„Eine kluge Variante zivilen Ungehorsams“

Die „Fridays for Future“-Bewegung stimmt den Jugendforscher optimistisch. Endlich stelle die junge Generation wieder Fragen und Forderungen. Nichts rechtfertige es, 14- bis 17-Jährige von Wahlen auszuschließen. Von Antje Berg
Ein kleines Roulette mit einem Holzkreisel steht auf dem Tisch von Klaus Hurrelmann. In seinem hellen Büro in der Berliner Friedrichstraße, wo er an der privaten Hertie School of Governance eine Senior-Professur inne hat, erklärt der Jugendforscher dem Besuch seine Sammelleidenschaft: „Kreisel faszinieren mich, weil sie so lange eigenständig in Bewegung bleiben“, sagt der 75-Jährige. „Und doch brauchen sie immer wieder den entscheidenden Impuls von außen.“

Herr Professor Hurrelmann, was ist Ihre intensivste Erinnerung an Ihre Jugendzeit?

Ich bin in einem Dorf in Norddeutschland zur Schule gegangen. In den Klassen saßen bis zu 40 Schüler, und es war etwas Besonderes, aufs Gymnasium zu dürfen. Fünf Schüler kamen in den Genuss. Darunter auch ich, obwohl meine Eltern – mein Vater war Seemann – das nicht wollten, weil es Schulgeld kostete. In der ersten Zeit dort stand ich richtig unter Schock – lauter Töchter und Söhne der etablierten Schicht. Viele Lehrer hatten noch in der Nazi-Zeit unterrichtet, wir wurden gedemütigt und geschlagen. Deshalb habe ich versucht, ein besonders guter Schüler zu sein. Mit der Folge, dass meine Mitschüler, aber auch mein Vater mich spüren ließen, dass ich ein verachtenswerter Streber bin.

So dass sie aus dieser Rolle schnell wieder raus wollten?

Ja, ich habe dann mit einem Schüler in der Klasse ein oder zwei Diebstähle begangen. Als er aufflog, behauptete er, ich hätte ihm schon lange zugearbeitet, was nicht stimmte. Also stand ich plötzlich vor einem Jugendgericht, musste zum Wochenendarrest antreten und flog von der Schule. Mit viel Glück hat mich eine Gesamtschule mit gymnasialem Zug aufgenommen. Das alles hat mich dazu gebracht, Pädagogik, Psychologie und Soziologie zu studieren. Eines meiner ersten Forschungsprojekte hieß folgerichtig: Abweichendes Verhalten in der Schule. (lacht)

War Ihre Jugendzeit spannender als die heutige Zeit – oder ist es eher umgekehrt?

Schwer zu sagen. Die 60er Jahre waren von Aufbruch geprägt, vor allem von dem Wunsch, sich von autoritären Mustern zu befreien. Heute gibt es durchaus Parallelen. Viele Schüler merken, dass die politische Lage festgefahren ist, gehen wieder auf die Straße, stellen Fragen und Forderungen – ohne die Aggressivität der 68er, was ich gut und konstruktiv finde.

Imponiert Ihnen die „Fridays for Future“-Bewegung?

Mir imponiert, dass sie überhaupt zustande gekommen ist – nach vielen Jahren politischer Abstinenz. Diese Protestform ist eine kluge Variante des zivilen Ungehorsams, die Sympathie weckt.

Woher rührte die Abstinenz davor?

Das politische Engagement junger Leute war Anfang bis Mitte der 2000er Jahre auf einem historischen Tiefststand. Die bis zu 25-Jährigen waren so damit beschäftigt, in Ausbildung und Beruf zu kommen, dass für nichts anderes Energie blieb. Viele mussten sich als überflüssig empfinden. Statt mit Protest zu reagieren, wurden sie angepasst bis opportunistisch. Die heute unter 20-Jährigen haben diese Sorge nicht, man braucht sie wegen des Fachkräftemangels dringend.

Die jetzige Bewegung ist schnell groß geworden. Wird sie auch schnell verschwinden?

