Macrons Erfolgsrezept gegen die Gelbwesten

Der Präsident ist wieder im Aufwind – Mit einer nationalen Gruppentherapie hat er den Protesten der Wutbürger den Wind aus den Segeln genommen.
  • Emmanuel Macron sucht die Nähe seines Volkes – hier in der südfranzösischen Gemeinde Greoux-les-Bains. Foto: Claude Paris/afp
Die von den Gelbwesten ausgelöste Krise hatte Emmanuel Macron dermaßen in die Defensive gedrängt, dass manche ihn bereits am Ende wähnten. Doch ihm ist eine spektakuläre Gegenoffensive geglückt mit einer Initiative, auf die zu Jahresbeginn niemand einen Pfifferling geben mochte: „Le grand débat“. Die große nationale Debatte über die Missstände im Land, die der Präsident seinen den Aufstand probenden Bürgern vorschlug, stieß auf ein überwältigendes Echo.

Seit zwei Monaten bereits verwandelt sich halb Frankreich mehrmals wöchentlich in einen großen Debattierklub. Hunderttausende Franzosen beteiligen sich allerorten an diesem Experiment in direkter Demokratie, bei dem sich auch der Präsident persönlich regelmäßig den Fragen und Vorwürfen seiner Landsleute stellt. Wobei Macron, redegewandt und schlagfertig, kaum etwas so gut beherrscht wie die engagierte Diskussion. Selbst nach stundenlagen Wortgefechten – mit hochgekrempelten Armen und Schweiß auf der Stirn – vermag der 41-Jährige noch den Eindruck zu vermitteln, jeden Gegenüber ernst zu nehmen.

Opposition spricht von Show

Von einer „großen Macron-Show“ spricht die Opposition und wirft dem Präsidenten vor, sich lediglich die Bühne für eine gekonnte Selbstinszenierung geschaffen zu haben. Da mag durchaus etwas dran sein. Aber die große Debatte („grand débat“) hat eben auch dazu geführt, dass die Franzosen, statt auf der Straße ihre ohnmächtige Wut zu demonstrieren, sich in die Mehrzweckhallen ihrer Gemeinden setzen und in großer Runde über Steuergerechtigkeit, Umweltschutz, Dezentralisierung oder Schulreformen diskutieren. Alle Forderungen und Verbesserungsvorschläge, die auf den rund 10 000 bis zum Ende dieser Woche organisierten Diskussionsrunden zur Sprache kamen, wurden aufgeschrieben und an das Präsidialamt weitergeleitet. Präsident Macron hat versprochen, den Anregungen Rechnung zu tragen. Der Auswertung sollen konkrete Gesetzesvorschläge folgen, möglicherweise sogar ein Referendum, welches einige der am häufigsten gemachten Vorschläge zur Abstimmung bringen könnte.

Ganz offenbar schenken die Franzosen Macrons Zusage Glauben. Während in der Bevölkerung der Rückhalt für die Gelbwesten beständig bröckelt, weist die Popularitätskurve des Präsidenten auf einmal deutlich nach oben. Hatten im Dezember nur 23 Prozent der Franzosen ein positives Bild von ihm, sind seine Zustimmungswerte inzwischen auf 31 Prozent geklettert.
© Südwest Presse 14.03.2019 07:46
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