Klassisch Kuchen am Zauberberg

Skigebiet Die Schatzalp bietet ein Abenteuer, das auf der Roten Liste der aussterbenden Wintersporterlebnisse steht: Es gibt Bügellifte und Naturschnee.
  • Fotos: dpa/Fitzthum
  • Die beeindruckende Fassade des Sanatoriums „Schatzalp“. Foto: dpa

Seltsam! Kein Andrang am Zubringersessellift! Und das, obwohl es über Nacht satte 30 Zentimeter geschneit hat und der Himmel nicht wolkenloser sein könnte. Auch der verlockende Tiefschneehang ist noch unberührt. Erst an der Bergstation wird es etwas lebendiger - zwei jugendliche Snowboarder kommen die blaue Piste heruntergebraust, dahinter ein Pensionär auf Brettern aus dem letzten Jahrhundert. „Hier haben wir alle das Skifahren gelernt“, sagt er und ringt nach Atem. „Eigentlich ein toller Hang – nicht zu steil und nicht zu flach, immer sonnig und mit einer fantastischen Aussicht.“

Viel scheint sich auf der Schatzalp in den letzten 50 Jahren nicht verändert zu haben. Mit seinen Bügelliften bietet das älteste Skigebiet von Davos ein Abenteuer, das längst auf der Roten Liste der aussterbenden Wintersporterlebnisse steht: Leise gleiten die Skier aufwärts, an flacheren Stellen lässt der Zug etwas nach, bis man fast zum Stehen kommt. Sekunden später geht es mit einem kleinen Ruck weiter. Erinnerungen an lange zurückliegende Jugenderlebnisse werden wach: die Einsamkeit im Lift, das Klammwerden der Finger, die ungeliebte Auszeit, die man sich mit unerlaubtem Slalomfahren verkürzte.

Wer der juvenilen Sturm-und-Drang-Phase entwachsen ist, kann dem vermeintlichen Zeitverlust aber einiges abgewinnen: Umfangen von einer atemberaubenden Stille, genießt man den Blick auf die unberührte Schneelandschaft, die sich in sanften Wellen bis zum Horizont zieht. Nur das zarte Gleitgeräusch ist zu hören – und der satte Mehrklang, wenn eine Seilklemme über die Rollen des Liftmasts klimpert.

Die Schatzalp hält also, was sie auf ihrer Website slowmountain.ch verspricht: „ein entschleunigtes Skigebiet, in dem Lifte so langsam fahren wie früher“ und man nur Naturschnee findet. Bei seiner Wiedereröffnung 2010 präsentierte sich der Wintersportplatz zwischen Strela und Schiahorn im selben Zustand, in dem er acht Jahre zuvor dichtgemacht worden war – ohne neue Pisten, Funparks und Partyzonen.

Auf einsamer Piste

So fehlt auch am Ausstieg das übliche Gedränge. Man hat alle Zeit der Welt, die Schnallen nachzuziehen und in die Runde zu schauen. Das Panorama ist wahrlich erhebend: Im Süden ragen Piz Kesch und Piz Bernina aus einem Meer von Zwei- und Dreitausendern, im Norden reckt sich der Weissfluhgipfel in den stahlblauen Himmel, der höchste Punkt im Davoser Skizirkus. In Reichweite locken der aussichtsreiche Strelapass und die gleichnamige Einkehrhütte, in der es die besten Rösti der Region geben soll. Doch erst mal geht es hinunter – auf einer bestens präparierten und dennoch einsamen Piste. Nirgendwo Drehgerüste für Schneekanonen, künstliche Speicherseen und ins Gelände gefräste Carving-Autobahnen. Intakte Gebirgslandschaft, so weit das Auge reicht. Skifahren mitten in der Natur. Winter, wie er früher mal war.

Auf den Skihängen wird es ständig hektischer.

Pius App

Architekt der neuen Besinnlichkeit ist Pius App. Mit einem Kompagnon hat der Davoser IT-Spezialist das ganze Terrain gekauft, wobei sie die Lifte praktisch dazu geschenkt bekamen. Im Zentrum der Investition stand eine Immobilie – das hoch über der Stadt thronende Luxus- Sanatorium Schatzalp, in dem Thomas Manns „Zauberberg“-Geschichte spielt. Das zum Hotel umfunktionierte Jugendstil-Bauwerk wurde behutsam renoviert und die Standseilbahn erneuert, die zum 1860 Meter hoch gelegenen Sonnenplateau hinaufführt. Dann wurden die abgehalfterten Liftanlagen auf den Stand der Sicherheitstechnik gebracht, aber nicht durch moderne Aufstiegshilfen ersetzt.

