Bildungscloud

Was wird aus „Ella“?

Vor sechs Monaten platzte der Traum einer landeseigenen Bildungsplattform. Wie geht es nun weiter? In der grün-schwarzen Koalition treten Risse auf.
  • Sandra Boser. Foto: Lena Lux Fotografie & Bildjournalismus
Am  20. September 2018 senkte Susanne Eisenmann nach langer Hängepartie den Daumen über das Projekt „Ella“. Es war ein Donnerstagnachmittag, kurz vor 16 Uhr. Seit Stunden diskutierte der Bildungsausschuss des Landtags das Projekt. Vertreter von Iteos, die Entwickler der Bildungsplattform, hatten auf einer Leinwand das aus ihrer Sicht fast fertige Produkt live vorgeführt, Abgeordnete hatten kritisch nachgefragt, es herrschte eine nervöse Stimmung.

Dann ergriff die Kultusministerin das Wort. Die CDU-Politikerin sprach über die bisherige Zusammenarbeit, über fehlendes Vertrauen und schließlich sagte sie den entscheidenden Satz: „Es geht darum, inwieweit wir in verschiedenen Varianten dieses Projekt umsetzen können – allerdings ohne den Partner Iteos.“

Das war der Trennungssatz, das Ende eines Projekts, das die grün-rote Vorgängerregierung 2015 begonnen hatte. Es war auch das Ende großer Ziele. „Ella“ hätte zeigen sollen, dass die öffentliche Hand – Land und Kommunen – es schafft, ein höchst ambitioniertes Werk zu erstellen: eine Plattform wie aus dem Silicon Valley, eine Cloud, die Schulen vernetzt, alle Lehrer und Schüler, 1,5 Millionen Nutzer, die den Unterricht revolutioniert, aber hiesige Datenschutzregeln einhält.

Der Traum war geplatzt. Und Eisenmann betonte: Es kommt kein schneller Ersatz. Man werde sich „zwangsläufig eine gewisse Zeit nehmen müssen. Ob das ein Jahr ist oder ob es eineinhalb, drei oder vier Jahre sind, darüber möchte ich keine Aussage machen.“ Sie betonte, Gründlichkeit gehe vor Schnelligkeit.

Am Donnerstag tritt der Ausschuss wieder einmal zusammen. Die Ungeduld ist groß. Schon Ende Februar hat Sandra Boser, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Eisenmann einen Brief geschrieben: „Hat das Kultusministerium in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium geprüft, ob es einen Anbieter gibt, der für die Umsetzung einer Bildungsplattform in Frage kommt?“, fragte sie. „Wurde bereits, wie angekündigt, eine europaweite Ausschreibung vorgenommen?“ Könne man „Ella“ nicht doch weiterentwickeln? Boser drängte zur Eile, fragte Eisenmann „nach Ihrer Einschätzung, bis wann eine Bildungsplattform für die baden-württembergischen Schulen umgesetzt sein wird“.

Die Ministerin antwortete ebenfalls per Brief: Es würden „mehrere Optionen zur Umsetzung einer digitalen Bildungsplattform diskutiert, ohne dass schon eine abschließende Entscheidung getroffen wurde“, schrieb sie. Zwar zeichne sich ab, dass ihr Ressort weiter mit der Landes-IT-Behörde BITBW zusammenarbeiten werde. „Wie allerdings die genauen Modalitäten der Zusammenarbeit mit BITBW sowie die künftige Projektstruktur aussehen werden, ist noch nicht abschließend entschieden.“ Außerdem verwies sie auf eine neue Stabsstelle in ihrem Ressort.

Boser ist irritiert. Sechs Monate sei die Entscheidung her, sagt sie dieser Zeitung. Sie hätte mehr erwartet, kritisiert sie und fordert Eisenmann auf, „gezielt Anbieter von Open Source-Lösungen“ in ihre Überlegungen einzubeziehen. Außerdem solle die Ministerin einen Beteiligungsprozess mit Schulen, Schulträgern und Verwaltung starten.

Auch die Opposition geht gereizt in den Ausschuss. SPD und FDP haben beantragt, dass das Gremium ausnahmsweise öffentlich tagt. Eisenmann liege „seit Dezember ein Konzept von BITBW vor, wie es mit der Bildungsplattform Ella weitergehen soll. Die Prüfung im Haus sollte schon längst abgeschlossen sein“, wettert der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei. „Stattdessen ziehen weitere Wochen und Monate ins Land, in denen unsere Schulen keine neue Perspektiven bekommen. Bislang wurde das Projekt noch nicht einmal neu ausgeschrieben.“ Auch der FDP-Abgeordnete Timm Kern bemängelt, zu „Ella“ höre man „weder von Frau Eisenmann noch von Herrn Strobl seit Wochen konkrete Aussagen“. Er findet: „Ein Weiter-So im Abschieben von politischer Verantwortung darf es aber nicht geben.“
© Südwest Presse 14.03.2019 07:46
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