Eine Verspätung kann lukrativ sein

Entschädigung Flugpassagiere verschenken jedes Jahr mehrere Millionen Euro, weil sie bei Verspätung und Annullierung nicht auf ihre Rechte pochen.
  • Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ist der Flug verspätet oder wird gar gestrichen, ist die Urlaubslaune schnell dahin. Doch wer die Gesetzeslage kennt, der weiß: Verspätung kann sich richtig lohnen, zumindest finanziell. Denn seit 2004 stehen Passagieren laut EU-Fluggastrechte-Verordnung bei Verspätung, Annullierung und Überbuchung hohe Entschädigungen zu – und das unabhängig vom Ticketpreis. Bei einer Flugstrecke bis 1500 Kilometer werden bei mehr als dreistündiger Verspätung zum Beispiel 250 Euro, bis 3500 Kilometer 400 Euro, ab 3501 Kilometer 600 Euro fällig.

Bald könnten diese Summen noch höher ausfallen, denn geht es nach dem Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs, könnte künftig auch Vogelschlag als von der Airline zu verantwortender Grund für Flugverspätung oder Annullierung eingestuft werden – mit der Folge, dass sie Entschädigung leisten muss. Bislang galt Vogelschlag als Zwischenfall, der außerhalb des Betriebsrisikos der Fluggesellschaft liegt wie Vulkanausbruch oder Fluglotsenstreik.

Das Kuriose daran: Je besser Passagiere gestellt sind, desto weniger scheinen sie ihre Rechte wahrzunehmen. Laut dem Rechtsdienstleister Fair Plane könnten allein deutsche Passagiere jedes Jahr 760 Millionen Euro Entschädigung verlangen. Doch weniger als 40 Millionen Euro werden ausgezahlt. Der Grund: Nur fünf Prozent der Fluggäste holen sich ihren Ausgleich, der Rest lässt die Entschädigung verfallen.

„Die Airlines profitieren von der Unwissenheit ihrer Kunden“, sagt Professor Ronald Schmid, Reiserechtsanwalt aus Wiesbaden und Sprecher von Fair Plane. „Wir haben festgestellt, dass neun von zehn Passagieren ihre Rechte nicht kennen. Und wer sie nicht kennt, der kann sie auch nicht einfordern, denn keine Airline zahlt freiwillig.“ Selbst für jemanden, dem eine Entschädigung zusteht, ist es oft mühsam, an sein Geld zu kommen. Denn häufig lehnen die Fluggesellschaften die Forderungen ihrer Kunden mit unrechtmäßigen Begründungen ab.

Gerne als Entschuldigung verwendet wird schlechtes Wetter. Doch nicht jedes Gewitter hat mehr als drei Stunden Verspätung zur Folge. „Auch wenn die Airline nachgibt und einen Gutschein anbietet, sollten Passagiere die Augen offen halten“, rät Matthias Möller vom Portal Flug-verspaetet.de. „Oft ist der gutgeschriebene Betrag niedriger als der Entschädigungsanspruch – und der erlischt mit dem Akzeptieren des Gutscheins.“

Die Airlines profitieren von der Unwissenheit.

Ronald Schmid
Reiserechtsanwalt

Wer seine Ansprüche prüfen will, muss nicht gleich einen Anwalt einschalten. Der schnellste Weg geht über die Website eines Rechtsdienstleisters wie Fair Plane, EU Claim, Flightright oder auch Flug-verspaetet.de.

Schlichtungsstelle hilft

Dort lassen sich unter Eingabe des Flugdatums und der Flugnummer die tatsächliche Verspätung und der Entschädigungsanspruch prüfen. Das ist zunächst kostenfrei. Besteht ein Anspruch und setzt der Dienstleister diesen erfolgreich durch, fallen zum Beispiel bei Fair Plane bis zu 24,5 Prozent des erstrittenen Werts plus Mehrwertsteuer an. Wer seine Beschwerde bereits erfolglos an das Verkehrsunternehmen gerichtet hat, kann sich mit seinem Anliegen auch an die Schlichtungsstelle Öffentlicher Personenverkehr (SÖP) in Berlin wenden. Das Schlichtungsverfahren ist für Reisende kostenfrei. Der Vorteil: Die meisten Fälle sind nach Auskunft der Schlichter binnen drei bis vier Wochen abgeschlossen. Am Schlichtungsverfahren nehmen etwa 260 Verkehrsunternehmen teil, darunter Air Berlin, Condor, Lufthansa, Germania, Germanwings, Tuifly, Billigflieger wie Ryanair, Easyjet und Wizz Air, die Deutsche Bahn und zahlreiche Bus- und Schiffsunternehmen.

Sie finanzieren die Schlichtungsstelle auch. Deshalb hat sich SÖP-Geschäftsführer Heinz Klewe von Kritikern schon einiges anhören müssen. Weil der private Trägerverein der SÖP zu einem Teil aus Verkehrsunternehmen besteht, sei davon auszugehen, dass die Schlichtungsstelle nur selten den Luftfahrtunternehmen die vollständige Zahlung des Ausgleichsanspruchs empfehle. Zu Deutsch: Bei der Schlichtung würden dem Kunden gerne mal nur 300 Euro angeboten statt der 600, die ihm eigentlich zustehen. Mit juristischem Beistand erhielten mehr als 90 Prozent seiner Mandanten 100 Prozent ihrer Forderung, so Schmid. Klewe kontert: Von der Satzung her sei die 2009 gegründete SÖP, an die sich jährlich mehr als 10 000 Reisende wenden, nicht nur von der Bundesregierung als Verbraucherschlichtungsstelle anerkannt, sondern auch verpflichtet, keinen Gewinn zu machen.

© Schwäbische Post 28.10.2016 15:37
1431 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.