Das feine Schmuddelkind

England Liverpool feiert seinen Wandel von der heruntergekommenen Hafen- und Arbeiterstadt zu einem der kreativsten Pflaster in Großbritannien.
  • Foto: Robert B. Fishman

Aus dem Dunst des Stroms steigen die beiden Türme des Royal Liver Building und der Bau der Hafenverwaltung mit der Kuppel auf. In der Glanzzeit des damals wichtigsten britischen Hafens verewigten sich große Unternehmen an der Waterfront mit aufwendig verzierten Bürohochhäusern im viktorianischen und edwardianischen Stil. Auf den Turmspitzen des Royal Liver, dem Palast einer Versicherung, sitzen zwei große Vögel: die Liver Birds. Die Bauherren bestellten bei einem Bildhauer Adler. Der Mann wusste nicht, wie ein solcher aussieht. So schuf er eine krude Mischung aus Kormoran und Greifvogel. Die ebenso ahnungslosen Auftraggeber präsentierten das neue Wappentier der reichen Handelsstadt. Seitdem blickt der eine Liver Bird aufs Meer, der andere landeinwärts.

Reich geworden war die Stadt im 17. und 18. Jahrhundert mit Geschäften, an die sich heute niemand mehr gerne erinnert: dem Sklavenhandel. Vom Liverpooler Hafen fuhren die Schiffe beladen mit Waffen, Schnaps und anderen Waren nach Westafrika. Dort tauschten die Händler ihre Ladung gegen Sklaven für die Plantagen in Amerika. Für eine britische Kanone bekamen sie vier kräftige junge Männer.

Auf dem Sklavenschiff

Im International Slavery Museum, dem Sklavereimuseum, läuft ein Film, der einen jungen Mann in Nahaufnahme zeigt. In an die Planken genagelte Ketten gefesselt windet er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem schaukelnden Schiff. Er stöhnt und wimmert. Immer wieder muss er sich übergeben. „Ein Sklavenschiff hat man aus acht Kilometer Entfernung gerochen“, beschreibt der Museumssprecher die Zustände. „Sie waren, wie soll man sagen, sehr, sehr unhygienisch. Die Sklaven lagen in ihrem eigenen Schmutz.“ Kranke und Tote ließen die Kapitäne über Bord werfen.

Stadtführerin Charlotte kennt noch das graue, von Wirtschaft und Politik aufgegebene Liverpool. Heute überschlägt sie sich fast vor Begeisterung für ihre Stadt. Immer mehr junge Leute ziehen in die einst weitgehend verlassene Innenstadt. Zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2008 eröffnete das Einkaufszentrum One, inzwischen eines der beliebtesten Shoppingreviere Englands. Der Unterschied zu den üblichen Malls: Läden, Cafés und Restaurants verteilen sich in einer mehrstöckigen Fußgängerzone. Darunter liegen die beim Bau des One wiederentdeckten Fundamente des ersten Docks der Welt, das 1715 hier gebaut wurde.

Ungezählte Musikkneipen

Ein Sklavenschiff hat man aus acht Kilometer Entfernung gerochen

Pressesprecher, ?Sklavenmuseum

Die Architekten des Einkaufszentrums haben sie in das Liverpool One integriert. In den ungezählten Kneipen spielen laufend Musiker – mal organisiert, mal ganz spontan – in einer Session. In den Backstein- und Industriebauten einer ehemaligen Brauerei im neuen Ausgehviertel Baltic Triangle sind zahlreiche Bars gezogen. Das Peaky Blinders hat sich nach der gleichnamigen Fernsehserie benannt. Einige Besucher haben sich angezogen wie die Schauspieler der Serie: Frauen in Kleidern und Hüten der späten 20er Jahre, Männer in weißen Hemden unter grauen Anzügen mit Westen, schwarzen Lackschuhen und Schiebermützen. Einer von ihnen sitzt wie eine Wachsfigur reglos an einem Tisch in der Ecke. Dann packt er das Handy aus und telefoniert.

Die Touristen tummeln sich vor allem in der Mathew Street. Die Wände der alten Backsteinhäuser werfen die Musik aus den diversen Kneipen auf die Gasse, wo sie sich zu einem Brei aus Balladen, Country-Klängen und harten Gitarrenakkorden vermischt. Liedermacher, Rockmusiker und immer wieder Coversänger der Gruppe, die Besucher aus der ganzen Welt nach Liverpool lockt: die Beatles. Sie sind hier aufgewachsen. Als sie noch kaum einer kannte, traten sie für ein paar Pfund im Keller eines ehemaligen Lagerhauses auf: dem Cavern Club, heute ein Wallfahrtsort für die Fans.

Die Beatles in Liverpool

Auf der Bühne versuchen sich täglich andere Interpreten an ihren Stücken. Die meisten sind aktuell wie damals: „No need for greed or hunger, a brotherhood of man, Imagine all the people sharing all the world“, sang einst John Lennon. Phil Hughes, in Liverpool geboren und aufgewachsen, fährt in seinem Minibus Touristen unter anderem auf den Spuren der Musik durch die Stadt. Fast jedes der Beatles-Lieder erzählt eine Liverpooler Geschichte. Die „Strawberry Fields“ waren ein zum Waisenhaus umgebauter Herrensitz mit einem weitläufigen Park. Dort spielten die vier als Kinder Cowboy und Indianer. Später feierten sie hier die ersten Partys. „Strawberry Fields forever . . . nothing is real . . .“, singen sie, „gar nichts ist wahr“, und träumen von der Unbeschwertheit ihrer Kindheitsfantasien, als man „ein Drachen, ein Ritter oder ein Flugzeug“ sein konnte.

Auch dem Stadtteil Penny Lane haben sie ein musikalisches Denkmal gesetzt. Kaum jemand weiß noch, dass die Straße, die dem Viertel seinen Namen gibt, nach dem Sklavenhändler James Penny benannt ist. Paul McCartney singt über seine Kindheit im Viertel, erzählt vom italienischen Friseur Bioletti, der den Kindern Bonbons schenkte, Witze erzählte und seinen Kunden den „Entenarsch“-Haarschnitt der Rock ‘n’ Roller verpassen konnte. Für Phil Hughes ist das Lied „ein Liverpooler Tagebuch“, das man nicht nur auf seinen Touren nacherleben kann.

© Schwäbische Post 09.11.2018 16:44
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