Nein, wer eine solche Aktion über Monate hinweg aufrechterhalten kann, hat Durchhaltevermögen. Im Moment fühlen sich etwa 15 Prozent der Jugendlichen davon angesprochen. Doch die Bewegung könnte sich ausweiten, wenn sie weitere Fragen der Generationengerechtigkeit aufgreift.

Was steckt dahinter, wenn die Demos von der Politik gelobt oder kritisiert werden?

Anbiederung und Irritation. Man ist schlichtweg perplex darüber, dass eine 16-jährige Schülerin eine internationale Bewegung lostreten konnte. Greta Thunberg hat mit ihrer konsequenten und sachlichen Argumentation längst Ikonen-Charakter.

Die Politik hat nicht damit gerechnet, dass die Jungen plötzlich auf die Straße gehen?

Ja, vor allem Union und SPD sind ausgerichtet auf das Gros der Wähler, also auf die über 50-Jährigen. Deren Emotionen, Befindlichkeiten und Bedürfnisse werden bedient. Nur bei den Grünen ist das etwas anders: Nicht ohne Grund hat diese Partei bei der Mehrheit der Jugend die Nase vorne.

FDP-Chef Lindner sagt, die jungen Leute sollten lieber in die Schule statt auf die Demo gehen. Lernen sie da noch, was wichtig ist?

Nein, wichtige Lebensbereiche werden kaum oder gar nicht thematisiert: Wirtschaft, Finanzen, Medienkunde, Umwelt und Gesundheit. Die jungen Leute merken das natürlich, was dazu führt, dass Schule an Autorität verliert. Heute darf es nicht mehr darum gehen, in erster Linie Wissen zu vermitteln, das kann man jederzeit digital abrufen. Es geht darum zu lernen, wie man Wissen nutzt, richtig einsetzt, gut verwertet. Deshalb muss Schule dringend auf die Höhe der Zeit gebracht werden.

Wenn „Fridays for Future“ 15 Prozent der Jugend anspricht: Wie ticken die übrigen?

Wir haben es hier insgesamt mit einer klugen, pragmatischen und bildungsorientierten Generation zu tun, die zur Hälfte durchaus politisch interessiert ist. Fleiß und Disziplin stehen wieder hoch im Kurs, aber auch Selbstbestimmung und Lebensgenuss. Etwa 20 Prozent haben Probleme. Das sind überwiegend junge Männer, die in der Bildung nicht mithalten, aus der Bahn geraten und durch Drogenkonsum, Kriminalität und rechtsradikale Orientierung auffallen.

Baden-Württemberg steht vor Kommunalwahlen. Auf vielen Plakaten sind die immer gleichen alten Gesichter zu sehen. Was treibt die über 65-Jährigen an?

Sie halten sich für besonders erfahren, kompetent und sind der Auffassung, dass unsere Demokratie von Leuten wie ihnen lebt. Dahinter steckt der Gedanke: So gut wie ich kann das keiner. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Für die Jungen gibt es da wenig Platz – und wenig Ermutigung.

Brauchen wir eine Jugendquote oder gar ein Wahlrecht für unter 18-Jährige?

Heute haben auch unter 18-Jährige die politische, intellektuelle und soziale Fähigkeit einzuschätzen, worum es bei einer Wahl geht. Im Gesetz ist mit 14 Jahren die Religionsmündigkeit festgelegt. In diesem Alter kann also ein Mensch entscheiden, welcher Religion er angehören will. Warum soll er nicht auch politisch entscheiden können?

Vielleicht weil er zu sehr beeinflussbar ist.

Aber wir über 18-Jährigen lassen uns doch auch beeinflussen – vom Partner, von Freunden, von den Medien. Und wie viele alte Menschen fragen ihre Kinder: Was soll ich wählen? Oder nehmen Sie das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach auch unter Betreuung stehende Menschen wählen dürfen. Nichts rechtfertigt es, die Jugend auszuschließen.

Und die Jugendquote?

