Gold und Silber sogar im Fußboden

Museum Erich Wahl zeigt Besuchern der Ott-Pauserschen Silberwarenfabrik in Schwäbisch Gmünd die Arbeitsweise aus der Zeit der Industrialisierung und hat so manche Anekdote im Gepäck. Von Kuno Staudenmaier
  • Erich Wahl zeigt Besuchern in der Ott-Pauserschen Fabrik wie einst gearbeitet wurde.
Fachleute haben den Kopf geschüttelt über so viel Fortschrittsverweigerung, Besucher sind heute dankbar, dass es einen Fortschrittsverweigerer gegeben hat: Wir sind im Museum Ott-Pausersche Silberwarenfabrik in Schwäbisch Gmünd. Erich Wahl, pensionierter Silberschmied, fasziniert dort Besucher seiner Führung.
Die 1820 gegründete Firma (mehr zur Geschichte siehe Kasten unten) gab es bis 1984. Emil Pauser hat dort bis zuletzt noch alleine gearbeitet, die Mitarbeiter mussten schon 1979 aufhören. Und das hatten viele kommen sehen. Das Fabrikgebäude in der Innenstadt gleich neben dem Kornhaus hat nicht nur äußerlich Denkmalcharakter, sondern erst recht im Innern. Die ganze Technik, die Produktionsabläufe, haben sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr geändert. Gefühltes Mittelalter für alle, die nur computergesteuerte Produktionshallen kennen. Da stehen sie also noch, die gusseisernen Spindelpressen, die ganze Muskelkraft fordern. Die Maschinen, die durch breite lederne Transmissionsriemen angetrieben werden. Ein Motor für alle. Und es gibt noch das kleine Schüttelfass, in dem Kleinteile poliert wurden. Fast ungläubig sehen die Besucher der Führung Erich Wahl an: „Der Mann am Schüttelfass hatte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als mit einer Kurbel diesen kleinen Holzbehälter zu drehen.“
Wenn ich nicht anständig war, gab‘s schon mal eine Ohrfeige.
Der Silberschmiedemeister ist begeistert von der Ott-Pauserschen Fabrik: „Ein Kleinod, das Sie so nirgendwo mehr sehen werden.“ Der Weg vom flachen Silberblech zum Hochglanz-Leuchter kennt viele Stationen und manch gefährliche Arbeit. Der Metalldrücker, ein eigener Beruf, spielt eine wichtige Rolle. Er schafft die Grundform für die Weiterverarbeitung. Um flaches Material zu verändern, sind bis zu sechs Zwischenformen nötig. „Sonst reißt das Stück, man kann es nur noch wegwerfen.“ Nach jedem Drücken muss das Blech wieder in den Glühofen, damit es seine alte Flexibilität wieder zurückerhält. Dann wird weiter verfeinert, bis zwei Halbschalen auf dem Arbeitsplatz des Silberschmieds landen. Jeder Handgriff Wahls wird jetzt beäugt. Die Kanten streicht er mit dem Flussmittel Borax ein, dann bleibt an diesen Stellen das Streulot hängen, das er mit einem kleinen Metallwinkel darüberträufelt. Geduldig werden die Formteile mit Drähten umwickelt, damit sie beim Löten zusammenhalten. Mit dem Brenner wird auf 500 Grad erhitzt, das Lot schmilzt und verbindet. Ehe das Stück, etwa ein Leuchter, in der Vitrine steht, sind weitere Schritte nötig. Der letzte Arbeitsgang war auch der einzige, der in der Fabrik-Frühzeit Frauen vorbehalten war. Poliseusen waren am Werk. Nicht nur die Ausstattung, die Technik, auch die Arbeitsumstände haben sich kräftig verändert. Erich Wahl, Lehrling in den Nachkriegsjahren: „Wenn ich nicht anständig war, gab‘s schon mal eine Ohrfeige.“ Das war Ende des 19. Jahrhunderts auch nicht anders. „Sechs-Tage-Woche mit zwölf Stunden am Tag waren normal.“ Normal war auch, dass die Menschen aus den umliegenden Dörfern einen mehrstündigen Fußmarsch in Kauf nahmen, um zum Arbeitsplatz zu kommen. Und normal war, dass Gold- und Silberschmiede ihren Status pflegten. „Die fühlten sich als Künstler“, sagt Wahl. Sie kamen mit festem weißem Stehkragen und weißer Manschette in die Fabrik, haben sich umgezogen, um am Abend wieder in die vornehme Kleidung zu steigen.“ Wenn Besucher ihn fragen, gibt Plaudert Wahl schon mal aus seinem Nähkästchen. Erinnert daran, wie er in der Nachkriegszeit um 1950 seine Lehrstelle bei Dehyle angetreten hat. Er lernte den Beruf des Silberschmieds. Nach weiteren Stationen in Gmünd zog es in nach Pforzheim. Dort absolvierte er die Meisterprüfung und kam später über Esslingen wieder zurück nach Gmünd. Gold und Silber blieb er immer treu, auch in seinem zweiten Beruf als Prüfer für Edelmetalle am Forschungsinstitut. Seit 15 Jahren erzählt er nun die Geschichte der Silberwarenproduktion und die Geschichte der Ott-Pauserschen Fabrik.
Spaß macht es ihm noch immer. Wie den Besuchern, für die er so manche Anekdote auf Lager hat. Etwa die vom neuen Parkettboden. Wenn der alte Boden nach Jahrzehnten „abgelaufen“ war, haben die Besitzer einen neuen Boden verlegen lassen. Der alte Holzboden wurde kontrolliert verbrannt, die Asche kam anschließend in die Scheideanstalt. Diese kann die Edelmetalle herausfiltern. „Da kam so viel Silber oder Gold zusammen, dass damit der neue Parkettboden bezahlt war.“ So viel Metallstaub lag damals in der Luft. Dass ein Silberschmiede-Arbeitsplatz auch gefährlich sein kann, sehen Besucher heute noch. Ein vergilbtes Plakat verweist auf das Städtische Krankenhaus und empfiehlt bei Augenverletzungen, „direkt zum Augenarzt zu gehen“. Vor allem an den Öfen und Pressen musste man sich hüten. „Möglichst lange Zangen wurden verwendet, um die Werkstücke anzufassen.“
Erich Wahl
Der ganze Stolz der Fabrikbesitzer war aber der Präsentationsraum. Den gibt es heute noch, verlegt in die ehemaligen Wohnräume des letzten Inhabers. Wer aus den eher düsteren Produktionsräumen kommt, kann sich so viel Hochglanz kaum vorstellen. Der musste aber die Käufer beeindrucken. Und das hat wohl auch – lange Zeit – geklappt. Schnell entwickelte sich der Betrieb zu einem florierenden Unternehmen und für einige Zeit sogar zum größten Steuerzahler in der Region. Ein Großteil der Waren ging ins Ausland. Allein nach Kuba wurden im 19. Jahrhundert jährlich Bijouterien im Wert von 200000 Gulden exportiert. Zwischen 1851 und 1873 gewann das Unternehmen Medaillen auf den großen Weltausstellungen in London, München, Paris und Wien. Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts erlebte die Fabrik ihren Höhepunkt. Wie die ganze Stadt. Wahl spricht von 144 Betrieben, die mehr als 50 Mitarbeiter hatten. Unzählige kleine Firmen kamen dazu. Gut 100 Jahre später sorgt die Globalisierung für ein jähes Ende. 1986 wird die Ott-Pausersche Fabrik als erhaltenswertes Kulturdenkmal in das Denkmalbuch Baden-Württemberg eingetragen, das Museum entsteht.

