Kaubonbons und Knisterbrause

Heidelberg In der Studentenstadt gibt es einen einmaligen Laden.
  • Jürgen Brecht verkauft internationale Süßigkeiten Foto: Linz

Wenn dein Bruder jetzt eine Vier würfelt, gewinnt die ganze Familie.“ Jürgen Brecht sagt’s, der Junge greift sich den abgegriffenen Becher und versucht sein Glück im Heidelberger Zuckerladen. Vom Boden bis fast zur Decke türmen sich dort seit 1986 Süßigkeiten aus aller Welt. An der Kasse lädt der Inhaber zum Spiel ein. Ein Ort, wie es ihn wohl kein zweites Mal auf der Welt gibt.

„Wir wollten schon immer einen Laden, der anders ist“, erzählt Marion Brecht. Mit weiß behandschuhten Fingern holt sie saure rote Gummischlangen, grüne Schaumzuckerkrokodile und schwarze Fruchtgummitaranteln aus offenen Gläsern und füllt sie in eine Papiertüte. Eine Kundin wünscht sich eine Gruselmischung. Nur Saures, Bonbons mit Brausekern und ein paar Marshmallows für zwei Euro wünscht sich der nächste. Auf Brechts schwarzem Pulli liegt ein Hauch aus feinem Salz von isländischem Lakritz. Eine Spezialität, die auch in Heidelberg schon ihre Liebhaber gefunden hat.

Süßes aus aller Welt

Lose und in kleinen Mengen gibt es unzählig viel Süßes: Frucht- und Weingummi, Kaubonbons und Karamell- Konfekt. Ältere erinnern sich vielleicht an die Knisterbrause aus den 1970er Jahren oder an die Bonbons aus der Tube. Lebkuchenherzen baumeln am Regal. Erdnussbutter-Cups aus den USA, Schokolade aus Mexiko und Peru, Salmiak-Pastillen aus Schweden und Schokoriegel aus Irland werden angeboten. Vereinzelt findet sich auch Herzhaftes in den Regalen: feurige Chilisoßen aus einer irischen Manufaktur zum Beispiel oder Trüffelchips aus Italien. Hauptsache, außergewöhnlich. Ein Student betritt den Laden und möchte eine der spektakulären Torten aus dem Zuckerladen abholen. Er strahlt angesichts der quietschbunten Kreation aus Keksplatten, Weingummi, Schaumzuckerware und gebastelten Papierraketen. Eine Schau. „Die wird den Freunden in der Heimat gefallen“, ist er überzeugt.

Niemand hat es eilig

Ungewöhnlich sind nicht nur das Sortiment und die eigenwillige Dekoration mit Erinnerungswert hinter der alten Holztür in der Plöck 52. An dem Ort, der weniger einem hellen Laden als vielmehr einer dunklen Höhle gleicht, hat es niemand eilig. Die Kunden stehen geduldig an, bis sie an der Reihe sind. Man hat sogar den Eindruck, sie genießen die kleine Auszeit aus dem hektischen Alltag. Familiär geht es zu. Brecht, der bekannt ist für seinen trockenen Humor, sieht mit seinen weißen Haaren und dem weißen Bärtchen ein bisschen wie ein Zauberer aus. Gut gelaunt plaudert er mit seinen Kunden und fordert zum Würfelspiel auf. „Was glaubst du? Sind unter dem Becher mehr oder weniger als zehn Augen zu sehen?“, fragt er zum Beispiel. Ja, er duzt seine Kunden. Der nächste soll versuchen, mit drei Würfeln über zehn zu kommen. Am Ende, so viel ist sicher, gewinnt die Kundschaft immer, auch wenn der Ladeninhaber schnell mal die Spielregeln ändern muss. Dann verteilt er großzügig Lollis, auch an die Familie des kleinen Jungen, der tatsächlich die nötige Vier gewürfelt hat. Claudia Linz

© Schwäbische Post 08.02.2019 16:25
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