Wollen wir wirklich, dass eine Jugendbewegung neben Parteien und Parlament herläuft – wie damals die APO? Das ist riskant, weil die repräsentative Demokratie nur funktionieren kann, wenn in den Parteien alle Gruppen angemessen vertreten sind. Deshalb sollten sich die Parteien zwingen, junge Leute zu fördern.

Was stört die Jungen an Parteien?

Dass sie in sich geschlossene, nach eigenartigen Regeln arbeitende Apparate sind, in denen Auseinandersetzungen mühsam vonstatten gehen und anstrengende Aufstiegsrituale absolviert werden müssen.

Sprechen wir über die Eltern: Gab es jemals so viele Gemeinsamkeiten mit den Kindern? Man hört ähnliche Musik, liest ähnliche Bücher, inzwischen gibt es sogar die Bewegung „Parents for Future“.

Viele junge Leute wählen heute ihre Eltern als eigenes Modell. Das ist ein dickes Kompliment. Die Kehrseite: Man ist so dicht an den Eltern, dass die Ablösung schwierig wird, man zu spät Selbstständigkeit, Entscheidungs- und Widerstandsfähigkeit entwickelt.

Spielt auch Bequemlichkeit eine Rolle?

Ja, vor allem aber das Gefühl einer Win-win-Situation. Die Jungen müssen keinen Haushalt führen, die Eltern haben die Modernität und den Digitalservice im Haus. Das alles aber um den Preis, dass sie ihren 25-jährigen Kindern Entscheidungen abnehmen, statt sie früh zu coachen, selbst Entscheidungen zu treffen. Ich plädiere für eine gesunde Distanz.

Bald gehen die Babyboomer in Rente: Vorteil oder Nachteil für die Jungen?

Der Vorteil: Es stehen Jobs zur Verfügung – nach langer Durststrecke. Das ist für eine junge Generation unbezahlbar. Der Nachteil: Sie werden bis mindestens 70 arbeiten müssen, eine minimale gesetzliche Rente beziehen, Zusatzversicherungen abschließen müssen und ihr Berufsleben lang hohe Rentenbeiträge zahlen, um die vergleichsweise guten Renten ihrer Eltern und Großeltern zu finanzieren. Dieser Konflikt wird schon bald mit voller Wucht aufschlagen.

Was erwarten junge Leute heute von Ihrem Arbeitgeber?

Ein unbefristeter Vertrag steht ganz oben auf der Wunschliste. Sie möchten sich im Beruf einbringen können, ernst genommen werden, konstruktives Feedback erhalten. Außerdem ein gutes Betriebsklima, flache Hierarchien, nachvollziehbare Entscheidungen des Führungspersonals, Aufgeschlossenheit für digi- tale Entwicklungen sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Das ist eine ganze Menge.

Sie können es sich leisten, Ansprüche zu stellen. Unternehmen, die all das missachten oder nur bedingt erfüllen, werden sich in Zukunft sehr, sehr schwer tun, noch Personal zu finden. Letztlich werden die jungen Leute unsere Arbeitswelt neu gestalten, modernisieren, umwälzen – sie sind heimliche Revolutionäre.

Herr Hurrelmann, wann fühlen Sie sich jung – und wann richtig alt?

Ich fühle mich jung, wenn ich das Gefühl habe: Ich kann an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben, ich verstehe, worum es geht, und kann hier und da noch Einfluss ausüben. Alt fühle ich mich, wenn es hier und da zieht und zwickt, und die Arbeit jetzt, mit über 70, einfach länger dauert.

Was tun Sie, um sich jung zu halten?

Arbeit ist mir wichtig, ich lasse mich gern von jungen Leuten fordern. Ich mache viel Sport, habe drei Kinder und sechs Enkelkinder. Das ist eine wirklich schöne Sache: Zu merken, dass ich im Gegensatz zu meinen Eltern motivieren, fördern und stärken konnte.

Was wünschen Sie der jungen Generation?

Dass die Welt für sie lebenswert bleibt. Wir sollten mehr auf sie hören: Was sie sagt, ist wichtig. Jugendforschung ist immer auch Zukunftsforschung.
© Südwest Presse 15.05.2019 07:45
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