Noch eine Führung im Herbst

Im Silberwarenmuseum Ott-Pauser kann der Besucher nacherleben, wie ein Gmünder Gold- und Silberarbeiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gearbeitet hat. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass die Fabrikationsanlagen in allen wesentlichen Teilen noch heute bestehen. Zu sehen sind Friktionsspindelpressen, Drahtziehbänke, Fall- und Krafthämmer und Walzwerke, die über eine Transmissionsanlage von einem großen Gasmotor angetrieben wurden. Ein solcher Gasmotor ist in – einem Nebengebäude der Fabrik – zu besichtigen.
Daneben geben Arbeitstische mit Werkzeugen, Geräten und Maschinen Auskunft darüber, wie Schmuckstücke und Silberwaren ziseliert, graviert, montiert und poliert wurden. Eingerichtet wurden auch die Werkstätten eines Goldschmieds, eines Etuimachers und eines Guillocheurs. Das Comptoir mit der kompletten Büroeinrichtung mit Büchern, Telefon, Rechen- und Schreibmaschine, ist noch so anzutreffen, als habe es der Chef gerade verlassen.
Geöffnet ist Dienstag bis Freitag 14 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen 11 bis 17 Uhr. Führung am ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr. Die letzte Führung in diesem Jahr ist am Sonntag, 2. Oktober. kust

Die Geschichte der Silberwarenfabrik

Begonnen hatte es im Jahr 1820: Gemeinsam mit seiner Tochter eröffnete Nikolaus Ott eine Goldschmiedewerkstatt in Schwäbisch Gmünd. Ott und einige andere sahen in der industriellen Produktion von Bijouterien eine Zukunft für ihr Gewerbe. Dies allerdings widersprach den alten Zunftgesetzen, die dafür sorgten, dass niemand auf Kosten der anderen expandieren konnte. Auch in der maschinellen Produktion sahen die Zünfte eine Gefahr. Gegen den Widerstand der Zünfte erließ die württembergische Regierung Regierung 1828 ein neues Gewerbegesetz. Einer der ersten, die davon profitierten, war Nicolaus Ott. 1845 ließ er ein neues Fabrikgebäude errichten und gründete die Firma „Nicolaus Ott und Compagnons“. Anfang der 60er- Jahre des 19. Jahrhunderts erlebte die Fabrik ihren Höhepunkt. Inzwischen wurde sie vom Neffen des Gründers Johann Baptist Ott geleitet. Das Betriebsgelände war erweitert worden, und seit 1855 gab es hier eine hochmoderne Anlage, die aus Holz Gas erzeugte. Es war das erste Gaswerk der Stadt Gmünd und erwies sich als besonders einnahmeträchtig. Der letzte Besitzer der Fabrik, Emil Pauser, war ein Bewahrer. Alles sollte an seinem Platz bleiben. Eine Einstellung, die für das Museum ein Glücksfall war. kust
© Schwäbische Post 09.09.2016 13:55
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