Wo Musik eine Frage der Gestaltung ist

Design Studierende haben ein spezielles Sitzmöbel für Cellisten geschaffen. Die Badische Staatskapelle testet das Designobjekt von Felix Cordes und Michael Müller.
  • Wichtig bei Veranstaltern: stapelbare Stühle. Foto: privat
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  • In Theorie und Praxis erprobt, könnte aus der Idee ein serienreifes Produkt werden. Foto: privat
  • Wichtig bei Veranstaltern: stapelbare Stühle. Foto: privat

Vielleicht dauern klassische Konzerte künftig länger, weil Cellisten länger durchhalten: Wenn das so wäre, hätten Felix Cordes und Michael Müller ihren Anteil am Erfolg. Beide sind Studierende im Fach Produktgestaltung an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd.

Mit ihrer Semesterarbeit machen sie bereits Fourore: Es handelt sich um einen speziellen Stuhl für Cellisten. Bequemer und individueller an die Musikerin oder den Musiker anpassbar. Die Badische Staatskapelle in Karlsruhe hat das Designobjekt schon ausprobiert, der Kultursender SWR 2 widmete den Studierenden einen Beitrag.

Warum ein Stuhl für Cellisten? „Bürostühle werden seit Jahrzehnten immer neuen Anforderungen angepasst“, sagt Felix Cordes. Die Orchestermusiker hat man dabei ganz vergessen. Sie sitzen auf Möbeln wie vor Jahrzehnten. „Und das nicht immer bequem und dem Umgang mit dem Instrument angepasst“, so Michael Müller.

„Das machen wir“, sagten sich die Jung-Gestalter, als es um die Vergabe von Semesterthemen ging. Ihr Dozent Simon Busse kam mit dem Vorschlag im Gepäck. Er zauberte auch gleich die Kooperationspartner aus dem Ärmel: die Musiker in Karlsruhe, den Möbelhersteller Wilde und Spieth in Esslingen und die Unfallkasse Baden-Württemberg.

Spezielle Anforderungen

Jetzt bleibt nur noch die Realisierung. Mit kleinem Budget geht‘s los. Daten erfassen, Wissen zusammentragen und immer wieder mit den Cellisten reden. Welche Sitzhaltung ist von Vorteil, wo könnte es für Mensch und Cello Verbesserungen geben. Es ist die Phase, in der man besser zu zweit arbeitet. Müller: „Der eine hat eine Idee, der andere vielleicht einen Lösungsvorschlag, ein Pingpong-Effekt, der uns voranbrachte.“

Ein Pingpong-Effekt, der uns voranbrachte.

Michael Müller
Studierender an der HfG

Die Kriterien waren bald auf dem Tisch: Der Stuhl muss leicht sein, vertikal und horizontal stapelbar. Und er muss vor allem die angestrengte Sitzhaltung wegnehmen. „Auf herkömmlichen Sitzmöbeln“, sagt Cordes, ist oft die Sitzfläche zu lang, Musiker müssen sich zu sehr nach vorne beugen, weil das Cello an den Sitz stößt und nicht näher zum Körper kann. Deshalb braucht es eine kurze Sitzfläche, möglichst sogar eine variable, mal etwas kürzer, mal etwas länger. Der Neigungswinkel muss stufenlos verstellbar sein, die Rückenlehne ebenso.

Mit einem dicken Anforderungskatalog gehen Felix Cordes und Michael Müller in die Werkstatt der Hochschule für Gestaltung. „Produktgestalter sind gezwungen, sich handwerkliche Fähigkeiten anzueignen“, meint Müller. Die Arbeitsteilung wird bald deutlich. Müllers Affinität zum Motorrad kommt ihm entgegen. „Dadurch habe ich erste Erfahrungen mit dem Schweißen gesammelt“, sagt er. Gute Aussichten, wenn es um die Herstellung des Rahmens geht. Felix Cordes muss sich ums Polstern kümmern, beide zusammen um die technische Raffinesse. Etwa bei der Frage, wie die Sitzfläche sicher, rasch und auch preiswert zu verstellen ist. Es gibt entsprechende Drehknöpfe mit der nötigen Mechanik, solche Teile werden etwa im Automobilbau verwendet. Weil die Drehachse versetzt angeordnet ist, die Sitzfläche um 360 Grad gedreht werden kann, ergibt sich je nach Einstellung eine kürzere oder längere Auflagefläche. Man kann leicht nach vorn geneigt, nach hinten geneigt oder waagrecht sitzen. Die Sitzhöhe reicht von 41 bis 58 Zentimeter. Bis jetzt lassen sich Orchesterstühle nur um fünf Zentimeter verändern, sagt Cordes.

In der Produktionsphase gibt es immer wieder Nachfragen, die Studierenden reisen mit dem fast fertigen Stuhl zu einer Vorab-Präsentation nach Karlsruhe. Richtig spannend ist aber die eigentliche Vorstellung des Projekts, das war vor wenigen Wochen. Die Erleichterung: Der Cellist ist begeistert von der neuen Sitzmöglichkeit, auch wenn er sie nur für einen Vormittag nutzen kann. Dann reisen Felix Cordes und Michael Müller wieder zurück an die HfG. Mit dem Stuhl unterm Arm und dem guten Gefühl, nah am Markt zu sein. Nicht ausgeschlossen, dass aus der Semesterarbeit ein neues Produkt im Katalog der Firma Wilde und Spieth wird. „Geschäftsführer Thomas Gerber gefällt unser Stuhl“, meint Müller. Er hat uns eingeladen, das Möbelstück an seinem Stand bei der Musikmesse vom 5. bis 8. April in Frankfurt zu zeigen. Cordes: „Darauf arbeiten wir jetzt hin, für uns eine tolle Chance“.

Bei positivem Echo wäre der Schritt vom Prototypen zum Serienmöbel nicht mehr weit. Auch wenn neue Hürden zu nehmen sind. „Der Stuhl muss natürlich in einem Preissegment produzierbar sein, das gute Chancen am Markt bietet.“ Beide HfG-Studierende bleiben aber auf dem Boden. Das nächste große Ziel ist der Bachelor-Abschluss nach dem siebten Semester. „Dann sehen wir weiter.“

Studieren an der HfG

Die Wurzeln der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd reichen zurück bis ins Jahr 1776, als die erste Vorläufer-Einrichtung, eine Zeichenschule, gegründet wurde. Die Einflüsse des Bauhauses und der ehemaligen Hochschulen für Gestaltung Ulm sind prägend für die Lehrauffassung der herausragenden Gestalterischen Grundlagen an der HfG. Möglich sind folgende Bachelor-Studiengänge:

  • Grundlagen der Bachelorprogramme
  • Interaktionsgestaltung
  • Produktgestaltung
  • Kommunikationsgestaltung
  • Internet der Dinge Gestaltung vernetzter Systeme

Außerdem gibt es einen Masterstudiengang:

  • Strategische Gestaltung.


Die HfG ist an drei Standorten vertreten. Im Stammhaus, dem jüngst mit Millionenaufwand sanierten Elsäßer-Gebäude, im Neubau am Bahnhofsplatz und mit dem Studiengang Internet der Dinge im Forum Gold und Silber am Remspark. kust

© Schwäbische Post 10.03.2017 17:17
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