Zu wenige Betten für Urlauber

Im Schwäbisch-Fränkischen Wald fehlt für nachhaltigen Tourismus die nötige Infrastruktur. Organisatorische Defizite bremsen die Entwicklung.
  • Die Menzlesmühle liegt im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. Foto: Jürgen Stegmaier
Günstiger könnte die Lage unweit der Ballungszentren Stuttgart und Heilbronn nicht sein. Schon nach kurzer Fahrt ist im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald ein Landstrich erreicht, den Richard Sigel als „Vielfalt auf kleinem Raum“ beschreibt. Der Landrat des Rems-Murr-Kreises ist in Personalunion Vorsitzender des Naturparkvereins. Die Besucher sollen länger bleiben. Deshalb wird jetzt an einem Konzept für nachhaltigen Tourismus gefeilt. Dabei müssen bürokratische Hürden überwunden werden.

Auf dem 1270 Quadratkilometer großen Schutzgebiet hat der Tourismus, also der mehrtägige Aufenthalt, noch eine ziemlich geringe Bedeutung. „Die Naherholung spielt mit großem Abstand die wichtigste Rolle“, erklärt Bernhard Drixler, Geschäftsführer jenes Naturparks, der bereits vor 40 Jahren unter Schutz gestellt wurde. Mehrere Übernachtungen buchten vor allem mobile Monteure: „Echte Urlauber sehe ich bei uns nicht viele.“

Wachstum zu langsam?

Von Overtourism ist der Schwäbische Wald weit entfernt. „Man kann hier noch immer stundenlang wandern und keinen anderen Menschen begegnen“, weiß Drixler aus Erfahrung. Von jeher sei „sanfter Tourismus“ propagiert worden. „Wir wollen nur langsam wachsen, aber vielleicht geht es doch zu langsam“, gibt der gelernte Förster zu bedenken.

Eine effiziente Infrastruktur habe sich nicht flächendeckend entwickelt. Es fehle vielerorts an Hotels, selbst Pensionen oder Ferienwohnungen seien Mangelware: „Es ist kaum machbar, 100 Betten für zwei Tage in einem Ort zu finden.“ Wenige große und attraktive Herbergen wie das „Raitelberg Resort“ in Wüstenrot mit 70 Zimmern oder das neue „Panoramahotel“ in Waldenburg mit 120 Zimmern seien stark nachgefragt. Drixler hofft, dass in zehn, spätestens zwanzig Jahren in jeder der 48 Mitgliedsgemeinden „gute Übernachtungsmöglichkeiten mit mindestens 50 Betten“ angeboten werden könnten.

Doch wer heute bereits dem Vorschlag des Landrats folgt und sein „persönliches Glück in Wanderschuhen oder auf dem Fahrrad“ finden möchte, bringt am besten die Verpflegung selber mit. In immer mehr Dörfern sei das einzige Wirtshaus geschlossen, bedauert Drixler: „Das ist ein echtes Problem.“

Die Vermarktung als Erholungsgebiet und Urlaubsregion teilten sich zehn Organisationen, die sich nicht immer einig seien. „Es ist wie ein Bermuda-Dreieck der Zuständigkeiten“, klagt Drixler. Seiner Ansicht nach sollte zügig „das große Dach“ entstehen, anstatt weitere kleinteilige Einheiten zu entwickeln. Der Fachmann ist wenig erfreut über lokale Aufsplitterungen. Denn auch Drixler weiß, dass die Chancen für einen naturgemäßen Tourismus der kurzen Wege nie so gut standen wie heute. Die Klimadebatte und die zunehmende Kritik an Flugreisen machten Nahziele wie den Naturpark attraktiver. Vielfältige Angebote gibt es zuhauf. Schon jetzt erleben 35 Naturparkführer großen Zulauf. Zu jährlich 900 Terminen kommen 30 000 Interessenten. „Das ist der Hammer“, begeistert sich Drixler.

„Fränkisch“ irritiert

Freilich wäre es hilfreich, wenn die Destination mindestens allgemein verständlich benannt werden könnte. Deshalb ist der Experte auch unzufrieden mit der Namensgebung des Naturparks: „Fränkisch ist natürlich irritierend, das ist ein Riesenhemmnis.“ Doch als das Reservat 1979 abgegrenzt worden ist, wurde scheinbar die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung beachtet, ausgehend von den „Schwäbisch-fränkischen Waldbergen“, wie sie in der amtlichen „Einteilung der Naturräume in Baden-Württemberg“ vermerkt sind. Dabei wurde jedoch übersehen, dass nach dieser Definition der Welzheimer Wald gar nicht in diesem Naturpark liegen dürfte – er gehört offiziell zum Schurwald.

Wenn demnächst eine neue Rechtsverordnung formuliert werden muss, will der Geschäftsführer eine „Öffnungsklausel“ für eine spätere Streichung des Zusatzes „Fränkisch“ einfügen. Doch dagegen sträubten sich die Kommunen in den Landkreisen Hohenlohe, Schwäbisch Hall und Heilbronn.
© Südwest Presse 15.05.2019 07:45
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