Ein dekorativer Trockenkünstler

Zierpflanzen Hauswurze sollten früher einen Dachbrand verhindern. Heute entfachen die Rosettenpflanzen das grüne Sammelfieber unter Gärtnern.
  • Weil Hauswurze nahezu überall wachsen, lassen sich alle möglichen Behälter und Utensilien in dekorative Pflanzgefäße verwandeln – alte Töpfe und Tongefäße, Backformen und Wanderschuhe. Fotos: Helga Schneller(2) / Pixabay

Im diesjährigen trocken-heißen Sommer hätten die meisten Gartenpflanzen ohne Wassergaben aus Gießkanne oder Schlauch das Zeitliche gesegnet. Die Gattung der Hauswurze (Sempervivum) dagegen blüht unter praller Sonne und mit staubtrockenem Boden erst so richtig auf. Kunstvolle Rosetten in unterschiedlicher Optik machen das Dickblattgewächs zum dekorativsten Vertreter unter den Trockenkünstlern. Mit rund 60 Arten und mehreren Tausend Sorten ist die Hauswurzvielfalt enorm. Wer mit dem Kauf einer Hauswurzpflanze anfängt, kann so schnell vielleicht nicht wieder aufhören. Denn eine Hauswurz ist schön, viele Hauswurze sind der Hit. Varianten mit flacher oder kugeliger Wuchsform, dunkelgrüne mit roten Spitzen, bronzefarbene, graugrüne, glänzend glatte oder filzig behaarte Züchtungen, solche mit opulenten Blattrosetten oder die etwas zierlicheren Wildformen – sie alle wollen das Gärtnerherz erobern.

Blattwerk als Speicher

Starke Sonneneinstrahlung und wenig Erde unter den Wurzeln sind die Rosettenpflanzen von Natur aus gewöhnt. In ihrer Heimat, den Alpen und Karpaten, bevölkert die Hauswurz sonnige Felsspalten. Dank ihrer dicken, fleischigen Blätter ist die Verdunstung auf ein Minimum reduziert. Das Blattwerk dient als Feuchtigkeitsspeicher, so dass Hauswurze auch Trockenzeiten problemlos überstehen.

Dünger braucht die Pflanze nicht. Sie ernährt sich von den Abbauprodukten, die ihre absterbenden, bodennahen Blätter hinterlassen. Selbst klirrende Winterkälte kann den Pflanzen nichts anhaben. Hauswurze halten Frost und Schnee tapfer stand und erfreuen rund ums Jahr mit immergrünen Rosetten.

Immer lebend

Die Namensgebung macht es deutlich: Sempervivum bedeutet „immer lebend“. Für Gartenmenschen bilden Hauswurze eine echte Spielwiese. Weil sie nahezu überall wachsen, lassen sich alle möglichen Behälter und Utensilien zu dekorativen Pflanzgefäßen verwandeln – ob große Scherben von Tontöpfen, Wanderschuhe, Backformen, Omas Suppenkelle oder eine morsche Baumwurzel.

Das Wichtigste: ein sonniger Standort und durchlässige, magere Erde mit gutem Wasserabzug. Die Gefäße sollten mindestens ein Abzugsloch haben und eine Dränageschicht aus Kies. Als Substrat genügt normale Blumenerde, vermischt mit etwas Sand. Auch für den Steingarten ist Hauswurz optimal geeignet. Zum Kombinieren eignen sich beispielsweise Steinbrech-Arten (Saxifraga), Kuhschelle (Pulsatilla), kriechender Thymian (Thymus) oder Scharfer Mauerpfeffer (Sedum acre), die als Steingartengewächse die Vorlieben der Hauswurz teilen.

Schutz vor Seuchen

In früheren Zeiten war die Hauswurz weniger als Gartenzierde, sondern vielmehr als Schutz-, Zauber- und Heilpflanze gebräuchlich. Im Mittelalter wuchs die als magisch betrachtete Hauswurz auf jedem Gehöft. Das Vieh sollte sie vor Seuchen bewahren, Häuser und Ställe vor Blitzschlag. Leicht entflammbare Stroh- und Reetdächer wurden mit einem grünen Teppich aus Hauswurz bepflanzt.Volkstümliche Namen wie Dachwurz, Donnerkopf, Donnerkraut, Jupiterbart oder Gewitterkrut entstanden. Kaiser Karl der Große verfügte in seiner Landgüterverordnung gar, dass „jeder Gärtner auf seinem Dach Jupiterbart haben solle...“.

Doch nicht Pflanzen-Zauberkräfte schützten vor Gebäudebrand, vielmehr beschattete Dachwurz die Dächer und verminderte somit eine Gefahr des Entflammens. Außerdem hielt die Dachpflanze poröse Naturdächer zusammen und sorgte für mehr Stabilität.

Das Aloe vera des Nordens

Auch als Heilpflanze wurde das immergrüne Gewächs geschätzt. Der frische Pflanzensaft wirkt entzündungshemmend, kühlend und schmerzstillend bei Verletzungen. „Aloe vera des Nordens“ wird die Hauswurz deshalb auch genannt. Pfarrer Sebastian Kneipp empfahl Hauswurz-Tee bei Magenleiden, Übelkeit und zur Blutreinigung. Als „klassische“ Hauswurz gilt die Wildform Sempervivum tectorum, auch Dach-Rose genannt. Die Spitzen ihrer dunkelgrünen Blätter sind rötlich überhaucht. Wie mit feinen Silberfäden durchzogen präsentiert die Spinnweb-Hauswurz (S. arachnoideum) ihre bezaubernd schmucken Rosetten. Bronzefarbene Töne steuert die Sempervivum-Hybride „Bronze Pastell“ bei, während die Bewimperte Kugel-Steinrose (S. ciliosum „Borisii“) mit blaugrünen Nuancen und starker Behaarung aufwartet.

Mit ihrer perfekten Blattanordnung wirken die Rosetten aller Hauswurz-Arten für sich allein schon wie kleine Kunstwerke. Dazu kommen noch hübsche, filigrane Blüten, die sich je nach Art zwischen Juni und August zeigen. Dann schiebt sich aus der Hauswurzmitte ein geschuppter, fleischiger Stängel, an dessen Spitze ein Kranz aus Sternenblütchen thront.

Die Farben variieren sortenabhängig zwischen Rot-, Rosa-, Gelb- und Cremetönen. Alle blühenden Sempervivum-Gewächse sind ausgezeichnete Pollenspender für Bienen.

Für Nachwuchs ist gesorgt

Nach Blüte und Samenbildung stirbt die Hauswurzrosette ab. Das bedeutet jedoch keineswegs das Ende der Pflanze, denn für Nachwuchs ist schon gesorgt. Tochterrosetten, die dicht um die Mutterpflanze sitzen, garantieren den Fortbestand und bilden oft ausgedehnte Teppiche. Zur Vermehrung braucht man die Ableger nur abzunehmen und am neuen Platz gleich wieder einzupflanzen. Als grünes Mitbringsel ist eine Hauswurzrosette auch für Balkongärtner und Gartenneulinge die perfekte Idee.

© Schwäbische Post 07.09.2018 17:12
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