk ist umgeben von wunderschöner Natur mit Dünen- und Waldgebieten. Aufmerksame Naturfreunde können Füchse, Rehe, Kaninchen oder Eichhörnchen entdecken. Auch Mountainbiker kommen auf ihre Kosten, denn im Tannenwald in den Noord-Dünen wurde ein spezieller Pfad für sie angelegt. Natürlich macht so viel Bewegung an frischer Seeluft hungrig. Und so endet der Streifzug durch Noordwijk in einem der vielen Strandpavillons, wo das Essen zwar gut, aber auch etwas teuer ist. Oder dort, wo er begann: im Pannenkoekenhuis von John van Velsen. Als John als Nachtisch die Variante Nutella mit Banane auf den Tisch stellt, hat sich der Himmel hinter dem Grandhotel Huis ter Dune lachsfarben verfärbt. Er muss ein ziemlicher Fuchs gewesen sein, dieser Heinrich Tappenbeck. Ein Zimmer in einem Grandhotel mit dieser Lage wird sich auch in weiteren 150 Jahren noch großartig vermieten lassen.
© Schwäbische Post 08.07.2016 17:49
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