Aufregende Kopfgeburten

In Venedig treffen sich Künstlerinnen und Künstler aller Kontinente. Der deutsche Pavillon hat sich in eine Baustelle verwandelt.
  • Auch die kleinen Länder fallen auf: Hrafnhildur Arnardóttirs bunte Höhle im isländischen Pavillon. Foto: Lena Klimkeit/dpa
  • Natascha Süder Happelmann (linkes Bild, rechts) und ihre Sprecherin vor dem deutschen Pavillon. Für Gesprächsstoff sorgt das Bootswrack, das Christoph Büchel nach Venedig gebracht hat: Es war 2015 verunglückt, dabei starben wahrscheinlich 800 Flüchtlinge. Foto: Gerda Meier-Grolman
  • Alexandra Bircken reüssiert mit ihrem auseinandergesägten Motorrad. Foto: Gerda Meier-Grolman
  • Natascha Süder Happelmann und ihre Sprecherin vor dem Deutschen Pavillon in Venedig. Foto: Gerda Meier-Grolman Foto: Gerda Meier-Grolman
Was in Venedig im Mai so abgeht, spottet jeder Beschreibung. Die Kreuzfahrtschiffe spucken tausende Passagiere aus, das Gedränge rund um San Marco ist atemberaubend. Und mittendrin beginnt die 58. Kunstbiennale – jeden nicht ganz baufälligen Palazzo reißen sich Sammler, Galeristen und Funktionäre unter den Nagel. In den Pavillons der Giardini residieren Großbritannien, Spanien, Belgien, Holland, die Schweiz, Ungarn, Österreich, Frankreich, Deutschland, USA, Israel, Russland, Polen, Kanada und Australien. Aber auch Andorra, Albanien, der Kosovo, Madagaskar oder Simbabwe wollen beachtet werden und mieten sich an sämtlichen Ecken der Stadt ein.

Zuerst sollte der Besucher sich allerdings die Eigeninszenierung der Verantwortlichen zu Gemüte führen, die Hauptkunstschau im Biennale-Pavillon in den Giardini und den Parcours im Arsenale. Dieses Mal übertrumpft Biennale-Kurator Ralph Rugoff seine Vorgänger, indem er seinen Künstlerinnen und Künstlern einen doppelten Auftritt verschafft.

Die amerikanische Bildhauerin Nicole Eisenman etwa präsentiert ihre gruselig-komischen Kopfskulpturen im Arsenale, die Giardini bestreitet sie mit großformatigen, ebenso heiter und naiv gestimmten, zugleich aber makabren Bilderzählungen. Außer Rosemarie Trockel lässt auch ihre bedeutend jüngere deutsche Kollegin Alexandra Bircken aufmerken. Zeigt sie im Arsenale von der Decke baumelnde Latexfiguren und einen etwas demolierten Zweiradboliden, so lässt sie in den Giardini solch eine Spezialmaschine mittenmang durchsägen, legt sämtliche verborgenen technischen Innereien bloß und führt damit auch die eigentlichen Funktionen ad absurdum.

Perfekt inszenierte Videos

Ein Riesengewinn bei Rugoffs Biennale-Schau: Er führt asiatische, afrikanische, europäische wie amerikanische Kunstschaffende zu einem Dialog auf einem so hohen Qualitätsniveau zusammen, dass keinerlei Ausrutscher zu verzeichnen sind. Die Video-Installationen wurden noch nie zuvor so perfekt arrangiert; man kommt kaum aus den Blackboxes heraus.

Aber was ist mit den Biennale-Pavillons? Im zuletzt 2017 mit dem Goldenen Löwen dekorierten deutschen Pavillon tun sich gleich heftige Probleme auf. Verstörend schon die Tatsache, dass man die für den Inhalt verantwortliche Künstlerin, Natascha Sadr Haghighian, gar nicht zu fassen kriegt. Sie hat ihren Namen durch den Zufallsgenerator gejagt, seither geistert eine mit Pappkopf und Trillerpfeife geschmückte Natascha Süder Happelmann durch die Medienlande und beäugt eine Flüchtlingsunterkunft nach der anderen. Bei Pressekonferenzen tut sie den Mund nicht auf und lässt die Sprecherin Helene Duldung (vermutlich auch eine nagelneue Namensfindung) als Alter Ego auftreten.

Den Pavillon hat sie in eine Baustelle verwandelt: Gerüstgestänge, eine undefinierbare Sound-Kakophonie, blindgestrichene Fenster, Findlinge, grobe Steine aus der Retorte, Zementstaub und eingetrocknete Wasserlachen auf dem Boden. Mittendrin hat Happelmann eine bedrohlich hohe Staumauer aufrichten lassen. Es hat den Anschein, dass sie keine andere Absicht verfolgt als die Betrachter in eine Verunsicherung zu schicken, in der Identitäten suspekt werden, Namen nur Schall und Rauch sind und festgefügte Bauten, vielleicht ganze Gesellschaften, Ideologien und Philosophien ins Wanken geraten können.
© Südwest Presse 15.05.2019 07:45
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