Der 70-jährige Unternehmer weiß natürlich, dass man mit einem verträumten Nostalgie-Skigebiet nicht wirklich Geld verdient, braucht es aber für seine Hotelgäste. In einem der ältesten Ferienresorts der Alpen soll der Charme vergangener Zeiten erhalten bleiben, es dem Gast aber an nichts fehlen. Zugleich ist sich App sicher, mit den Retro-Pisten eine Marktnische zu besetzen: „Auf den Skihängen wird es ja ständig hektischer und gefährlicher – durch immer besseres Material, das auch dem Anfänger höhere Geschwindigkeiten und raumgreifendes Fahren erlaubt, durch Wegplanieren von Buckelpisten, durch die immensen Kapazitätssteigerungen bei den Beförderungsanlagen.“ Das aggressive Gedränge bringe immer mehr Ältere dazu, ihre Bretter in den Keller zu stellen, wodurch die Skigebiete ihre treueste und solventeste Stammkundschaft verlören.

Das zweite Jahr in Folge standen die Anlagen aber bis Mitte Januar wegen Schneemangels still – im Unterschied zu denen an Parsenn und Jakobshorn. Dort konnte man auf schmalen Kunstschneestreifen Ski fahren. „Dafür hatten wir jede Menge Winterwanderer hier oben“, sagt der Geschäftsmann.

Dass sich an einem normalen Tag nur 100 bis 200 Schneesportler im Gelände tummeln, hat nicht nur damit zu tun, dass das Pistenangebot bescheiden ist. Es liegt auch daran, dass die Schatzalp von der Teilnahme am Davoser Liftkartenverbund ausgeschlossen wurde. Wer ein ohnehin teures Abonnement für die Skigebiete von Davos und Klosters besitzt, müsste für den Slowmountain ein zusätzliches Ticket lösen. Das macht niemand, obwohl die Tageskarte nur 30 Franken kostet. Kaum zu glauben: Statt auf Kooperation setzen Bergbahnfunktionäre weiterhin auf die Eliminierung unliebsamer Mitbewerber.

Im Tourismusbüro ist man freilich klug genug, das Alleinstellungsmerkmal der Schatzalp in die Marketingstrategie einzubinden. Statt wie früher nur mit Pistenkilometern und Transportkapazitäten zu werben, die anderswo leicht überboten werden, punktet man nun mit der Spannbreite zwischen be- und entschleunigten Winterangeboten. Ob man Apps Zurück-zur- Natur-Konzept verstanden hat, ist fraglich: Nach dem Willen der Politiker soll eine Mountainbike-Downhill-Strecke mit Steilwandkurven in die Hänge oberhalb der Schatzalp gefräst werden – in einen der wenigen intakten Naturräume, die es in der Umgebung der höchstgelegenen Stadt Europas noch gibt. Weil Trockenwiesen tangiert werden, die im „Bundesinventar für Landschaften von nationaler Bedeutung“ verzeichnet sind, könnte App mit seiner gerichtlichen Klage dagegen recht bekommen – es sei denn, die Richter segnen einmal mehr den Ausverkauf der Natur ab. Ein Wunder wäre die Lizenz zur Landschaftszerstörung aber nicht – nicht einmal auf einem Zauberberg.

Wintersport auf der Schatzalp

Anreise
Mit der Bahn über Zürich und Landquart nach Davos. Mit dem Auto ebenso oder über Bregenz und Vaduz.

Skigebiet Slowmountain Die Wintersaison dauert noch bis zum 2. April. Da es nur Naturschnee gibt, kann die Saison auch länger oder kürzer werden. www.schatzalp.ch/de/slowmountain/

Unterkunft
Hotel Schatzalp, DZ ab 200 Euro/ Nacht. www.schatzalp.ch
Jeden Dienstag und Donnerstag um 14.15 Uhr Jugendstil-Führung durch das Schatzalp. Gratis-Skipass für Hotelgäste sowie Gratis-Schlittenfahrten von der Schatzalp nach Davos-Platz und weitere Vergünstigungen.

Allgemeine Infos
Destination Davos Klosters, Tourismus- und Sportzentrum, www.davos.ch.

© Schwäbische Post 10.03.2017 17:27
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