Kunst

Zeiträuber und täglich Brot

Maria Lassnig gehört zu den ganz Großen unter den zeitgenössischen Grafikern und Malern: Eine Würdigung in der Staatsgalerie Stuttgart.
  • Farbe ergänzt die Kontur, das Tier den Menschen: Maria Lassnigs „Sanfter Schlaf“ (1983, Sammlung Klewan). Foto: © Maria Lassnig Stiftung
  • Maria Lassnig „Selbstporträt hinter Gitter“ (1976), Bleistift/Buntstift/Collage. Foto: © Maria Lassnig Stiftung Foto: © Maria Lassnig Stiftung
Ungeheuer lebenslustig, aufmerksam und spielerisch zugleich. So lässig wie entschieden und auch mal streng, wenn es um ihre Malerei geht, die in ihrem fast 80-jährigen Schaffen „so viele Feinheiten“ birgt, „dass man da wahrscheinlich gar nie richtig draufkommen wird, auch die Experten nicht“. So zeigt sich Maria Lassnig im Interview mit Hans Ulrich Obrist, das 2008 in der Londoner Serpentine Gallery auf Video aufgenommen wurde. Bei jedem Anschauen bereitet das wieder so viel Freude – und zugleich auch Schmerz.

Denn außerhalb filmischer Aufnahmen ist die am 8. September 1919 unehelich in ärmste Kärntner Bauernverhältnisse geborene Künstlerin nicht mehr zu erleben. Am 6. Mai 2014 ist die lange verkannte, zuletzt jedoch weltweit unter anderem mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk und einer Ausstellung im New Yorker MoMA gefeierte Malerin, Grafikerin und Medienkünstlerin mit 84 Jahren in Wien gestorben.

Der Ruhm kam erst mit fast 60: 1980 hat sie zusammen mit Valie Export den österreichischen Pavillon der Biennale gestaltet und wurde an die „Angewandte“ in Wien berufen – als erste Malerei-Dozentin im deutschsprachigen Raum. Die Stelle habe die damals nach Jahren in Paris in New York lebende Künstlerin erst gar nicht antreten wollen, erzählt Nathalie Frensch, die mit Museumsdirektorin Christiane Lange jetzt in Stuttgart eine Ausstellung zum 100. Geburtstag kuratiert hat: Erst als sie nach einer Fußverletzung in den USA die Arztrechnung nicht bezahlen konnte, kam sie auf das Angebot einer Festanstellung in ihrer Heimat zurück.

Dort gründete die in den frühen 1970er Jahren auch zur Animationsfilmerin ausgebildete, anscheinend grenzenlos Energiegeladene und zugleich unter Depressionen Leidende, diese hartnäckig allen vorbeiziehenden Kunstmoden trotzend an ihrem eigenen Stil festhaltende Körperbewusstseinskünstlerin das bis heute einzige Trickfilm-Lehrstudio Österreichs. Auf sie geht auch die Wiener Dépendance der Internationalen Animationsfilmvereinigung Asifa zurück, in deren Räumen heute etwa Nicolas Mahler arbeitet und Stefanie Sargnagel mit Adnan Popovic „Die normale Show“ produziert.

„Ballett im Kuhstall“

Ihre grandiosen Kurzfilme sind der einzige Teil des vielfältigen, doch stets wiedererkennbaren Werks, das in dieser ersten Stuttgarter Lassnig-Schau fehlt. Die Staatsgalerie, erst seit Kurzem im Besitz von zwei Werken dieser für Lange „tollsten Künstlerin“, zeigt die komplette Lassnig-Sammlung von deren erstem Galeristen in Deutschland, Helmut Klewan.

„Kleewi“, wie Lassnig ihn in einer selbstgezeichneten Postkarte nennt, hatte sie 1976 kennengelernt. Sein Schwerpunkt liegt bei den Gemälden auf den 60er Jahren. Die Grafik jedoch umfasst so gut wie alle Schaffensperioden – von „Ballett im Kuhstall“ (1949) bis zu „Der gelbe Hund“ (2000). Dazu Lithografien, Kohle- („Ich rasier mich nur einmal am Tag“, 1981) und Buntstiftzeichnungen („Childhood“, 1975, „Smiling with my own teeth“, 1979), die ihr Können ebenso illustrieren wie ihren Witz. Aquarelle nennt sie im Interview „Zeiträuber“, wohingegen das Zeichnen vor allem der „Body-Awareness“-Selbstporträts ihr „täglich Brot“ gewesen sei.

Mit starken, klaren, oft verstörenden Konturen, ausgefüllt oder umrahmt von „Gedanken- und Schmerzfarben“ etwa in ihrem später charakteristischen kreischenden Neon-Gelb. Eine Bronze-Plastik und Fotografien vervollständigen die mehr als 90 Arbeiten. Letztere enthüllen das faszinierende Wesen dieser „genialen Weltkünstlerin“, deren Werk Lange zufolge „so viel größer ist als alle persönlichen Geschichten“. Das bestätigt sie mit ihrer Hängung der Gemälde. Zu denen gelangt der Besucher vom Grafikkabinett über Räume voll Richter, Kiefer, Baselitz – männlichen Kollegen, mit denen sich die Meisterin der schmerzvollen Welt- und Selbsterfahrung maß.

Und schließlich ist sie dort auch wieder mit Valie Export vereint, in deren Spiele-Installation „Ping-Pong“ der Besucher nebenan sogar selbst aktiv werden darf.
© Südwest Presse 14.03.2019 07:46
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