Im Rhythmus der Wellen der Entschleunigung entgegen

Deutschland In Mecklenburg und Brandenburg kann man sich gemächlich fortbewegen.
  • Chillen auf der Müritz. Foto: Claudia Linz

Heute haben wir eine fröhliche Vier“, freut sich Dagmar Rockel-Kuhnle, während ihr Blick über die Müritz wandert. „Man sieht das an den Schaumkrönchen auf den Wellen“, schiebt sie die Erklärung hinterher. Dann schwingt sich die Sprecherin von Kuhnle-Tours aufs Salondach, gießt sich aus der blauen Thermoskanne Kaffee ein und lässt einen der Freizeitkapitäne ans Steuer der „Trebel“.

Für das Hausboot der Baureihe „Kormoran“ benötigt man keinen Führerschein, lediglich eine dreistündige Einweisung. Und da die Kapitänin zwischen Waren und dem Heimathafen Rechlin mit an Bord ist, lässt es sich bei neun Kilometern pro Stunde sehr entspannt dahinschippern.

Komfort an Bord

Entschleunigung auf dem größten See Deutschlands, dessen Name sich vom slawischen „morcze“ (kleines Meer) ableitet. Doch was ist mit dem Bodensee? „Der ist flächenmäßig zwar größer“, wirft Miriam Gedrose vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern ein, „gehört aber in Teilen auch Österreich und der Schweiz“. Auch, dass das Bundesland im Nordosten mit gleich drei Nationalparks aufwarten kann, ist für manche der Mitreisenden neu. Einer ist der Müritz-Nationalpark, in dem tags drauf Rangerin Kerstin Alban zu den Stellen führt, an denen man Kraniche, Graugänse, Fisch- und Seeadler beobachten kann.

Die Nacht an Bord beginnt und ist erstaunlich komfortabel in der Kabine mit richtigen Betten und dem Mini-Badezimmer gleich gegenüber. Zieht man dort den Wasserhahn aus der Armatur, wird daraus der Brauseschlauch. Und so geht die Fahrt nach einer erfrischenden Dusche am nächsten Morgen auf der Müritz- Havel-Straße weiter zu den „Mirokesen“.

Friedrich der Große hat die Bewohner von Schloss Mirow spöttisch mit diesem Namen bedacht. Primitiv und „urkomisch“ erschienen sie ihm. Von außen wirkt Schloss Mirow, das viele Jahre im Dornröschenschlaf vor sich hin schlummerte, bescheiden. Innen ist es ein Rokoko-Schatzkästchen, das man nur mit gewienerten Schuhen betreten darf. Sehenswert sind das mit rotem Damast bespannte Audienzzimmer, der mit Stuck verzierte Festsaal und die Knötchenstickerei im Porzellankabinett. Bei der Rekonstruktion habe man darauf geachtet, auch die Fehler einzuarbeiten, weiß Kastellan Ralf Bäßler. „Sonst wäre es ja kein Original.“ Neben dem Schloss ist auch die „Liebesinsel“ mit dem Grabmal des letzten Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz einen Besuch wert.

Von Holland an den Ellbogensee

An der Grenze zu Brandenburg haben Marianna von Schmidt und Niek Kuijs ihr neues Zuhause gefunden. Während eines Urlaubs hat sich das Paar so sehr „in die Stille und den Sternenhimmel am Ellbogensee verliebt“, dass es sein Leben in Holland hinter sich ließ. Heute betreiben sie einen Campingplatz mit Bioladen, Holz-Zelten, Tiny-House und Naturspielplatz. Kristin Sinnig und Martin Richter-Sinnig verleihen Flöße, Kanus und Kajaks. Jetzt stecken die Betreiber des Unternehmens „Wilde Heimat“ ihre ganze Leidenschaft in den neuen Eco-Campingplatz mit Ferienhäusern an der Siggelhavel. „Uns ist wichtig, Naturnähe nicht nur zu verkaufen, sondern auch zu leben“, sagt Richter-Sinnig. An Bord der „Friderike“, dem größten der drei Holzflöße, klettern wir über die Leiter zum Sonnenbaden aufs Kabinendach und hängen am Heck die Füße ins Wasser. Kann Entschleunigung schöner sein? Claudia Linz

© Schwäbische Post 07.06.2019 15:55
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